Analyse
Das hässliche Geheimnis von YouTube – Faktenchecker weltweit schlagen Alarm

YouTube lasse zu, dass seine Plattform von skrupellosen Akteuren als Waffe eingesetzt werde, um andere zu manipulieren und auszubeuten, warnen 80 Non-Profit-Organisationen in einem eindringlichen Appell.

Daniel Schurter, watson
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Auf dem Videoportal Youtube verbreiten sich Covid-Falschinformationen wie ein Lauffeuer.

Auf dem Videoportal Youtube verbreiten sich Covid-Falschinformationen wie ein Lauffeuer.

Patrick Semansky / AP

Ein Zusammenschluss von mehr als 80 Faktencheck-Organisationen auf der ganzen Welt drängt die Google-Tochter YouTube, endlich ernsthaft gegen die Verbreitung von Covid-Falschinformationen vorzugehen. Denn diese herrschten auch nach zwei Jahren Pandemie auf der Plattform vor.

Der offene Brief an die YouTube-Chefin

«Dicke Post» für Susan Wojcicki. Mehr als 80 bekannte und unabhängige Organisationen, die sich dem Kampf gegen Fake News widmen, richten nun einen eindringlichen Appell an die oberste YouTuberin. Die 53-jährige US-Amerikanerin polnischer Abstammung war ab 1999 erste Marketing-Managerin von Google, seit Februar 2014 ist sie CEO – sprich Chefin – von YouTube.

YouTube-Chefin Susan Wojcicki.

YouTube-Chefin Susan Wojcicki.

Keystone

Damit gehört sie zur obersten Führungsriege des mächtigen Internetkonzerns. Und sie steht in der Verantwortung, was die Verbreitung von Hass, Unwahrheiten und Desinformation auf der populärsten Videoplattform der Welt betrifft.

Die Welt habe immer wieder erlebt, «wie destruktiv Desinformation und Fehlinformation für den sozialen Frieden, die Demokratie und die öffentliche Gesundheit sein können», heisst es in dem an sie gerichteten Brief. Zu viele Leben und Lebensgrundlagen seien ruiniert, und viel zu viele Menschen hätten ihre Leben durch Desinformation verloren.

Dabei kommt YouTube gemäss Darstellung der unabhängigen Faktenchecker eine spezielle Verantwortung zu: «Als internationales Netzwerk von Faktencheck-Organisationen überwachen wir, wie Lügen im Internet verbreitet werden – und sehen jeden Tag, dass YouTube weltweit einer der wichtigsten Kanäle für Desinformation und Falschinformationen im Internet ist. Dies ist eine grosse Sorge unserer globalen Faktenchecker-Community.

Was wir nicht sehen, sind grosse Anstrengungen von YouTube, Richtlinien zu implementieren, die das Problem angehen. Im Gegenteil, YouTube lässt zu, dass seine Plattform von skrupellosen Akteuren als Waffe eingesetzt wird, um andere zu manipulieren und auszubeuten und sich selbst zu organisieren und Geld zu sammeln.

Die aktuellen Massnahmen erweisen sich als unzureichend. Deshalb fordern wir Sie auf, wirksame Massnahmen gegen Desinformation und Fehlinformation zu ergreifen und einen Fahrplan für strategische und produktbezogene Massnahmen zur Verbesserung des Informationsökosystems auszuarbeiten – und dies zusammen mit den unabhängigen, überparteilichen Organisationen zur Faktenprüfung.»

Welche negativen Beispiele nennen die Faktenchecker?

Im letzten Jahr habe man auf YouTube mitverfolgt, «wie Verschwörungsgruppen gedeihen und über Grenzen hinweg zusammenarbeiten», darunter eine internationale Bewegung, die in Deutschland begann, nach Spanien sprang und sich über Lateinamerika ausbreitete, «alles auf YouTube». In der Zwischenzeit hätten sich Millionen andere User Videos auf Griechisch und Arabisch angesehen, die sie dazu ermutigten, Impfungen zu boykottieren oder ihre Covid-Infektionen mit Scheinheilmitteln zu behandeln.

Über Covid-19 hinaus würden YouTube-Videos seit Jahren unwissenschaftliche Scheinheilmittel gegen Krebserkrankungen fördern, kritisieren die Faktenchecker. In Brasilien sei die Plattform verwendet worden, um Hass gegen gefährdete Gruppen zu verbreiten und habe Zehntausende User erreicht. Wahlen seien auch nicht sicher.

Auf den Philippinen habe es über 2 Millionen YouTube-Aufrufe gegeben für Videos, die Menschenrechtsverletzungen und Korruption während der Jahre des Kriegsrechts leugneten. Dies, um dem Sohn des verstorbenen Diktators, einem der Kandidaten bei den Wahlen 2022, zu helfen. In Taiwan seien die letzten demokratischen Wahlen von unbegründeten Betrugsvorwürfen überschattet gewesen.

Die ganze Welt sei Zeuge der Folgen der Desinformation geworden, als Anfang 2021 ein gewalttätiger Mob das US-Kapitol angriff. Vom Vorabend der US-Präsidentschaftswahl bis zum Tag danach wurden YouTube-Videos, die das «Betrugs»-Narrativ unterstützen, über 33 Millionen Mal angesehen.

Es gebe zu viele negative Beispiele, um sie alle aufzuzählen, halten die Faktenchecker in ihrem Brief an die YouTube-Chefin fest. Viele dieser Videos und Kanäle seien heute noch online und alle seien sie unter dem Radar der YouTube-Richtlinien geblieben, dies betreffe insbesondere die nicht-englischsprachigen Ländern und den globalen Süden.

