Überwachung
«Alles, was gespeichert ist, wird irgendwann öffentlich werden»

Schriftsteller Tom Hillenbrand befürchtet, der Staat könne künftig in Gedanken eindringen.

Dennis Bühler
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Der Schriftsteller Tom Hillenbrand zeichnet ein Worst-Case-Szenario.

Der Schriftsteller Tom Hillenbrand zeichnet ein Worst-Case-Szenario.

Benne Ochs

Dank totaler Überwachung werden die Geheimdienste bald vorhersagen können, welche Bürger kriminell werden — und diese frühzeitig aus dem Verkehr ziehen. Davon ist der deutsche Schriftsteller Tom Hillenbrand überzeugt, der über unsere Zukunft im Überwachungsstaat einen mitreissenden Krimi geschrieben hat.

Seit Whistleblower Edward Snowden, dem früheren US-Geheimdienstagenten, weiss man, wie flächendeckend wir alle überwacht werden. Doch wohin führt es, wenn der technologische Fortschritt anhält und Geheimdienste völlig unkontrolliert bleiben? In seinem Kriminalroman «Drohnenland» hat Tom Hillenbrand ein solches Europa erschaffen – eine Dystopie, die beklemmend realistisch wirkt.

Herr Hillenbrand, am Samstag begann in München das Oktoberfest. Die Sicherheitsvorkehrungen sind immens: Erstmals gibt es ein Rucksackverbot, hunderte zusätzliche Ordner wurden aufgeboten und die gesamte Theresienwiese eingezäunt. Die Terrorangst überwiegt, von Vorfreude keine Spur.

Tom Hillenbrand: Das stimmt. Seit dem Amoklauf in unserer Stadt mit neun Toten im Juli sind Ohnmachtsgefühle und Angst allgegenwärtig, auch wenn diese Tat gar nicht terroristisch motiviert war. Man sollte sich allerdings keiner Illusion hingeben: Totale Sicherheit gibt es mit den heute verfügbaren Mitteln nicht. Bei Rucksackverbot und Zaun geht es vor allem darum, Bewohnern und Besuchern ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln.

Noch gibt es keine totale Sicherheit. In Ihrem dystopischen Roman «Drohnenland» aber ist das anders. Wie weit in der Zukunft spielt Ihr Buch?

Als ich es schrieb, dachte ich, es spiele einige Jahrzehnte in der Zukunft. Viele Entwicklungen der letzten zwölf Monate aber lassen mich daran zweifeln, ob «Drohnenland» nicht viel näher liegt. Technologisch ist totale Überwachung schon heute möglich, und jeder Terroranschlag lässt es zwangsläufiger erscheinen, diese Methoden auch anzuwenden. Auch wenn dabei der Rechtsstaat komplett ausgehöhlt wird.

Im Zuge der Abstimmung über das neue Nachrichtendienstgesetz diskutieren wir in der Schweiz, ob Kabelaufklärung und Staatstrojaner rechtsstaatlich okay seien und wie lange Daten auf Vorrat gespeichert werden sollen. Sind wir grenzenlos naiv, weil die Überwachung mit Big Data ohnehin nicht aufzuhalten ist?

Wir müssen die Debatte, wie weit wir unsere Freiheit der Hoffnung auf einen Hauch mehr Sicherheit opfern wollen, unbedingt führen. Aber es ist schon so: Überwacht wird, ob wir es wollen oder nicht. Alle Daten dazu sind bereits vorhanden, auch wenn sie bisher ausser dem US-Geheimdienst NSA vermutlich niemand verknüpft und so zum unheimlichen Ganzen zusammenführt.

Ihr Buch wirkt auch deshalb so realistisch, weil Privatsphäre den meisten Menschen schon heute kaum mehr etwas bedeutet. Sonst würden sie nicht googeln und hätten keinen Facebookaccount.

Wir sollten uns bewusst sein: Alles, was irgendwo gespeichert ist, wird irgendwann öffentlich werden. Schon heute zwingen die US-Geheimdienste etliche Unternehmen, ihnen Nutzerdaten zuhanden der Terrorabwehr herauszurücken. Selbst wenn die Politik irgendwann eine Löschung verfügen sollte: Mit Sicherheit wird sich der Geheimdienst vorher eine Kopie anfertigen. Mit historischem Gewissen sollten wir uns zudem die folgende Frage stellen: Was hätte die Stasi der DDR oder die nationalsozialistische Gestapo mit solchen Daten angestellt? Wir können uns nicht sicher sein, ewig demokratisch regiert zu werden.

In «Drohnenland» erinnern sich nur noch die alten Unionsbürger an Privatsphäre.

Die Leute verschliessen die Augen vor der Erosion der Privatsphäre. Vieles ist bereits unumkehrbar: Den öffentlichen Raum muss man verloren geben, der ist längst komplett kameraüberwacht. Im privaten Rahmen aber sollten wir es den Überwachern so schwer wie möglich machen. Und wir sollten juristisch vorsehen, damit solche private Daten strafrechtlich nicht oder zumindest nicht zeitlich unbegrenzt verwendet werden dürfen.

