Superman steht auch auf Männer, bald kommt Marvels schwuler Retter Phastos – wieso Superhelden gerade ihre queere Sexualität entdecken

Coming-out
Superman steht auch auf Männer, bald kommt Marvels schwuler Retter Phastos – wieso Superhelden gerade ihre queere Sexualität entdecken

Bild: DC Comics

Der neue Superman ist bisexuell. Im nächsten Marvel-Film «Eternals» betritt ein schwuler Superheld die Bühne. Diversity in der Popkultur ist gerade hoch im Kurs. Der Kulturwandel kommt nicht von ungefähr.

Raffael Schuppisser und Daniel Fuchs
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Als Barack Obama, der bisher einzige schwarze US-Präsident, während seiner Amtszeit gefragt wurde, wer sein Lieblingssuperheld sei, konnte er sich nicht entscheiden zwischen zwei starken weissen Männern: «Batman und Spiderman», sagte er. Heute wäre das mindestens ein mittelschwerer Skandal.

Wenn schon zwei Namen nennen, dann müsste doch auch ein weiblicher dabei sein. Wonder Woman zum Beispiel. Oder Black Widow. Und wenn schon keine Frau, dann zumindest ein schwarzer Charakter wie Black Panther. Oder ein asiatischer wie Shang-Chi.

In der Superheldenwelt findet gerade ein Kulturwandel statt. Achteten die Macher früher auf vielfältige Superkräfte, so geht es nun um ein möglichst diverses heroisches Ensemble. Der neue Superman Jonathan Kent, Sohn von Clark Kent und Lois Lane, wird Anfang November in einem neuen Comic sein Coming-out haben. Als erster Superheld im DC-Comic-Universum steht er sowohl auf Frauen als auch auf Männer. Noch ehe der bisexuelle Superman durch die Comic-Books fliegt, betritt indes der erste schwule Superheld die Kinoleinwand.

Körperliche Einschränkungen, sexuelle Orientierung: So vielfältig sind die «Eternals».
11 Bilder
Phastos Bryan Tyree Henry, 39, schwarz und schwul
Kingo Kumail Nanjiani, 43, Wurzeln in Pakistan
Makkari Lauren Ridloff, 43, gehörlos
Gilgamesh Don Lee, 50, Wurzeln in Südkorea
Thena Angelina Jolie, 46, weisse Amerikanerin
Ikaris Richard Madden, 35, Schotte
Ajak Selma Hayek, 55, Latina gewissen Alters
Sersi Gemma Chan, 38, Britin mit Wurzeln in China
Sprite Lia McHugh, 14, fluides Geschlecht
Druig Barry Keoghan, 29, Ire

Körperliche Einschränkungen, sexuelle Orientierung: So vielfältig sind die «Eternals».

Bild: Imago

Phastos heisst er, kämpft im neuen Marvel-Film für das Überleben der Menschen, ist Afroamerikaner, lebt mit seinem arabischen Partner zusammen und zieht mit ihm einen Adoptivsohn gross. Überhaupt setzt der 25. Marvel-Film «Eternals» auf eine besonders diverse Truppe.

Von den zehn Superhelden sind fünf männlich, fünf weiblich, wobei eine der Heldinnen, Sprite, sowohl über weibliche als auch männ­liche Merkmale verfügt – also auch dem fluiden Geschlecht zugerechnet werden kann. Im Ensemble vereint sind Junge, Ältere, Schwarze, Weisse, Latinas, Asiaten, eine Gehörlose – und eben ein Schwuler. Mehr Ausgewogenheit geht nicht.

Superman kämpft nicht mehr für «The American Way»

Regie führte die Chinesin Chloé Zhao, die dieses Jahr für ihr Meisterwerk «Nomadland» als erste Nichtamerikanerin überhaupt bei den Oscars dominierte. Ihre Herkunft allein wäre kein Garant für Diversität im Film, doch ihre Filme sind geradezu als Statement für eine Gesellschaft in all ihren Facetten zu verstehen. Sie beleuchtet die Dinge nicht nur aus der Sicht von Minderheiten, sondern misst auch Laiendarstellern eine zen­trale Bedeutung zu. Die Message ist klar: Jeder kann ein Superheld, jede eine Superheldin sein.

