Wir befinden uns bei den Maman Volontaires, den freiwilligen Müttern, in der Kantine in Kumukenke. Hier wird für die Enfants Vulnerables, die benachteiligten Kinder, dreimal in der Woche ein reichhaltiges Mittagessen zubereitet. Heute aber sind vor allem Erwachsene anwesend, es geht um die Mikrokredit-Projekte. Wir hören Frauen zu, die uns berichten, was sie mit diesen Kleinkrediten gemacht haben und wie sie damit ihr Leben verändern konnten. Die Einzelschicksale berühren mich sehr.

Auch ein Mann ist unter ihnen, er möchte als Erster berichten. Die eleganten Kleider und Schuhe sind ihm zwar zwei Nummern zu gross, der Stolz, der in seiner Brust steckt, ist hingegen raumfüllend. Er berichtet uns, wie er dank einem Mikrokredit Gemüse und Obst anbauen konnte und sich und seine Familie dadurch nun selber finanzieren und ernähren kann. Er erhielt einen zweiten Mikrokredit, konnte sich davon eine grössere Parzelle kaufen und verkauft nun auch Bananensäfte am Markt. Er sei jetzt ein gemachter Mann.

Caroline Wanner (Mitte) und die Stiftungsratspräsidentin Regula Gloor besuchten auch die 104-jährige Madame Zula.

Caroline Wanner (Mitte) und die Stiftungsratspräsidentin Regula Gloor besuchten auch die 104-jährige Madame Zula.

Tofu und Flechtarbeiten

Als Nächstes erzählt eine 39-jährige Frau, Mutter von sieben Kindern, wie sie beim Programm «De l’éducation pour les microcrédits» teilgenommen hatte. Auf der Suche nach einem möglichen Projekt erinnerte sie sich daran, wie sie als 17-Jährige von ihrer Mutter gelernt hatte Tofu herzustellen, dies seither aber nicht mehr praktiziert hatte.

Tofu ist hier eine angesehene Alternative zum teuren Fleisch und ist unter anderem auch an Hochzeiten beliebt. Nun bereitet sie regelmässig in der Nacht, wenn die Kinder schlafen, Tofu zu und verkauft ihn. Noch nie habe ich einen so leckeren Tofu gegessen. Vor uns steht eine strahlende, selbstbewusste Frau, ganz nach dem ruandischen Sprichwort «Quand la famille est bien, la femme peut aussi rire».

Eine zierliche Frau redet in Kinyarwanda auf uns ein, berichtet, wie sie aus tiefster Armut komme und wie gross die Verzweiflung war. Durch die Angestellten des Bureau Social, das zum Hilfswerk Margrit Fuchs gehört, lernte sie Strategien und den Umgang mit Konflikten. So konnte sie sich ihrem Mann wieder anvertrauen, und zu Hause sei zunehmend Frieden eingekehrt.

Zudem nahm sie einen Mikrokredit auf, der ihr ermöglichte, Material zum Flechten von Früchtekörben zu kaufen. Diese stellt sie nun in verschiedenen Farben und Mustern her. Die beiden Hühner, die sie im Rahmen der Viehspenden erhalten hatte, beliefern sie zudem mit Eiern, sodass die Mahlzeit für sie und die Familie reichhaltiger wurde. Ihrem Redeschwall ist grosse Dankbarkeit zu entnehmen.

Viele in erbärmlichen Lehmhütten lebende Kinder und Familien brauchen Unterstützung.

Viele in erbärmlichen Lehmhütten lebende Kinder und Familien brauchen Unterstützung.

Ein neues Leben erhalten

Als Nächstes positionieren sich zwei Jungs vor uns, die mit grosser Ernsthaftigkeit erzählen, was sie über Beziehungen zu Mädchen und Frauen gelernt haben: dass sie mit ihnen respektvoll umgehen wollen. Und dass sie die Mädchen als gleichwertig betrachten und sie vor reichen alten Männern beschützen werden.

Eine weitere Frau berichtet über ihre Misere der Armut, in der sie lange Zeit steckte und keinen Ausweg sah. Immer wieder sei sie körperlich erkrankt und depressiv gewesen, sie habe ihre beiden Kinder nicht ernähren können, erzählt sie. Mithilfe des Bureau Social fühle sie sich, als hätte sie ein neues Leben geschenkt bekommen. Mit neuem Selbstvertrauen gerüstet, blickt sie zuversichtlich der Zukunft entgegen. Jetzt gehe es ihr viel besser.

Immer wieder muss ich die Tränen zurückhalten, insbesondere weil man so gut spüren kann, was für grosse Schritte diese Menschen gemacht haben. Wie sie aus der untersten Armutsstufe aufgestanden sind und mit Unterstützung des Bureau Social in Eigeninitiative dem Leben nun wieder einen Sinn und Freude abgewinnen können. Klar, dieser Schritt bedeutet viel Arbeit, aber was das neu gewonnene Selbstvertrauen aus den Menschen macht, ist enorm beeindruckend.

Auch dieses Jahr wird eine von der Stiftung gebaute Schule eingeweiht. Wir sind beim Primarschulhaus in Mushubati angekommen, die Vize-Bürgermeisterin ist bereits vor Ort. Die rund 600 Schüler empfangen uns voller Euphorie. Die Mädchen sind blau gekleidet, die Jungs tragen kakifarbene Schuluniformen. Sie schreien sich, so laut sie können, Worte nach, klatschen in die Hände und hüpfen. Was für eine Zeremonie!

