Wolf, Bär und Bartgeier
Das Ende der Ausrottung: Überraschend viele Wildtiere kehren in die Schweiz zurück

Zwei Bartgeier werden diesen Samstag in Obwalden in Freiheit entlassen. Sie gehören zu den Arten, die von Menschen einst zum Verschwinden gebracht und inzwischen wieder angesiedelt wurden. Der Weg ist auch frei für andere Tiere, die nun von selber zurückkehren.

Niklaus Salzmann
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Der Wolf kehrte ohne Hilfe des Menschen zurück. Keystone

Der Wolf kehrte ohne Hilfe des Menschen zurück. Keystone

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Der grösste Überlebensvorteil des Bartgeiers ist seine Harmlosigkeit. Er reisst keine Nutztiere, ja er erlegt überhaupt keine Tiere, und wenn sich einmal einer über ein Lamm hermacht, dann war es bereits vorher tot – Bartgeier sind Aasfresser. Und so hat denn auch niemand etwas dagegen, dass am Samstag auf der Melchsee-Frutt im Kanton Obwalden zwei junge Geier ausgewildert werden.

Dass nicht jedes einst ausgerottete Tier so friedlich zurückkehren kann, zeigte sich vergangenen Mittwoch im Parlament: Der Ständerat stimmte nach langer Debatte mit deutlicher Mehrheit einer Revision des Jagdgesetzes zu, die den Abschuss von Wolf, Luchs und Biber erleichtern soll. Alle drei Arten wurden einst vom Menschen ausgerottet. Doch während der Wolf seit Mitte der Neunzigerjahre selbstständig in die Schweiz eingewandert ist, war bei Luchs und Biber der Mensch nicht nur fürs Aussterben, sondern auch für die Rückkehr zuständig: Beide Arten wurden aktiv wiederangesiedelt.

Der Luchs ist zwar scheu und wird selten gesehen, aber er hat sich seit den ersten Auswilderungen in den Siebzigern so gut eingelebt, dass keine Aussetzungen mehr nötig sind. Im Gegenteil, bereits werden Luchse im Jura eingefangen und dann im Pfälzerwald im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz ausgesetzt, um das Verbreitungsgebiet über die Landesgrenzen hinweg zu vergrössern. Doch er bleibt ein Raubtier, ihm fallen in der Schweiz nebst Rehen auch jedes Jahr rund fünfzig Nutztiere (meist Schafe) zum Opfer, womit er sich insbesondere bei Landwirten unbeliebt macht.

Wiederansiedlung der Wildtiere:

Biber Ausgestorben: Anf. 19. Jh.. Angesiedelt seit: 1956. Bestand: 2800.
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Steinbock Ausgestorben: Anf. 19. Jh.. Angesiedelt seit: 1911. Bestand: 14 000.
Weissstorch Ausgestorben: 1950. Angesiedelt: 60er-Jahre. Bestand: 389 Brutpaare.
Fischadler Ausgestorben: Anfang 20. Jh.. Angesiedelt seit: 2015. Bestand: 0 Brutpaare.
Lachs Ausgestorben: 1950er-Jahre. Angesiedelt seit: 1984. Bestand: 0.
Sumpfschildkröte Ausgestorben: unklar. Angesiedelt: 1950–1980 und seit 2010. Bestand: einige Dutzend.
Bartgeier Ausgestorben: 1887. Angesiedelt seit: 1991. Bestand: 12 Brutpaare.

Biber Ausgestorben: Anf. 19. Jh.. Angesiedelt seit: 1956. Bestand: 2800.

Abschiessen oder Platz geben

Der Biber ist sogar richtig häufig, wer im Mittelland oder im Wallis einem Gewässer entlang spaziert, sieht oft abgenagte Bäume und in der Dämmerung auch mal die Tiere. Gefürchtet sind in erster Linie die Schäden, die sie an Uferböschungen anrichten – ihre Höhlen können Wege zum Einstürzen bringen, wofür der Besitzer haftet. Um diesen Konflikt zu entschärften, gäbe es aber auch andere Lösungen als den Abschuss von Tieren, wie Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität am Bundesamt für Umwelt (Bafu), sagt: «Würde man dem Biber an den Ufern zehn Meter Platz geben, wären die Schäden klein.»

Sowohl beim Biber als auch beim Luchs sind die Populationen aber genügend gross, um einzelne Abschüsse zu verkraften. Ein erneutes Aussterben droht nicht, auch weil die Lebensräume inzwischen recht gut geschützt sind – die renaturierten Flüsse werden in absehbarer Zeit nicht wieder begradigt, die Wälder nicht abgeholzt.

Dass Wiederansiedlungen derart gut klappen wie bei diesen Arten ist aber alles andere als selbstverständlich. Der Aufwand ist riesig. Das war schon beim Steinbock so, dessen Ansiedlung vor über hundert Jahren begonnen hatte – nicht aus rein naturschützerischen Überlegungen, sondern um das Tier, das durch die Jagd ausgerottet worden war, erneut jagen zu können. Die Schwierigkeit war damals, überhaupt erste Exemplare zum Auswildern zu finden – denn im gesamten Alpenraum kamen sie nur noch in einem einzigen Nationalpark unter dem Schutz des italienischen Königs vor. Und dieser wollte keine Tiere abgeben. Also spannten der St. Galler Tierpark Peter und Paul und die Schweizer Behörden kurzerhand mit einem Wilderer zusammen, der ihnen Steinböcke aus Italien besorgte. Diese vermehrten sich im Tierpark, und ihre ausgesetzten Nachkommen dann auch in der freien Natur, denn inzwischen waren die Umstände günstig: 1875 war das erste landesweiten Jagdgesetz in Kraft getreten, es gab Schonzeiten und Schutz für Gämsgeissen mit Kitzen. Und 1914, drei Jahre nach den ersten Steinbock-Auswilderungen, eröffnete im Engadin der Nationalpark.

