Kommentar

Warum Sie Klassiker der Literatur lesen sollten – ein Plädoyer

Der richtige Griff: Der Kanon stiftet Ordnung, indem er nur die Werke von allerhöchstem «Rang» auflistet. Bild: Getty Images

Der richtige Griff: Der Kanon stiftet Ordnung, indem er nur die Werke von allerhöchstem «Rang» auflistet. Bild: Getty Images

Es geht nichts über Goethe, Schiller und Kleist. Ein Essay über die Lektüre der Literaturklassiker.

Warum man Klassiker lesen sollte? Wer diese Frage ernsthaft stellt, sollte dringend wieder einmal einen Klassiker lesen. Vermutlich hat er oder sie es schon zu lange nicht mehr getan. Shakespeares Dramen, Flauberts Romane, Rilkes Gedichte: Die Klassiker der Literatur sind doch ihre allergrössten Schätze und ihre Lektüre das höchste, intensivste der Gefühle! Und jeder kann sie besitzen, sie sind für ein paar Franken im eigenen Büchergestell oder gratis von der Leihbibliothek zu haben.

In der bildenden Kunst ist es viel schwieriger: Der Besitz eines Cézanne ist unerschwinglich, der Louvre nicht immer gleich um die Ecke, und fotografische Reproduktionen sind nur ein unbefriedigender Abklatsch. Beim Literaturklassiker kommt jedermann umsonst direkt ans Original. Man braucht es dann nur noch zu lesen, und schon entfalten die grössten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte ihre Pracht.

Der Kanon gibt die Antwort

Klassiker lesen macht Freude, allerdings nicht allen Lesern. Erzwungene Lektüre etwa macht weniger Freude als freiwillige. Das kann mancher mit Blick auf seine Schulzeit bestätigen. Und so heisst im pädagogischen Umfeld die Grundfrage: Was muss man denn genau alles lesen – oder, noch lieber, schon gelesen haben? Die Antwort gibt der Kanon.

Der Kanon ist eine Richtschnur, ein Kriterium, was ins Töpfchen und was ins Kröpfchen gehört. Für autoritative, Objektivität beanspruchende literarische Urteile war lange Zeit der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki zuständig. Anfang der Nullerjahre kündigte er einen grossen Kanon der deutschen Literatur an und gab die entsprechenden Werke in der Folge in einer mehrteiligen Anthologie heraus.

Reich-Ranicki wollte seinen Kanon jedoch nicht als Vorschrift, sondern als Handreichung verstanden wissen. «Ein Streit darüber, wie der Kanon aussehen sollte, kann sehr nützlich sein», sagte Reich-Ranicki. Der Frage gegenüber, ob es überhaupt einen Kanon brauche, zeigte er sich allerdings völlig verständnislos.

Eine Predigt zu den Bekehrten

Rüdiger Safranski hingegen, der Biograf von «Klassikern» wie Goethe, Schiller, E. T. A. Hoffmann und neustens Hölderlin, bringt gern auf den Punkt, warum es einen Klassikerkanon braucht. Im Band «Klassiker!» (siehe Kasten) lässt er sich von seinem ehemaligen Verleger Michael Krüger und dem Essayisten Martin Meyer nicht zweimal bitten, seine Argumente dafür auszubreiten.

Der Kanon sei eine «Versammlung von Werken, die sich durch die Geschichte, im Verdrängungswettbewerb der Kulturevolution, bewährt haben». Er stifte Ordnung, indem er nur die Werke von allerhöchstem «Rang» aufliste. Der Kanon zeichne Werke von unbestreitbarem Wert aus und helfe so, dem Ungenügen des eigenen Geschmacks oder des Massengeschmacks beizukommen. «Der Rang prämiert einen geistigen Gehalt, eine geistige Originalität, eine wirklich neue Art, sich in der Welt zu fühlen, in die Welt hineinzublicken, über das Problem des Lebens neu nachzudenken, er steht für sprachliches und stilistisches Gelingen ein.»

Im Gespräch mit seinen Literatenkollegen predigt Safranski freilich zu den Bekehrten. Doch insgesamt hat die Bereitschaft, sich an der Richtschnur vorgegebener Kanone zu orientieren, schon länger stetig abgenommen. Insbesondere die 68er-Bewegung griff den Klassikerkanon – nicht ganz zu Unrecht – als bürgerlich-autoritär an und seinen Inhalt ausserdem als schöngeistig und politisch unbrauchbar.

Auch 50 Jahre später sind die Auswirkungen dieser Bewegung auf die Gesellschaft und das Bildungswesen noch spürbar. Ein Klassikerbewusstsein existiert nur noch in einer Schwundstufe. Die Wertschätzung des Ästhetischen ist nur teilweise wiedergewonnen worden. Die Forderung nach einer moralisch-politisch dienstbaren Literatur steht seither permanent im Raum.

