Ewiges Leben
"Das Individuum verschwindet": Was passieren würde, wenn die Menschen unsterblich wären

Wir beschwipsen uns mehr denn je an der Idee der Unsterblichkeit. Eine Abrechnung.

Eduard Kaeser*
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Die Alterung des Körpers zu bremsen oder gar zu stoppen, gelingt als Statue (hier David) immer noch am besten.

Die Alterung des Körpers zu bremsen oder gar zu stoppen, gelingt als Statue (hier David) immer noch am besten.

KEYSTONE

Die Menschheit durch rationales Denken von den naturgegebenen Zwängen des Körpers zu erlösen – davon träumten Wissenschafter im vorigen Jahrhundert. Heute feiert die Unsterblichkeitsbewegung in einem wissenschaftlich und technologisch fortgeschrittenen Stadium in der Bay Area um San Francisco Urständ.

Genetik, Neurologie, künstliche Intelligenz, Bio-Informatik und andere Disziplinen wecken Erwartungen in eine Lebensverlängerung ad libitum. Der Journalist Mark O’Connell beschreibt die Bewegung in seinem jüngst erschienenen Buch «To Be a Machine» («Unsterblich sein») als einen bunten und schrillen Haufen aus Unternehmern, Wissenschaftern, Ingenieuren, Küchen-und-Keller-Experimentatoren, Risikokapitalisten, Trickstern, Technoevangelisten. Dem Gemisch untergehoben ist die Hefe der «kalifornischen Ideologie», eine Kreuzung aus Hippie- und Yuppietum.

Ungeachtet der eugenischen Schmutzspur durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, behauptet sich die Idee der Menschenverbesserung hartnäckig, ja ist zum Fanal eines neuen Futurismus geworden. Google steckt einen Drittel seines Milliardenbudgets für Forschung in Projekte mit Schwerpunkt Lebensverlängerung und Vergreisungsverhinderung. In Silicon Valley schiessen die Start-ups der Unsterblichkeitsindustrie wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Der Kapitalismus entdeckt seinen grössten Gegner: den Tod. Bill Maris, Ex-Leiter von Google Ventures, verkündete 2015, im Kampf gegen den Tod «versuchen wir nicht ein paar Yards, sondern das Spiel zu gewinnen».

Körper als Grab und Goldgrube

Solches Tönespucken gehört längst zum Usus in Konferenzen, TV-Shows und TED-Talks. Wir sollten auf den Grundton achten. Aus ihm hören wir eine höchst defiziente Anthropologie heraus: das Unbehagen an unserer Biologie. Der Körper des Menschen ist sein Grab, verkündeten die alten Gnostiker. Die neuen Techno-Gnostiker erspähen in dem Grab eine Goldgrube. Die Biologin und Risikokapitalistin Laura Deming spricht von einem «200-Milliarden-Dollar-plus-Markt».

Es gibt prinzipiell zwei Ausbeutungsmethoden dieser Goldmine: Aufrüstung oder Überwindung unserer Biologie. Im ersten Fall bestückt man den Organismus – die Wetware – mit zusätzlicher Hard- und Software. Die Entwicklung läuft auf vollen Touren. Man muss nur einen Blick auf den Markt der Apps werfen, mit denen sich der körpersensible Konsument hochrüstet um seiner Gesundheit, Mindfulness und Lebensverlängerung willen. Die Entwicklung setzt sich fort in der mikrobiologischen Intervention im Genmaterial.

Von sich reden macht etwa der Bioinformatiker Aubrey de Grey, der entdeckte, dass eine Ursache des Alterungsprozesses in Schäden und Mutationen der Mitochondrien liegt, der zellulären Energielieferanten für zahlreiche Lebensprozesse. Sein Programm richtet sich denn auch auf die Verhinderung solcher Schäden, quasi auf eine mitochondrische Reparaturwerkstätte. Denn Altern und Tod verdanken wir einem evolutionären Pfusch. Als Mitbegründer der Stiftung «Strategies for Engineered Negligible Senescence» (Strategien zur Entwicklung vernachlässigbarer Vergreisung) träumt de Grey vom tausendjährigen Menschen.

