Reisen: Les Diablerets
Auf diesen Gipfeln trieb früher der Teufel sein Unwesen – heute tummeln sich hier Touristen

Eingeschlossen von Bergen, ausgeliefert dem Gletscher hoch über ihnen, kegelten einst der Teufel und seine Gefährten um die Wette. Heute vergnügen sich Inder und Chinesen in Les Diablerets.

Sébastian Lavoyer
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Eine 107 Meter lange Hängebrücke führt zum Gipfel des Scex Rouge. Das Panorama ist eindrücklich: Bei guter Sicht sieht man mehr als zwanzig 4000er.

Eine 107 Meter lange Hängebrücke führt zum Gipfel des Scex Rouge. Das Panorama ist eindrücklich: Bei guter Sicht sieht man mehr als zwanzig 4000er.

Sébastian Lavoyer

Früher, wenn der Donner durchs Tal grollte und die dunkelgrauen Wolken bedrohlich tief über die Berge krochen, rückten die Menschen unten in den Dörfern rund um das Diablerets-Massiv näher zusammen. Die einen beteten in ihren Hütten, die anderen bibberten vielleicht gottlos – doch die Angst vereinte sie alle. Die Angst vor herunterstürzenden Gesteinsbrocken. Denn oben, so glaubten sie, ereiferten sich Teufel, Dämonen und böse Geister in diabolischen Spielereien. So besagt es die Legende, die sich hier die Alten erzählen.

Der Teufel ist geblieben. Les Diablerets (Teufelshörner) heisst nicht nur das Dorf, sondern das ganze Bergmassiv. Und oben am Rande des Plateaus auf rund 2900 Metern, dort, wo der Tsanfleuron-Gletscher endet, steht noch heute der Quille du Diable (Teufelskegel), das Ziel, auf das die bösen Wesen ihre Steine warfen, so die Sage.

Direkt neben dem Ziel der bösen Mächte ist längst ein Treffpunkt der Geniesser entstanden. Unweit der Quille du Diable bewirten Inge und Roland Beer ihre Gäste in der Berghütte Refuge de l’espace.

In den Genuss der regionalen Spezialitäten kommen aber längst nicht nur Bergsteiger und Tourenskifahrer. Man trifft dort durchaus auch exotischere Zeitgenossen. Mit mässig passendem Schuhwerk und Selfiestick. Denn von der Bergstation der Luftseilbahn am Gipfel des Scex Rouge führt ein gesicherter, etwas mehr als zwei Kilometer langer Weg über den Gletscher zum Teufelskegel. Glacier Walk, heisst das im allgegenwärtigen Tourismus-Slang.

Gäste aus aller Welt posieren vor dem Scex Rouge.

Gäste aus aller Welt posieren vor dem Scex Rouge.

sel

Eine Bergstation, entworfen von Stararchitekt Mario Botta

200000 Menschen kommen jährlich mit der Luftseilbahn zum Gletscher hin­auf, erzählt Bernhard Tschannen, Geschäftsführer der Gstaad 3000 AG. Rund 60 Leute arbeiten mit ihm für das Projekt, das die Bergbahnen von Les Diablerets und Gstaad gemeinsam ins Leben riefen und 2005 von einer Investorengruppe um Ex-Formel-1-Mogul Bernie Ecclestone übernommen wurde.

Heute sind 70 Prozent unserer Gäste Fussgänger

, erzählt der gebürtige Interlakner beim Mittagessen im Restaurant in der Bergstation. Stararchitekt Mario Botta hat sie designt – noch bevor Ecclestone einstieg und das Tourismusprojekt endgültig auf den Weltmarkt ausrichtete.

Das Nachtschlitteln ist ein spezielles Highlight das Touristen beim Diablerets-Massiv geboten wird.

Das Nachtschlitteln ist ein spezielles Highlight das Touristen beim Diablerets-Massiv geboten wird.

