Bewegende Lebensgeschichte
Josephine Baker wird in Paris die höchste Ehre zu teil – ihr ganzes Leben war unwillentlich von ihrer Hautfarbe geprägt

Mit der legendären Tänzerin Josephine Baker kommt die erste schwarze Frau ins französische Heldenmausoleum, das Panthéon. Dahinter steckt mehr als eine republikanische Geste.

Stefan Brändle aus Paris
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Josephine Baker tanzt 1925 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées im Bananenröckchen.

Josephine Baker tanzt 1925 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées im Bananenröckchen.

Bild: Rue des Archives / Keystone

Ihr Leben war ein Roman – reich wie das Leben. In den goldenen Zwanzigern war Josephine Baker die «Königin der Dancehalls» von Paris. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Spionin für den französischen Widerstand; später kämpfte die Mutter von zwölf adoptierten Kindern an der Seite von Martin Luther King für die Bürgerrechte der Schwarzen. All das verschafft ihr nun einen Platz im Pariser Panthéon, wo die grossen Namen der Nation ruhen – Voltaire, Rousseau, Zola, Dumas.

Am 30. November wird Bakers «Asche» – so der offizielle Sprachgebrauch – zumindest symbolisch von ihrem Friedhof in Monaco in den Heldentempel ob dem Quartier Latin übergeführt. Eine Petition hatte den Staatspräsidenten dazu aufgefordert, und in Zeiten von «Black Lives Matter» entsprach Emmanuel Macron dem Wunsch der 38000 Unterschreibenden.

Baker wurde 1906 in Saint-Louis im US-Bundesstaat Missouri in eine arme Familie geboren. Ihre Mutter war afroamerikanischer und indianischer Abstammung, ihr Vater spanisch-jüdischer Herkunft. Josephine erlebte früh, was es heisst, dunkler Hautfarbe zu sein. Sie trat in eine Wandertruppe ein, kam ins Showbusiness und rasch an den Broadway in New York. Mit einem Ensemble zu einer Europatournee gestartet, landete sie in Paris und dort in einer «Revue Nègre», wie man damals sagte. Der Durchbruch erfolgte über Nacht: Ihre Bühnendarbietung wurde zum Stadtgespräch und alsbald zu einem Triumphzug bis nach Berlin, wo die Amerikanerin 1926 auftrat.

Und wie sie auftrat! Baker tanzte schneller als ihr Schatten, gelenkig, frenetisch, elektrisierend, während sich der Kopf nicht bewegte und die Augen schelmisch zwinkerten – das Ganze zu einer Mischung aus Afrotanz, Charleston und «Hot Jazz» der Roaring Twenties.

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Im wochenlang ausverkauften Theater Folies Bergère sprangen die Zuschauer von den Sitzen, auch anderswo lagen die Franzosen der «Venus aus Ebenholz» zu Füssen. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben, fünf nahm sie im Verlauf ihres Lebens an, obschon sie zugleich auf Frauen stand.

Der durchschlagende Erfolg, der sich für sie auch finanziell auszahlte, hinderte sie nicht, im Roten Kreuz auszuhelfen, als der Krieg ausbrach. In Paris, wo der deutsche Botschafter Otto Abetz ihrem Auftritt folgte, horchte sie diskret die Nazi-Besatzer aus. Mit unsichtbarer Tinte notierte sie alles in ihre Partituren, um sie persönlich ausser Landes zu schmuggeln. Zuhause lagerte sie trotz Gestapo-Gefahr Gewehre und andere Waffen, die sie an die ­Résistance-Kämpfer verteilte.

Nach 1945 erwarb die per Heirat eingebürgerte Französin das Schloss Les Milandes im Périgord. Mit zwölf ­adoptierten Kindern aus allen Weltgegenden lebte sie dort als multikulturelle «Regenbogen-Sippe», wie sie sagte. Doch gab es in ihrem Leben nicht nur Amour und Glamour: Im schicken New Yorker Stork Club wurde Baker 1951 als Schwarze nicht bedient. Erhobenen Hauptes harrte sie aus, ging telefonieren und zeigte den Fotografen ihren leeren Teller, bis sie ihr Steak erhielt.

Auftritt vor 250000 Menschen mit Martin Luther King

1963 nahm Baker an Bürgerrechts-Märschen der Afroamerikaner teil; an der Grosskundgebung in Washington, an der Martin Luther King «I have a dream» (Ich habe einen Traum) deklamierte, sprach sie als einzige Frau vor 250 000 Menschen.

