Mode
Das Comeback der Hotpants: Heute schockiert das Höschen keinen mehr

Hotpants prägen diesen Sommer die Strassen. Einst waren sie Ausdruck von Emanzipation, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Wieso gerade jetzt wieder mehr Bein gezeigt wird, könnte auch mit der Wirtschaft zusammenhängen.

Silvia Schaub
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Ein bisschen Verruchtheit und das Gefühl von Freiheit: Hotpants.

Ein bisschen Verruchtheit und das Gefühl von Freiheit: Hotpants.

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Nichts kann ihnen derzeit den Garaus machen: Hotpants prägen in diesem Sommer trotz derzeitigem meteorologischem Dauertief die Strassen. Schliesslich hat ihr Name auch nichts mit der Aussentemperatur zu tun, sondern sie heissen so, weil sie ihre Trägerinnen hot aussehen lassen sollen – scharf und begehrlich. Wieso gerade diesen Sommer mehr Bein gezeigt wird, könnte mit einer in der Mode weitverbreiteten These zusammenhängen. Bei Röcken hiess es stets: Je kürzer, desto besser läuft es mit der Wirtschaft. Nur bislang interessierte sich niemand für die Hosen. Aber die einst vom britischen Ökonomen George Taylor aufgestellte These könnte auch aufs Hosenbein zutreffen. Warum sonst ist die in den 1970er-Jahren erfundene burschikose Variante des Minirocks plötzlich so populär?

Die heissen Höschen, wie die knappe Bekleidung eingedeutscht genannt wird, haben schliesslich einige Vorzüge. Man kann damit zum Beispiel bequem Velo fahren, auch mal sportlich über einen Zaun springen und sich bücken, ohne gleich die ganze Wäsche zu zeigen. Sofern sie natürlich nicht in ihrer extremsten Form als ein Stückchen Stoff getragen werden. Und: Sie bringen eine Prise Verruchtheit und etwas wunderbar Ordinäres ins Outfit. Dazu etwas Western Style, ein bisschen Rock ’n’ Roll, das schöne Gefühl von Sommer mit endlosen Nächten – und Freiheit. Das schafft sonst kein Kleidungsstück.

Von der Bühne auf die Strasse

Genau diese Mehrdeutigkeit machte die Shorts schon vor mehr als vierzig Jahren zum Verkaufsschlager. Der Minirock war damals längst salonfähig, also mussten sich Modemutige etwas Neues einfallen lassen. Das dürfte wohl auch für diesen Sommer den Ausschlag gegeben haben, kamen doch die Höschen über Jahre höchstens noch in Vorstadt-Discos oder als Berufsdress für leichte Damen zum Einsatz. Eine ganze Reihe von Popdiven wie Beyoncé, Rihanna oder Miley Cyrus haben die Hotpants wieder ins Gespräch zurückgebracht. Was sie auf der Bühne tragen, wollen ihre Fans auch im Alltag auf der Strasse tragen. Die amerikanische «Vogue» fand deshalb, die Hotpants seien das demokratischste aller Warmwetter-Modestatements.

Ausdruck von Emanzipation

Sie hatte schon 10 Jahre zuvor mit dem Minirock polarisiert – und schockiert. Das wollte sie auch mit den 1971 lancierten Hotpants: Modemacherin Mary Quant. Die ultrakurzen Hosen waren Ausdruck von Emanzipation, Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein und lösten anfangs heftige Diskussionen über Moral und Anstand aus.

Je knapper, desto beliebter. In den einschlägigen Shops wie Zara, Mango, Topshop oder H&M hat man die Qual der Wahl: Hotpants aus Spitze oder in Batik, Blumenoptik, mit Flicken und Löchern. Vor allem aber als Cutoffs, jene Hotpants, die mal eine Hose waren und mittlerweile so kurz sind, dass sie die Pobacken kaum bedecken. Beliebt sind auch ausgefranste Optiken, die man gut auch aus einer langen Hose selbst herstellen kann. Getragen sollen sie laut Modeexperten übrigens auf keinen Fall mit High Heels. Besser passen dazu die Trendschuhe der Saison: flache Sandalen oder, wenn man dem Stil folgt, den Kate Moss auf Musikfestivals wie in Glastonbury pflegt: mit Boots oder Gummistiefel.

Mochten die Hotpants in ihren Anfängen noch für Provokation und politischen Revoluzzergeist stehen, ist man heute doch schon allerhand gewohnt. Etwas mehr Haut kann niemanden mehr aus den Socken hauen. Ausser vielleicht ein paar Moralapostel, die die kurzen Höschen zum Schutz der männlichen Lehrer an den Schulen verbieten wollen.

Unanständig wirken die Höschen heute höchstens in ihrer Plumpheit. Die allerwenigsten Trägerinnen – ausser vielleicht solche, die mit so straffen Beinen wie Gisèle Bündchen oder Cara Delevingne ausgestattet sind – sehen darin wirklich hot aus.

Fokus auf die Problemzonen

Wen es nicht stört, seine Orangenhaut zur Schau zu tragen, muss schon über eine Extraportion Selbstbewusstsein verfügen. Schliesslich lenken die Hotpants den Blick zielgenau und exklusiv auf sämtliche Problemzonen des weiblichen Körpers, die so manche Frau zum Verzweifeln bringt und zu zahllosen Fitness-Aktivitäten anregt. Es sind aber meist ohnehin die jugendlichen Frauen, die zu diesem Kleidungsstück greifen. Viele unter ihnen haben das Glück, dass die Beine noch wohlgeformt sind.

Später sollte man so viel Fingerspitzengefühl haben, dass man merkt, was den Betrachtern an Nacktheit alles zugemutet werden kann. Oder man hat zumindest eine nette Freundin, die irgendwann zuflüstert, dass man doch lieber einen Rock bis zum Knie wählen sollte. Insofern hat das Tragen von Hotpants weniger etwas mit dem Alter zu tun als vielmehr mit Stil.

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