Pandemie
Das altehrwürdige Impfbüchlein wird zum brisanten Impfpass

Das Dokument, das die meisten kurz nach der Geburt erhalten haben, gerät unter Druck durch die digitale Konkurrenz.

Niklaus Salzmann
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Jetzt, wo es darum geht, sich eventuell gegen Corona impfen zu lassen, braucht man sein Impfbüchlein - oder ein elektronisches Dossier.

Jetzt, wo es darum geht, sich eventuell gegen Corona impfen zu lassen, braucht man sein Impfbüchlein - oder ein elektronisches Dossier.

Foto: Keystone

Wo ist es denn das meine? Diese Frage stellt sich meist als erstes, wenn irgendwo das Impfbüchlein erwähnt wird. Jenes bräunliche, gelbe oder bläuliche Dokument, das oft schon etwas abgegriffen ist, da fast so alt wie die Person, deren Impfungen darin erfasst sind. Gebraucht wird es sehr selten, aber die Daten darin können lebenswichtig sein.

Impfpass wird es auch genannt, und das Wort «Pass» ist dabei doppeldeutig. Rund um die Welt wird diskutiert, ob bald nur noch Menschen, die gegen Covid-19 geimpft sind, ins Kino, ins Stadion oder als Besucher ins Altersheim gelassen werden sollen. Die australische Airline Qantas hat bereits angekündigt, auf internationalen Flügen nur noch Geimpfte zu befördern.

Zeit also, die Schubladen zu durchwühlen. Wer fündig wird, steht vor der nächsten Hürde: die Einträge zu entziffern. Bei Impfungen neueren Datums geht das gut; die Zeckenimpfung zum Beispiel ist mit einem Aufkleber eingetragen, auf dem der exakte Name des FSME-Impfstoffes zu lesen ist. Weiter zurückliegende Impfungen wurden entweder mit einem Stempel erfasst, der meist mehr Platz braucht als im Büchlein vorgesehen ist und deshalb teilweise von den benachbarten Einträgen überdeckt wird. Oder sie wurden von Hand hineingeschrieben, zum Entziffern braucht es Fachkenntnisse. Und ob gestempelt oder handschriftlich, manchmal steht da nur, was geimpft wurde (etwa Di-Te für Diphterie und Starrkrampf), aber nicht, mit welchem Impfstoff.

Zeitgemäss wirkt das nicht. Und in der Tat gibt es bereits seit Jahren eine modernere Lösung: das elektronische Impfdossier. Am bekanntesten ist die von einer Stiftung betriebene Website www.meineimpfungen.ch mit der zugehörigen App «Myviavac». Patientinnen und Patienten können dort ihre gesamte Impfgeschichte erfassen und ihren Ärztinnen und Apothekern den Zugriff darauf gewähren. Diese Lösung wird auch vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt.

310000 Dossiers sind dort seit 2011 eröffnet worden. Das papierene Impfbüchlein ist damit noch lange nicht verdrängt. Weil die meisten Impfungen zehn Jahre und länger anhalten, werden die alten Büchlein nur selten hervorgekramt und entsprechend gering ist der Druck, zu digitalisieren. Damit gehen aber auch Auffrischungen vergessen. Wer weiss schon, ob etwa die Starrkrampf-Impfung noch wirksam ist? Nach offiziellen Empfehlungen sollte diese alle zwanzig Jahre, bei Senioren alle zehn Jahre aufgefrischt werden. Im elektronischen Dossier können automatische Erinnerungen via SMS, Mail oder App eingerichtet werden.

Die Impfungen können auch ins von Spitälern verwendete elektronische Gesundheitsdossier «Evita» eingetragen oder bei einzelnen Krankenversicherern erfasst werden. Das alles sind schweizerische Lösungen – doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nun begonnen, in Zusammenarbeit mit Estland einen elektronischen internationalen Impfausweis zu entwickeln. Bald ist die grosse Frage deshalb womöglich nicht mehr: Wo ist mein Impfbüchlein? Sondern: Wie lauten mein Benutzername und mein Passwort?