1 VIRUS – 100 SCHICKSALE
«Mein Kunstwerk wurde verunstaltet», Johannes Dörflinger (79), Künstler aus Konstanz

Seine Figuren stehen für Offenheit, Kreativität und Grenzenlosigkeit. Doch dann bekommt die Kunst von Johannes Dörflinger plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Martina Eggenberger Lenz
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Johannes Dörflinger an der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz am 16. April 2020.

Johannes Dörflinger an der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz am 16. April 2020.

Bild: Urs Brüschweiler

«Es war ein Schock, als diesen Frühling die Deutschen und Schweizer Behörden je einen Grenzhag auf Klein Venedig errichteten. Mein Werk, die Kunstgrenze, mitten drin. Verunstaltet. Es hat in mir eine solche Wut aufgelöst, meine Tarotfiguren so verstellt zu sehen. Seit 2007 stehen sie auf dem 280 Meter langen Grenzabschnitt zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Kunst statt Maschendraht war bei der Einweihung die Devise. Meine Figuren stehen für Offenheit, Kreativität und Grenzenlosigkeit. Und dann das.

Durch den doppelten Gitterzaun wurde das Kunstwerk zu einem Zeichen von Angst, Abschreckung und Abgeschiedenheit. Ich selber durfte kurzzeitig auch nicht mehr in die Schweiz einreisen. Die Präsidentin der Dörflinger-Stiftung hat mir dann aber zum Glück eine Einreisebewilligung besorgen können, damit ich an Sitzungen in Kreuzlingen teilnehmen konnte. Als die Zäune Mitte Mai endlich wieder entfernt wurden, war ich sehr erleichtert. Zusammen mit Freunden haben wir an der Kunstgrenze ein Freiheitstreffen gefeiert.

Wie ich als Künstler mit der Coronasituation umgehe? Ich arbeite einfach weiter. Unsere Galerie in Konstanz ist geöffnet. Ich zeichne. Ich male. Ich bereite Ausstellungen vor. Auch wenn ich mit meinem Alter zur Risikogruppe gehöre: Corona hat mir nie Angst gemacht.»

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