Kritische Diskussionen beleben

Zum schwindenden Stellenwert der Literatur in der Gesellschaft überhaupt tritt die Erwartung an die Literatur, einen möglichst handfesten Beitrag zur Lösung der Probleme der unmittelbaren Gegenwart und am liebsten auch gleich der Zukunft zu leisten. An den Büchern, die heutzutage auf den Shortlists für Buchpreise stehen, wird als Erstes hervorgehoben, wie gut sie sich in die aktuellen Diskurse einrücken lassen, ob es nun gerade den Klimawandel, die Flüchtlingskrise oder Vorstellungen von Männlichkeit betrifft. Darüber hinaus spielen ausserliterarische Aspekte eine immer grössere Rolle: Sind auf den Auswahllisten alle Sprachregionen, und sind auch beide, oder am liebsten noch mehr als zwei Geschlechter angemessen berücksichtigt?

Das sind alles wichtige Dinge, doch dieses Denken trägt ein Preisschild. Die Politisierung, Moralisierung und Demokratisierung der Literatur ist nicht umsonst zu haben. Die Kompromisse und Rücksichtnahmen gehen zulasten der reinen, literarischen Qualität und sprachlich-stilistischen Innovation. Ihr Preis ist der ästhetischen Wert, der längst nur noch leise Fürsprecher hat. Die gelegentliche Erinnerung an den Kanon der Klassiker könnte hier als Korrektiv wirken und die kritische Diskussion um die Literatur der Gegenwart ein wenig beleben und in die richtige Perspektive rücken.

Wer denkt, um die Klassiker könnten sich ja die Universitäten in ihren Elfenbeintürmen kümmern, der sei daran erinnert, dass man auch dort längst begonnen hat, dem Kanon zu Leibe zu rücken. Zurzeit ist es ein US-amerikanischer Trend – was bedeutet, dass er auch auf uns zukommen wird, wie dumm er auch sei: Die Studenten wehren sich dagegen, sich mit Literatur auseinandersetzen zu müssen, die ihre zarten Gemüter in Aufruhr versetzen könnte. Sie empfinden es als Übergriff, mit Antisemitismus im «Kaufmann von Venedig» konfrontiert zu werden, mit der Pädophilie in «Lolita», oder mit den Suizidgedanken in «Mrs. Dalloway».

Lesen heisst Wiederlesen

Vielleicht ist hier jetzt der letzte günstige Zeitpunkt, noch einmal eine Lanze für die Klassiker zu brechen, bevor der Zensur-Tsunami der Überempfindlichkeiten über dem Kanon zusammenklatscht. Es wäre noch Zeit für eine letzte Besinnung darauf, was denn einen Klassiker ausmacht und warum sich seine Lektüre lohnen könnte, oder auch seine Wiederlektüre – was recht besehen fast dasselbe ist.

Wie Italo Calvino bemerkte, sind Klassiker nämlich die Bücher, von denen man sagt, man lese sie gerade wieder einmal, und nie, man lese sie endlich einmal. Denn die Idee der Klassiker enthält die Vorstellung, dass man sie bereits alle kenne. Dies, obwohl klar ist, dass höchstens vereinzelte Sonderlinge wie Coleridge oder Borges sich flächendeckend durch die Literaturen von Antike, Mittelalter, Neuzeit und Gegenwart gelesen haben können. Der Kanon ist zu gross, um bewältigt zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass es, laut Calvino, gar keine Rolle spielt, ob wir die Klassiker wiederlesen oder erstmals lesen. Denn im Grunde können wir sie nur wiederlesen. Sie sind im kulturellen Gedächtnis sedimentiert, im kulturellen Unterbewusstsein, und es bleibt uns nichts weiter zu tun, als sie durch individuelle Lektüre bewusst zu machen. Bei der Lektüre von Homers «Odyssee» stolpern wir von einem vertrauten Motiv zum nächsten: Heimkehr, Versuchung, Abschied, Rache, Wiedererkennung, Versöhnung. Hier ist alles zum ersten Mal zum Kunstwerk geronnen.

Die Klassiker bleiben Klassiker, ob wir sie lesen oder nicht. Es gibt kein «geflügeltes Wort» ohne Homers Epen, keine Begegnung mit dem Geist des Vaters ohne «Hamlet», keine heisse «Lolita» ohne Nabokovs gleichnamiges Buch, keinen Bildungsroman ohne Goethes «Wilhelm Meister», und so fort. Klassiker zu lesen, ist literarische Anamnesis. Wer einen Klassiker liest, liest die Blaupause eines umfassenden, unhintergehbaren kulturellen Musters in exemplarischer ästhetischer Form. Das ist nutzlos, aber beglückend.

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