Jedes Kindergesicht mit den grossen Augen, dem Strahlen im Gesicht und den kurzen Haaren wächst einem ans Herz. Nach den Eröffnungsreden wird getanzt und getrommelt. Voller Lebensfreude führen die jungen Primarschüler die kompliziertesten Tänze auf. Was gibt es für eine bessere Gesundheitsprävention als Tanzen, Singen, Lachen und Gemeinschaft? Wir können viel von der ruandischen Kultur und ihren Menschen lernen.

Anschliessend statten wir dem Bau eines weiteren Schulhauses einen Besuch ab. Es ist faszinierend, wie Frauen und Männer mitanpacken, wie Ziegelstein um Ziegelstein aneinandergereiht werden. Auch Baumeister Theogene ist vor Ort. Die Schulhäuser werden jeweils im selben Stil, einstöckig und simpel, aber sehr robust erbaut. Für die Schulkinder verkürzt sich somit der Schulweg deutlich, vielen wird der Schulbesuch überhaupt ermöglicht, und die Arbeitenden haben ein temporäres Einkommen.

Viehabgaben – hier von Milchgeissen – sind eine grosse Hilfe für notleidende Familien.

Viehabgaben – hier von Milchgeissen – sind eine grosse Hilfe für notleidende Familien.

Verwahrlost und verzweifelt

Heute ziehen wir mit Prudence, Pacifique und James vom Bureau Social los, um die ärmsten Bewohner Ruandas aufzusuchen.

Bei den Erstkontakten ist die lähmende Armut spürbar – und dass die Mütter und Kinder dringend Hilfe brauchen. Es herrschen Verwahrlosung und Verzweiflung. Meine ruandischen Freunde reden auf eine Mutter ein, versuchen, ihre Würde anzuheben, damit sie merkt, dass es auch für ihr Wohl ist, in einem aufgeräumten und sauberen zu Hause zu leben, dass es sich lohnt, die Kraft dafür aufzuwenden. Sie möchten sie ermutigen, sich beim Kochen in der Kantine zu beteiligen, um die soziale Isolation zu durchbrechen und wieder in die Selbstwirksamkeit zu kommen.

Ihr Mann habe sie mit drei Kindern sitzen gelassen, später sei noch eines dazugekommen. Auch das Thema Verhütungsmittel soll aufgenommen werden. Die Frau schämt sich, dass sie nicht realisieren konnte, was beim ersten Besuch erklärt wurde, aber es wird ihr erneut Mut gemacht und die Kinder helfen ihr dabei. Der Anblick von diesen Kindern mit zum Teil schwarzen Zähnen und zerrissenen Kleidern, aber mit einem wundervollen Lächeln, hat sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben.

Im nächsten Haus werden uns voller Stolz Kunsthandwerke Ruandas vorgeführt. Vier Waisen wohnen hier zusammen. Die Älteste, 22-jährig, kümmert sich rührend um die Geschwister und die Lehmhütte. Sie schaut nach dem Schwein und den beiden Hühnern im Innenhof, bewirtschaftet die kleine Parzelle ums Haus, sodass sie sich selber versorgen können, und produziert voller Eifer und mit grosser Fertigkeit geflochtene Körbe. Ich bin fasziniert von ihrem Drive und ihrem Stolz. Leider verkauft sie die Kunsthandwerke dem Händler für einen viel zu tiefen Preis – auf dem Markt in Kigali, der Hauptstadt, werden sie danach fürs Fünf- bis Zehnfache angeboten.

Hoffen auf ein Wiedersehen

Meine ruandischen Freunde scheinen Freude zu haben, wenn ein Umuzungu, ein Weisser, mit ihnen zusammen ist. Und beim Besuch der Familien wird mir immer wieder gesagt, ich solle wiederkommen. Ich spüre, wie viel es den Menschen bedeutet, wenn sie in ihrem Zuhause besucht werden.

Über Mittag weile ich in einer weiteren Kantine. Ich bin beeindruckt vom Anstand der Kinder. Sie essen schweigend und warten, bis der und die Letzte aufgegessen hat. Draussen versuchen sie mir anschliessend, ruandischen Tanz beizubringen. Wiederum bin ich fasziniert von den Rhythmen und dem Geschick der Mädchen und Knaben.

Von einem reizenden achtjährigen Mädchen wird mir berichtet, dass es als Neugeborenes in einem Sack auf dem Feld aufgefunden wurde. Ich kann dieses vor Freude strotzende Kind fast nicht aus den Augen lassen. Ein Beispiel dafür, wie gut die Integration der Waisenkinder in Familien funktioniert und wie diese unterstützt werden.

Am Schluss besuchen wir eine alleinerziehende Mutter mit neun Kindern, auch sie sehen verwahrlost aus. Mir scheint, wenn die afrikanischen Kinder das Lächeln nicht erwidern, geht es ihnen wirklich nicht gut. Nun beginnt es aber stark zu regnen, sodass wir beschliessen, am nächsten Tag wieder zu kommen. Für den Anbau und die Erde ist der lang erwartete Regen ein Segen. Ich hoffe bloss, dass die Lehmhütten dicht sind. Aber auch hier helfen die Angestellten des Bureau Social, gewisse Hütten nochmals aufzubauen oder auszubessern.

Caroline Wanner ist Ärztin der Inneren Medizin in der Klinik Arlesheim. Seit März 2017 ist sie Mitglied im Stiftungsrat des Hilfswerks Margrit Fuchs Ruanda. Im Oktober 2018 begleitete sie die Präsidentin, Regula Gloor, und Barbara Willi, Stiftungsratsmitglied, auf dem alljährlichen Besuch in Ruanda.