Chloé Zhao Die Regisseurin macht das Marvel-Universum diverser.

Chloé Zhao
Die Regisseurin macht das Marvel-Universum diverser.

Bild: Marvel Studios

Gleichzeitig knüpft sich daran die Frage: Wie schwul muss ein Superheld sein, damit er in die heutige Zeit passt?

Klar, gegen schwule und bisexuelle Superhelden ist nichts einzuwenden. Allerdings fragt man sich, warum sie erst jetzt ihre Sexualität entdecken. Phastos etwa hatte seinen ersten Auftritt in einem Marvel-Comic vor über 45 Jahren. Dass er schwul sein könnte, dafür gab es keine Anzeichen. «Der Charakter der Figur wurde nachträglich so umgeschrieben, dass er ins gewünschte diverse Personen-Set passt», sagt der Schweizer Comic-Experte Michel Bodmer. Bei Bewährtem anzuknüpfen sei einfacher, als komplett neue Superhelden für die LGBTQ-Community zu entwerfen.

Das geht zumindest so lange gut, wie man sich nicht an einem der wirklich populären Helden vergreift und die Fans vor den Kopf stösst. Zumindest in allzu patriotischen Kreisen kam es nicht gut an, als der Verlag DC Comic kürzlich das Motto von Superman revidierte. Seither kämpft er nicht mehr für «Truth, Justice and the American Way», sondern für «Truth, Justice and a Better Tomorrow». Auch das ein Zugeständnis an eine diversere Superheldenwelt. Ein Zeichner störte sich daran so sehr, dass er dem Konzern tobend den Rücken kehrte.

Dass der neue bisexuelle Superman zu einem Aufschrei in der Szene führen könnte, glaubt der deutsche Comic-Forscher Lars Banhold allerdings nicht: «Es geht schliesslich nicht um den Ur-Superman Clark, sondern um seinen Sohn Jonathan.» Überhaupt sei Homosexualität tief in der Welt der Superhelden-Comics verwurzelt – wenngleich nicht offensichtlich. Banhold erklärt:

«Wer etwa die ersten Ausgaben von Wonder Woman, der ersten Superheldin von DC überhaupt, genau liest, kann zum Schluss kommen, dass es hier auch homosexuelle Beziehungen gibt»

Superman selbst zeigte zwar nie homosexuelle Attitüden, hat aber einen Migrationshintergrund und gehört damit einer Minderheit an.

Hatte Batman eine Beziehung mit Robin? Oder mit Alfred?

Selbst dem knallharten Batman wird eine homosexuelle Neigung nachgesagt. In der TV-Serie der 60er-Jahre – jene mit Adam West in der Hauptrolle und Robin in ultrakurzen Höschen – sind die Schwulen-Codes der dama­ligen Zeit klar sichtbar.

Überhaupt: Ein Mann im hautengen Kostüm, das die Brustwarzen betont, der mit einem Gehilfen und einem Butler zusammenlebt, keine Frau . . . ein paar Fragen können da aufkommen. «Um die Gerüchte, die unter Comicfans schon früher aufgekommen sind, zu zerstreuen, haben die Macher Batman eine Bat­woman zur Seite gestellt», erklärt Banhold, der ein Buch über den dunklen Ritter geschrieben hat.

Eine richtige Liebesbeziehung wurde daraus aber nie. Wen wundert’s? 2006 stellte sich heraus, dass Bat­woman lesbisch ist.

DC

Sie war eine Vorreiterin. Dass ihre männlichen Kollegen gerade jetzt ihr Coming-out wagen, hat viel damit zu tun, dass in der Popkultur Diversität gerade dem Zeitgeist entspricht.