Sebastian Staub

Noch stellt die Schweiz mit rund 40 Prozent die Mehrheit aller Gletscherbesucher. Doch in den letzten zwölf Jahren hat sich die Zahl der Gruppenreisenden verachtzehnfacht. Sie kommen vor allem aus Indien und China.

Eher individuell reisen Europäer, Amerikaner und Menschen aus dem arabischen Raum an. Viele kommen gerade im Sommer. Wegen des Schnees. Oder einfach, um einen Gletscher zu erleben, so lange es sie noch gibt. Und während man für eine Reise in der völlig überfüllten Jungfraubahn aufs Joch mehr als 200 Franken bezahlt, kostet hier ein Fussgängerticket verhältnismässig bescheidene 80 Franken (für Halbtax-Besitzer die Hälfte).

Der Snowbus chauffiert müde oder gehfaule Beine über den Gletscher.

Der Snowbus chauffiert müde oder gehfaule Beine über den Gletscher.

sel

An diesem Freitag Ende Januar quetschen wir uns kurz nach Mittag in die Gondel am Col du Pillon. Zusammen mit einer chinesischen Reisegruppe. Mundschütze allenthalben, so nah war das Corona-Virus gefühlt noch nie. «Wir hatten auch schon Annullationen wegen des Virus», sagt Andreas Banholzer, Direktor des Waadtländer Tourismusbüros. Er und Tschannen rechnen mit einem Rückgang von um die 20 Prozent bei den chinesischen Touristen (rund 25000 kommen jährlich). Aber es könnte auch zu Kompensationseffekten kommen, wenn Leute anstatt nach China zu ihnen kämen. Alles schwer abzuschätzen.

Skigebiete nahe dem Gletscher sollen ausgebaut werden

Neurowissenschafter Renaud Richardet braut lokales Bier.

Neurowissenschafter Renaud Richardet braut lokales Bier.

sel

Keine grossen Sorgen macht sich deswegen Stéphane Wartner. Seit bald 15 Jahren führt er mit seiner Frau Alexandra das Eurotel Victoria in Les Diablerets, unten im Dorf. Mit 101 Zimmern ist es das grösste Haus im Ort. Chinesische Gäste steigen nur selten bei ihm ab – und wenn, dann reisen sie auf eigene Faust. Die Gruppen übernachten meist im grenznahen Ausland, in Italien oder Frankreich, wo es billiger ist.

Wir haben uns in den letzten Jahren immer stärker auf Konferenzen und Tagungen spezialisiert

, sagt Wartner. Er spricht Mundart mit leichtem, französischem Akzent. Für einige Jahre arbeitete er im «Baur au Lac» in Zürich.

Schreiner Joël Morerod baut im Winter Schlitten.

Schreiner Joël Morerod baut im Winter Schlitten.

sel

In der Gondel auf dem Weg nach oben muss man die Skifahrer suchen. Aber doch, ein paar Verwegene fahren zum Gletscher hinauf. Gut, für den Durchschnittsskifahrer ist das Gebiet unten zwischen Les Diablerets, Villars und Gryon vermutlich auch interessanter. Abwechslungsreicher vor allem. Mehr als 100 Pistenkilometer gibt es dort zu entdecken. Oben auf dem Gletscher sind die Pisten flach. Oder dann sehr steil. Wie die Combe d’Audon, eine schwarze Piste, eine der anspruchsvollsten der Region.

Hier oben beginnt die Saison sehr früh, flaut dann ab, wenn unten der Schnee liegt, und zieht gegen Ende ­Februar wieder an, wenn er unten wieder knapper wird. Bis im Mai fährt man auf dem Gletscher, wo die Kantone Bern, Waadt und Wallis zusammenkommen. Er gibt den umliegenden Skigebieten Sicherheit. Auch in warmen Wintern wie diesem. Da sie zahlreicher werden sollen, sagt Gletscher-Boss Tschannen: «Wir wollen ausbauen.» Angefangen haben sie schon. Vor drei Jahren wurde der Red Run eröffnet. Am Fuss des Oldenhorns zieht er sich hinunter Richtung Mittelstation Cabane, wo er wenig später in die bestehende Martinsberg-Piste läuft. Nun wollen sie einen Tunnel bei der Mittelstation bauen. Für fast 2,5 Millionen Franken.