In Paris litt mit fortschreitendem Alter nicht nur ihr Star-Renommee, sondern auch ihr hoher Lebensstandard. Im Mai 1968, während die Studentenproteste tobten, verlor Baker ihr Heim, ihr Schloss wurde zwangsversteigert. Die Kinder kamen in Monaco bei ihrer Freundin Prinzessin Grace unter. Nach einem misslungenen Comeback-Versuch starb die schwarze Diva 1975, vereinsamt und verarmt, an Herzversagen.

Baker ist die erste Schwarze und erst die sechste Frau, die unter der gemeisselten, leicht antiquierten Pan­théon-Devise «Das Vaterland dankt den grossen Männern» ruhen wird. Zur Begründung liess das Élysée in einem Communiqué verlauten, Baker habe sich «für die Freiheit und die Emanzipation» eingesetzt, und dies nicht nur als Widerstandskämpferin, sondern auch als «unermüdliche Antirassismus-Aktivistin».

Weniger diskutiert wird die Ambivalenz, die dem Fall Baker zeitlebens anhaftete. Er ist verwirrend paradox: Bevor die unerschrockene Mittvierzigerin offen gegen den Rassismus anzutreten begann und zum Beispiel in Miami wegen der dortigen Segregation einen Auftritt verweigerte, hatte sie auf den Pariser Bühnen selber billigste Rassenklischees transportieren müssen.

Die Kostümbildner ihrer Tanzshows auferlegten Baker zum Beispiel den Lendenschurz aus Bananen und zwangen sie, oben ohne aufzutreten.

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Die Journalistin Chloé Leprince hat auf dem Radiosender France-Culture kürzlich aufgezeigt, wie heftig sich Baker gegen diese erniedrigenden Auflagen sträubte und wehrte. Letztlich hatte sie keine andere Wahl, als bei ihren Auftritten selber dem Bild der «nackten Wilden» zu entsprechen. Was heute für Empörung sorgt, passte in der damaligen Kolonialzeit. In europäischen Ausstellungen wurden afrikanische Strohhüttendörfer nachgestellt und mit halb nackten «Eingeborenen» bevölkert.

Die menschlichen Zoos, wie sie Kolonialhistoriker nennen, dienten nicht nur dem Gaudi des Publikums, sondern dem Nachweis, dass die Ausgestellten Untermenschen seien. Nicht zu vergessen, kam in Europa gerade der Nazi-Rassenwahn auf. Einige wenige Stimmen aus jenen Jahren belegen, dass es möglich war, den Rassismus der Baker-Shows zu erkennen, auch wenn er wie selbstverständlich daherkam.

Mit Clown-Einlagen wollte sie den sexuellen Impakt brechen

Ihrer Aussenwirkung wohl bewusst, muss Baker innerlich zerrissen gewesen sein. Vielleicht suchte sie deshalb, die Kolonialchoreografie zu verfremden: Sie schnitt Grimassen, riss Possen; sie schielte, machte Faxen und akrobatische Verrenkungen – als wollte sie den sexuellen Impakt ihres Auftritts ironisch brechen.

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Wer diese Clown-Einlagen heute anschaut, glaubt zu spüren, wie sehr Baker dagegen kämpfte, den Zuschauern die Projektionsfläche einer weiblichen «Wildkatze» zu bieten – so, wenn sie eine Pantherin imitieren und animalische Posen einzunehmen hatte. Auch das passte in eine Zeit, in der französische Kolonialärzte belegen wollten, dass der «Schwarze» das fehlende Glied in der Kette zwischen dem Affen und dem natürlich weissen Menschen sei.

Heute scheint klar, dass diese Aufnahme in Europa zu Bakers Engagement neben Martin Luther King führte, ja ihr ganzes Leben ungewollt von ihrer Hautfarbe geprägt war. Der banale Befund wird in Paris nicht ausformuliert. Die französische Republik kennt keine ethnischen Unterschiede oder Statistiken, weil sie dem Prinzip der universellen Gleichheit zuwiderlaufen. Das ist eigentlich das Gegenteil von Black ­Lives Matter.

Mit der Pantheonisierung macht Macron ein Zugeständnis. Doch der alte ideologische Graben zwischen dem kulturellen Nebeneinander der USA und der Égalité Frankreichs bleibt tief. Nur Josephine Baker mit ihrem persönlichen Engagement hatte ihn überwunden.

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