Würde bei Nolans Batman heute die Diversity-Polizei aufschreien?

Sich in Regenbogenfarben zu hüllen, kommt gut an. Wer zu wenig darauf achtet, kann sich in einem veritablen Shitstorm wiederfinden. So ergeht es derzeit Netflix. Der Streamingdienst wollte sich nicht von einem Scherz des Stand-up-Comedians Dave Chappelle distanzieren, dessen Special exklusiv auf Netflix zu sehen ist (siehe Artikel in Box). Nun wird diese Haltung auch von Mitarbeitern harsch kritisiert.

Hier gehts zur Kontroverse um Comedian Dave Chappelle:

Für einen Film oder eine Serie ein möglichst ausgewogenes Personal zu rekrutieren, kann auch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn machen: je diverser die Figuren, desto diverser das Publikum, so die Hoffnung. Darauf setzt das Schweizer Fernsehen, das eine Checkliste für Produzenten und Regisseurinnen erarbeitet, damit in den Serien die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite abgebildet wird. «Wir wollen mit diesem neuen Instrument Schweizer Filmschaffende auf die Thematik aufmerksam machen», sagt Kulturchefin Susanne Wille im Interview mit der «Schweiz am Wochenende».

Mehr Diversität in einem Film bedeutet aber nicht zwangsläufig mehr Diversität in der Filmwelt. Wenn alle Serien auf ein ausgewogenes Personen-Set setzen, folgt daraus, dass sie sich zu ähneln beginnen. Manchmal hat man schon jetzt den Eindruck, dass dies der Fall ist, wenn man sich auf der Suche nach neuen Trouvaillen durch die zahlreichen Streamingdienste arbeitet.

Die Frage sei erlaubt: Wäre ein Batman-Film, wie ihn Christopher Nolan vor nicht allzu langer Zeit inszeniert hat – düstere Atmosphäre, weisser Cast, kompromisslos hart –, heute noch möglich? Oder schrie da die Diversity-Polizei auf und verwiese auf eine Checkliste oder eine Quote?

Jede Generation erhält die Superhelden, die sie braucht

Andererseits unterlagen Comics und deren Verfilmung schon immer stark den veränderten Gegebenheiten der Zeit. Die Schweizer Literaturwissenschafterin Aleta-Amirée von Holzen sieht in der Tendenz zu mehr Diversität bei Superheldinnen und Superhelden denn auch keinen neuen Trend.

«In Bezug auf die Funktionsweise der Comics ist das gerade kein Kulturwandel: Superhelden-Comics sind immer ein Spiegel ihrer Zeit, verhandeln aktuelle Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen»

Superman, Batman und natürlich Captain America wurden während des Zweiten Weltkriegs populär und kämpften damals mitunter auch gegen die Nazis. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den USA erschienen in den 60er-Jahren schwarze Superhelden wie Black Panther, Luke Cage oder Falcon.

Marvel

Und nun erblicken also vermehrt Superhelden aus der LGBTQ-Community das Licht der Welt. Neben schwulen und bisexuellen Helden gibt es mit Nia Nal in der Serie «Supergirl» bereits die erste Transgender-Superheldin.

Man könnte auch sagen: Jede Generation bekommt die Superheldinnen, die sie braucht, um für eine bessere Welt zu kämpfen.

Ihre Werte müssen die queeren Superhelden manchmal sogar gegen ihre eigenen Schöpfer verteidigen. Kürzlich tauchten Paparazzi-Bilder des Marvel-Regisseurs Taika Waititi auf. Er küsste darauf gleichzeitig seine Freundin, die Sängerin Rita Ora, sowie die Schauspielerin Tessa Thompson. Die Marvel-Chefs waren darüber not amused, wie Insider berichteten. Mit einem solchen Image wolle man nichts zu tun haben. Man kann das nur so verstehen: Diversity ja, aber bitte gesittet!

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