Kino
Wenn aus Papa plötzlich Mama wird

Im französischen Spielfilm «Lola Pater» sucht ein junger Mann seinen verschwundenen Vater – und findet stattdessen die grossartige Fanny Ardant.

Lory Roebuck
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Sie alleine ist das Eintrittsgeld wert: Fanny Ardant spielt in «Lola Pater» mit würdevollem Charisma.

Sie alleine ist das Eintrittsgeld wert: Fanny Ardant spielt in «Lola Pater» mit würdevollem Charisma.

Es ist ein bisschen fies. Der Kritiker der amerikanischen Fachzeitschrift «Variety» nennt «Lola Pater» einen «Film für Neandertaler». Er will damit sagen, dass «Lola Pater» seiner Ansicht nach zu rückständig mit seinem Thema umgeht: mit Transsexualität. Im Film spielt die französische Starschauspielerin Fanny Ardant eine Frau, die mal ein Mann gewesen ist.

Geschlechtsumwandlungen und transsexuelle Protagonisten sind in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gerade en vogue. Man denke etwa an die beliebten Fernsehserien «Orange is the New Black», «Transparent» und «Sense 8» oder an den Kinofilm «The Danish Girl», der 2016 mit einem Oscar prämiert wurde. Aber deswegen gleich so abschätzig? Ist das bloss der typisch hollywoodsche Überlegenheitskomplex oder ist am Urteil des amerikanischen Kritikers was dran?

Keine grossen Gesten

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Anders als ihre amerikanischen Berufskollegen verzichtet Nadir Moknèche, die franko-algerische Autorin und Regisseurin hinter «Lola Pater», weitgehend auf grosse Gesten und Gefühlswallungen. Weder erzählt ihr Film von einem dramatischen Ringen mit dem «falschen» Körper noch von einem Kampf um gesellschaftliche Akzeptanz. Stattdessen steckt Moknèche das ganze Drama ihres Filmstoffs in eine einzige Vater-Sohn-Beziehung.

«Lola Pater» handelt von Zino (Tewfik Jallab), der nach dem Tod seiner Mutter seinen Vater Farid ausfindig machen will. Farid hat die Familie vor 25 Jahren verlassen, als Zino noch ein kleiner Junge war. Die Adresse des Notars führt Zino aber zu Lola, einer Bauchtanz-Instruktorin. Der Film macht kein Geheimnis daraus, dass Zinos Papa nicht erneut geheiratet, sondern sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. «Lola Pater» zieht seine ganze Spannung aus einer einzigen Frage: Wie wird Lola ihren Sohn in ihr Geheimnis einweihen? Die Antwort, die der Film darauf findet, ist zwar nicht rückständig, aber allzu vorhersehbar.

Immerhin: Lolas Annäherungsversuche – zunächst zaghaft, dann zunehmend verzweifelt – spielt Fanny Ardant so, wie das wohl nur diese Grande Dame des französischen Kinos kann: mit würdevollem Charisma und mit einem Flackern in den Augen, das ein tumultartiges Innenleben spürbar macht. Im Gegensatz zu den Amerikanerinnen Laverne Cox («Orange is the New Black») und Jamie Clayton («Sense 8») mag Ardant keine echte transsexuelle Schauspielerin sein – mit ihrer mitreissenden Performance dürfte sie aber ebenso viel Empathie erwecken. Sie alleine ist das Eintrittsgeld für «Lola Pater» wert.

Lola Pater (F/B 2017) 95 Min. Regie: Nadir Moknèche. Ab Donnerstag im Kino. ★★★☆☆

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