Anders gehen die Biologie-Überwinder vor. Für sie ist der Körper im Wesentlichen ein Computer mit dem Genom als organischer Hardware. Sie lässt sich mit neuen Daten und Programmen updaten. Wie es ein Hedgefonds-Manager ausdrückte: «Altern ist codiert. Wenn etwas codiert ist, dann kann man den Code knacken. Und wenn man den Code knacken kann, kann man ihn auch hacken (manipulieren).» Kämen wir also der Software der Lebensvorgänge – man vermutet sie im sogenannten Epigenom – auf die Schliche, würden wir quasi über die Blaupause des Lebens verfügen, welche möglicherweise auch auf nichtbiologischen Betriebssystemen laufen könnte. Eine Kopie des Datenpakets «Eduard Kaeser» – was das auch heissen mag – wäre der erste Schritt zu meiner Speicherung in einem geeigneten postbiologischen Medium: E. K. in nicht-karbonbasierter Version.

Wir befinden uns hier auf höchst hypothetischem Terrain, was besonnenere Forscher auch sofort einräumen. Umso mehr irritiert die Chuzpe, mit der uns eine zukünftige glückliche Menschheit verkündet wird, wo doch diese Menschheit aus einer Clique von Krösussen besteht, die sich an der Idee der machbaren Unsterblichkeit beschwipsen und fiebrig das nächste Big Thing erwarten. Während es dem Techno-Sozialisten Bernal durchaus noch um die Verbesserung der Gesellschaft als Ganzes ging, betreiben die Techno-Kapitalisten vor allem Enhancement ihrer selbst oder ihresgleichen. Im Silicon Valley fusionieren Nanotechnologie und Narzissmus.

Der Biologe Tom Rando experimentierte 2005 mit heterochroner Parabiosis bei Mäusen, Bluttransfusionen zwischen älteren und jüngeren Tieren. Leber und Muskulatur der älteren Tiere sollen sich verjüngt haben. Rando wird bestürmt von Unternehmern, endlich mit seinem Geheimnis herauszurücken. Er sage dann: «Leute, das ist keine App. Wenn ihr euch der Biologie vom Standpunkt der Technik her nähert, werdet ihr enttäuscht werden, weil das Tempo viel langsamer ist.»

Dessen ungeachtet, bereitet sich etwa der Futurist Ray Kurzweil, Leiter der Forschungsabteilung von Google, geradezu zwanghaft auf seine mutierte Cyborg-Existenz vor, mit einer Diät aus Beeren, Porridge, Makrelen, Lachs, dunkler Schokolade, Espresso, Grüntee; hinzu kommen etwa hundert Pillen pro Tag. Insgesamt soll der Singularitäts-Zarathustra rund eine Dollarmillion pro Jahr für die Präliminarien seines ewigen Lebens verschleudern.

Mensch auf dem Schrotthaufen

Um nicht missverstanden zu werden: Die Visionen der Menschenverbesserer spiegeln durchaus plausible menschliche Wünsche. Der Krebskranke wünscht sich eine Therapie, die anschlägt; der Alzheimerkranke ein Mittel, das den Zerfall seines Hirns stoppt. Wir wollen nicht unsterblich werden, sondern einfach nicht vorzeitig sterben. Das sind prinzipiell begrüssenswerte Anliegen in der Leidensverminderung und Mangelbehebung. Und sie speisen Utopien, die von der Grunderfahrung «Etwas fehlt» ausgehen, um die elegante Kurzformel von Ernst Bloch zu verwenden. Utopien der Transhumanität verspielen genau da ihre Plausibilität, wo sie dieses «Etwas fehlt» in «Alles fehlt» verwandeln und den Menschen, wie wir ihn kennen, zum Schrott im Gerätepark werfen.

So betrachtet, gewänne möglicherweise ein altes anthropologisches Projekt an neuer – an «renitenter» Bedeutung: die Wiederbesinnung auf unsere Körperlichkeit als «Condition humaine» schlechthin. In ihr liegen die Freuden und Leiden, die Wünsche und Ängste, das Gute und Böse menschlicher Handlungen, die grössten kulturellen und sozialen Errungenschaften, aber auch der tiefste Horror und und die schändlichste Unmenschlichkeit begründet. Es ist diese rätselhafte Irreversibilität des Lebens – des Geborenseins, Heranwachsens, Reifwerdens, Alterns und Sterbens –, welche sich unserem Körper unverwechselbar aufprägt und jeden Menschen zum Individuum macht. Schwindet diese Irreversibilität, verschwindet am Ende das Individuum, der Kernbestandteil des Humanismus.

*Eduard Kaeser ist Physiker, Philosoph, Jazzmusiker und freier Publizist.

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