Andere Huftiere, die in der Schweiz ganz oder beinahe ausgestorben waren, kehrten von selber zurück und vermehrten sich, auch weil seit 1876 ein eidgenössisches Waldgesetz dafür sorgte, dass ihr Lebensraum erhalten blieb. Hirsch, Reh, Wildschwein wurden wieder häufig. Damit war auch Nahrung vorhanden für Raubtiere. Bis für deren Rückkehr der Weg frei war, dauerte es aber noch etwas länger: Erst 1962 wurden Luchs und Bär geschützt, 1979 dann durch ein internationales Abkommen auch der Wolf.

Doch während Bär und Wolf in den vergangenen Jahrzehnten von selbst in die Schweiz einwandern konnten, war der Bartgeier aus den gesamten Alpen verschwunden. Ohne menschliche Hilfe wäre er in der Schweiz für immer ausgestorben geblieben. Seit 27 Jahren werden nun gezüchtete Tiere mit Wurzeln in Zentralasien, dem Balkan, Griechenland und den Pyrenäen in den Alpen ausgesetzt, am Samstag auf der Melchsee-Frutt das 46. und 47. Exemplar.

Daniel Hegglin, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Bartgeier, erklärt: «Im Prinzip wächst die Population inzwischen aus eigener Kraft. Doch wir wollen eine grössere genetische Vielfalt erreichen, um die Gefahr von Inzucht zu verringern.» Deshalb werden gezielt Tiere ausgesetzt, die im Stammbaum möglichst weit weg von den bereits vorhandenen sind. Der Aufwand ist noch grösser als einst bei den Steinböcken. Denn die Vögel sind jeweils noch zu klein, um selbstständig zu überleben. Deshalb wird ihnen alle zwei bis drei Tage Futter hingelegt. Zudem werden sie in den Sommermonaten rund um die Uhr von Biologen beobachtet und überwacht.

Ein Wald mit Wolf ist anders

Das alles für eine einzige Art? «Die Motivation in der Schweiz ist eine Art Wiedergutmachung an der Natur», sagt Hegglin. «Zudem ist es ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz. Geier könnten weltweit verschwinden.» Projekte wie dieses sollen aber auch allgemein dazu beitragen, Freude an der Natur in der Bevölkerung zu fördern. Bei anderen Tierarten, die zurückkehren, profitieren wiederum ganz direkt weitere Arten. Dazu Reinhard Schnidrig vom Bafu: «Ein Wald mit Wolf ist anders als ein Wald ohne Wolf. Im Yellowstone-Nationalpark in den USA hat sich gezeigt, dass mit dem Wolf die Artenvielfalt zunahm.» Unter anderem sorgt er dafür, dass kranke Tiere rasch sterben und sich so allfällige ansteckende Keime weniger verbreiten.

Der Biber schafft sogar selber neue Lebensräume wie temporäre Tümpel, in denen sich seltene Amphibien ansiedeln können. Oft werden auch Massnahmen für den Lebensraum einer Art getroffen, die vielen anderen zugutekommen, etwa Wildtierbrücken über die Autobahn für den Luchs oder Teiche mit mageren Wiesen und Sandhügeln an den Ufern für die Europäische Sumpfschildkröte. Sogar gescheiterte Wiederansiedlungsversuche können nützlich sein. Als die Vogelwarte Sempach und der Kanton Schaffhausen das Scheitern ihrer Rebhuhn-Ansiedlung erkennen mussten, fiel ihnen gleichzeitig auf, dass sich nicht nur die Bestände diverser Vögel wie der Wachtel, des Schwarzkehlchens und des Neuntöters vergrössert hatten, sondern auch dreimal so viele Feldhasen wie zu Beginn des Projektes zu finden waren.

Trotzdem sind Experten sehr vorsichtig mit Wiederansiedlungen und empfehlen sie nur in seltenen Fällen. Simon Capt, der die Säugetierdatenbank am Schweizerischen Zentrum für die Kartografie der Fauna (Info Fauna) betreut, sagt: «Die Gefahr bei Wiederansiedlung ist, dass der Eindruck entsteht, durch Züchten und Ansiedeln können Probleme gelöst werden. Das funktioniert aber nur, wenn funktionierende Lebensräume da sind. Gerade in tiefen Lagen mit intensiver Nutzung durch Forst- und Landwirtschaft und Siedlungen ist dies oft nicht der Fall.»

Alles in allem nimmt die Artenvielfalt in der Schweiz weiterhin ab. «Die Hälfte der Lebensräume und ein Drittel der Arten sind bedroht», schreibt das Bafu auf seiner Website. Grösstenteils sind dies nicht auffällige Tiere wie der Bartgeier, sondern unscheinbare Pflanzen und Kleintiere, darunter viele Insekten. Zurückzuführen sind diese Verluste laut Bafu vor allem auf die intensive Landnutzung. Und was Reinhard Schnidrig von der Sektion Wildtiere sagt, gilt erst recht für Insekten, Amphibien und andere Kleintiere: «Es ist sehr viel einfacher, eine vorhandene Art zu schützen als sie nach dem Verschwinden wieder anzusiedeln.»

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