«Wir freuen uns, dass das Unternehmen in letzter Zeit einige Schritte unternommen hat, um dieses Problem anzugehen, aber basierend auf dem, was wir täglich auf der Plattform sehen, glauben wir, dass diese Bemühungen nicht funktionieren – und YouTube stellt auch keine Qualitätsdaten bereit, um ihre Wirksamkeit zu beweisen.»

Das grundlegende Problem aus Sicht der unabhängigen Faktenchecker: Auf der Unternehmensplattform stelle YouTube den Kampf gegen Desinformation so dar, als gebe es nur zwei Vorgehensweisen: Löschen oder Nichtlöschen von Inhalten. Auf diese Weise vermeide YouTube die Möglichkeit, das zu tun, was sich nachweislich bewährt habe:

«Unsere Erfahrung als Faktenchecker und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen uns, dass die Veröffentlichung von faktengeprüften Informationen effektiver ist als das Löschen von Inhalten.»

Dies schütze auch die Meinungsfreiheit, halten die unabhängigen Faktenchecker im offenen Brief fest, und gleichzeitig würde so anerkannt, dass zusätzliche Informationen erforderlich seien, um «die Risiken von Schäden für Leben, Gesundheit, Sicherheit und demokratische Prozesse» zu verringern.

Was soll YouTube konkret verbessern?

Die Faktenchecker-Organisationen unterbreiten Susan Wojcicki konkrete Verbesserungsvorschläge und Massnahmen, die aus ihrer Sicht einen grossen Unterschied ausmachen würden im Kampf gegen Desinformation und Fake News.

1. YouTube solle sich zu voller Transparenz verpflichten auf seiner Plattform. Das heisst konkret, das Unternehmen solle unabhängige Untersuchungen über den Ursprung von Desinformationskampagnen, ihre Reichweite und Auswirkungen sowie die effektivsten Methoden zur Entlarvung von Fehlinformationen unterstützen.

2. Ausserdem sollte YouTube seine «Moderationspolitik» bezüglich Desinformation und Fehlinformation offenlegen, «einschliesslich der Verwendung von künstlicher Intelligenz und der Daten, die ihr zugrunde liegen». Das Unternehmen soll also der Öffentlichkeit erklären, nach welchen (internen) Regeln Inhalte gelöscht werden.

3. Abgesehen vom Löschen illegaler Inhalte solle YouTube vermehrt Fakten-Checks einblenden. Dieser Kontext solle die problematischen Videos klar überlagern oder als zusätzlicher Inhalt bereitgestellt werden.

4. Dies gelinge allerdings nur, wenn YouTube «eine sinnvolle und strukturierte Zusammenarbeit» mit den Faktencheck-Organisationen eingehe, Verantwortung übernehme und systematisch in unabhängige Bemühungen zur Faktenprüfung auf der ganzen Welt investiere.

5. YouTube soll härter gegen Wiederholungstäter vorgehen, die regelmässig Falschinformationen verbreiten und damit auch noch Geld verdienen. Insbesondere gelte es zu verhindern, dass die Empfehlungsalgorithmen von YouTube solche Inhalte weiterverbreiten.

6. Schliesslich gelte es aktuelle und zukünftige Bemühungen gegen Desinformation und Fehlinformationen in anderen Sprachen als Englisch zur Verfügung zu stellen. Auf diese Problematik habe auch die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen aufmerksam gemacht, hält Techcrunch fest.

Abschliessend schreiben die Faktenchecker: «Wir hoffen, dass Sie erwägen, diese Ideen zum Wohle der Allgemeinheit umzusetzen und YouTube zu einer Plattform zu machen, die wirklich ihr Bestes tut, um zu verhindern, dass Desinformation und Fehlinformationen gegen ihre Nutzer und die Gesellschaft insgesamt eingesetzt werden.»

Wer sind die Unterzeichner?

Zu den hierzulande bekannteren der mehr als 80 Non-Profit-Organisationen, die den offenen Brief unterzeichnet haben, gehört Correctiv aus Deutschland. Weitere europäische Faktenchecker, die YouTube dringend zum Handeln auffordern, stammen aus Belgien, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Dann hat es NGOs aus diversen osteuropäischen Staaten. Aus Skandinavien ist lediglich Norwegen aufgeführt. Grossbritannien und die USA sind ebenfalls mit an Bord.

Die ganze Liste der unterzeichnenden Organisationen ist am Ende des offenen Briefes zu finden (siehe Quellen). Die Schweiz sucht man vergeblich!

Was bringt das?

YouTube ist ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen, das zum börsenkotierten Alphabet-Konzern gehört. Und wie bei anderen amerikanischen Social-Media-Giganten steht die Reichweite der Plattform an oberster Stelle, weil dadurch gewährleistet ist, dass die Werbe-Milliarden fliessen.

Posieren der Mächtigen: Hier traf Wojcicki 2017 den kanadischen Premier Justin Trudeau.

Posieren der Mächtigen: Hier traf Wojcicki 2017 den kanadischen Premier Justin Trudeau.

Keystone

Ob der öffentliche Aufruf der unabhängigen Faktenchecker in Googles Topmanagement etwas bewirkt, wird sich zeigen. Vielleicht trifft er ja auf offene Ohren in der Politik?

Dass der YouTube-Empfehlungsalgorithmus in den letzten Jahren eine aktive Rolle gespielt hat bei der gesellschaftlichen Spaltung durch Desinformation, dürfte vielen einleuchten. Das Ausmass lässt sich allerdings nur abschätzen. Da die Plattform wie etwa TikTok video- und nicht textbasiert ist, ist es für Forscher allgemein schwieriger, sie zu studieren.

Quellen

poynter.org: An open letter to YouTube’s CEO from the world’s fact-checkers (der offene Brief im Original)

techcrunch.com: Fact-checkers write open letter urging YouTube to get serious about COVID misinformation

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