Fast noch beunruhigender als die totale Überwachung ist eine andere Utopie, die Sie in «Drohnenland» präsentieren: die Prädiktion. Zu jedem Unionsbürger wird ein prädiktives polizeiliches Führungszeugnis erstellt, welches voraussagt, zu welcher Wahrscheinlichkeit jemand in den kommenden zehn Jahren eine schwere Straftat begehen wird. Die Polizei zieht diese Menschen noch vor ihrer Tat aus dem Verkehr. In diesem Punkt übertreibt «Drohnenland»: Menschliches Verhalten ist viel zu komplex für Prädiktion.

Sie irren sich. Der britische Physiker Stephen Wolfram, der sich mit der Prädiktion menschlichen Verhaltens beschäftigt, sagt: «Menschliches Handeln ist vorhersagbarer als die Quantenmechanik von Elementarteilchen.» Hart aber wahr: Wir sind leichter zu durchschauen als Elementarteilchen, auch wenn wir uns für komplex und unergründlich halten.

Wann wird Prädiktion in Realität möglich sein?

Amerikanische Städte setzen sie schon heute ein, wenn auch nicht personalisiert: Computer errechnen, in welchen Vierteln und Strassenzügen Gewalttaten am wahrscheinlichsten sind, und schicken einen Streifenwagen hin.

Immerhin können so Straftaten verhindert werden.

Vielleicht. Die Folgen von Prädiktion aber sind unabsehbar. Bedenken Sie das Prinzip dahinter: Je mehr Daten man einem lernfähigen Computer gibt, desto treffsicherer werden seine Prognosen. Die Logik von Big Data lautet: Viel hilft viel. Der Algorithmus hat nie genug Daten. Wenn wir nun in Europa – wie gegenwärtig gefordert – alles über alle Islamisten wissen wollen, muss unser Fahndungscomputer auch alles über alle anderen Menschen wissen. Daten von Kontrollgruppen nämlich helfen ihm, das Verhalten der überwachten potenziellen Terroristen besser vorherzusagen.

Als anständiger Bürger hat man nichts zu befürchten.

Doch. Denn aufgrund dieser Daten lässt sich nicht nur sagen, ob Sie bald eine Bank überfallen oder einen Sprengsatz legen werden, sondern auch, mit welcher Wahrscheinlichkeit Sie in den nächsten Jahren die SVP wählen, zum Islam konvertieren oder Ihre homosexuelle Seite entdecken werden. Alles kann gegen Sie verwendet werden, wenn es den Behörden nicht passt. Hat der Staat erst mal genügend Daten über Sie gesammelt, sind Ihre Gedanken nicht mehr frei. Es ist noch gruseliger als bei George Orwell, bei dem nur überwacht wurde, was gesagt wird: In zehn, zwanzig Jahren wird man den Leuten die innersten Gedanken aus den Köpfen ziehen können.

Sind Sie Verschwörungstheoretiker?

So wurde ich selten bezeichnet, zu klar sind die Überwachungstendenzen. Ich gelte höchstens als Pessimist. «Drohnenland» zeichnet ein Worst-Case-Szenario. Dieses aber ist nicht unrealistisch.

Besucht ein Pessimist das Oktoberfest – oder bestimmt die Angst auch Ihr Leben?

Ich besuche es nicht. Aber nicht, weil ich Angst vor einem Anschlag hätte, sondern weil mir der heute vorherrschende Trachtenzwang zuwider ist. Kein Hamburger würde sich in eine Lederhose zwängen lassen (lacht).

Tom Hillenbrand: «Drohnenland». Kiwi-Taschenbuch. 432 Seiten. 14.50 Franken.

Tom Hillenbrand

Die Vision ist schwer erträglich: Tom Hillenbrand zeichnet in «Drohnenland» einen beinahe perfekten Überwachungsstaat. Supercomputer und Drohnen helfen in diesem Europa nicht nur bei der Aufklärung von Verbrechen, sondern nehmen mittels Prädiktion ermittelte Wahrscheinlichkeiten auch zum Anlass, Teenager auszuschalten, die später straffällig werden könnten. Doch kann man den Daten trauen? Oder sind sie manipulierbar? Hillenbrands 2015 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichneter Roman überzeugt, weil er trotz aller dystopisch anmutenden staatlichen Überwachungsmethoden sehr realistisch wirkt. Und man fragt sich unvermittelt: Sind die Instrumente, die wir dem Schweizer Geheimdienst bei einem Ja zum Nachrichtendienstgesetz am 25. September in die Hände geben, bloss der erste Schritt? Hillenbrand ist gebürtiger Hamburger, lebt jedoch seit 2011 in München. Dort wirkt der 43-Jährige als freier Autor und Schriftsteller. Zuvor hatte er während vier Jahren als Ressortleiter Mobilität und Auto bei «Spiegel Online» gearbeitet. (dbü)