Imposant und wild: die Aussicht vom Gipfel bei Les Diablerets.

Imposant und wild: die Aussicht vom Gipfel bei Les Diablerets.

Gstaad / Saanenland Tourismus

Die Hängebrücke führt zum Gipfel

Für die Fussgänger hat man schon einiges investiert. Zum Beispiel in den Peak Walk, die Hängebrücke zwischen Vorgipfel und Gipfel des fünf Meter höher gelegenen Scex Rouge. 80 Zentimeter breit, 107 Meter lang. Wenn die Sicht klar ist, wie an jenem Freitag, sieht man von hier ganze 24 4000er. Der Wind zieht auch an ruhigen Tagen zügig unter den Füssen hindurch und über die frisch eingeschneiten Felswände.

Anfang dieser Woche waren die Bahnen gar ganz geschlossen, zu heftig die Orkanböen. Für die Hängebrücke kein Problem. Sie braucht praktisch keinen Unterhalt, wie Tschannen betont. Es gibt kaum einen Touristen, der nicht die Stufen zur Hängebrücke hochkeucht. «Die beste Investition (rund 1,6 Millionen Franken; d. Red.) überhaupt», findet Tschannen.

Wer ganz schnell rodeln will, mietet einen Schlitten mit Skibelag.

Wer ganz schnell rodeln will, mietet einen Schlitten mit Skibelag.

Schweiz Tourismus

Zur «Refuge d’espace» laufen weit weniger Touristen. Manche dagegen setzen sich in den Snowbus, den Pistenbully mit Aufbau, der bis zu 30 Personen transportieren kann, und lassen sich für sieben Franken über den Gletscher chauffieren. Wir kommen in den Genuss einer kleinen Extra-Tour über das ewige Eis. Kurzfristig organisiert von einem gewissen Hugues Ansermoz, ehemaliger Nationaltrainer der Schweizer Ski-Frauen, heute COO der Gstaad 3000 AG.

Wo sich einst Teufel und Dämonen tummelten, ist heute eine Art hochalpiner Vergnügungspark. Der Schrecken ist weg. Wenigstens vorerst. Denn wer weiss, was die Gletscherschmelze für Folgen hat.

Gut zu wissen


Mittwochs, freitags und samstags kann man in Les Diablerets bestens nachtskifahren. Wer davon schon tagsüber genug hatte, der mietet sich einen der richtig schnellen Rodelschlitten (mit Skibelägen), fährt mit der Gondelbahn hoch nach Les Mazots, gönnt sich im Restaurant bei der Station ein Fondue, schnallt die Stirnlampe um und rauscht auf dem Schlitten ins Tal hinunter. Schlitten mit denselben Kufen kann man auch kaufen. Joël Morerod fertigt jährlich 30 bis 50 Stück – nach den Wünschen der Kunden. Kostenpunkt: zwischen 650 und 1500 Franken. Nachdem Schlitteln, gleich neben der Talstation, trinkt man «Chez la Julie» einen Glühwein oder im Iglu nebenan ein lokales Bier. Zwei Mikrobrauereien gibt es in Les Diablerets. Seit fünf Jahren braut der Neurowissenschafter Renaud Richardet (Brasserie des Diablerets) Bier, rund 2000 Flaschen im Monat. Man findet sie in zahlreichen Restaurants, etwa «Chez Lacroix» im Ort. Probieren lohnt sich unbedingt. Genauso bei den Bieren von «La Diablesse aux Diablerets».

Die Reise wurde ermöglicht durch Waadtland Tourismus.