Wer Anna Schinz erblickt, denkt sich: Dieses Gesicht kenne ich doch. Kein Wunder: Die 30-jährige Schauspielerin, aufgewachsen in Bubikon im Kanton Zürich, hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einer Konstante im Schweizer Film entwickelt.

Praktisch überall war sie schon zu sehen: in mehreren «Tatort»-Folgen (2011–2015), im «Heidi»-Kinofilm (2014), im TV-Zweiteiler «Gotthard» (2016), in den Serien «Wilder» (2017) und «Der Bestatter» (2018).

Kleine bis mittelgrosse Rollen waren das jeweils gewesen – bis jetzt. Jetzt startet Schinz durch. Im SRF-Zweiteiler «Private Banking», ausgestrahlt Mitte Dezember, bestach sie in ihrer ersten grossen Rolle. Und erntet nun dafür an den Solothurner Filmtagen (25.1.–1.2.) den Schweizer Fernsehfilmpreis 2018.

«Das ist mein erster Filmpreis überhaupt», freut sich die Schauspielerin beim Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende». «Er bedeutet mir sehr viel und ist auch eine grosse Motivation.»

Hinter den Kulissen des SRF-Zweiteilers «Private Banking»:

Ein Reifeprozess war nötig

Auf Papier liest sich der Karriereverlauf von Anna Schinz wie eine Linie, die stets nach oben zeigte. Sie habe immer kontinuierlich arbeiten können («keine Selbstverständlichkeit in der Schweizer Filmbranche»), dafür sei sie dankbar.

Doch nicht alles ging sofort auf. Hauptrollen musste sie sich erarbeiten, das brauchte Zeit. «Es gibt Schauspieler, die katapultieren sich mit nur einem Auftritt in eine neue Liga, doch so war das bei mir nicht.»

Rückblickend betrachtet, findet Schinz, habe das schon seinen Sinn gehabt. «Ich glaube, man erhält immer jene Rollen, denen man auch gewachsen ist.»

Schinz spricht von einem nötigen Reifeprozess, von einem wachsenden Erfahrungsschatz und davon, wie sie vom gemeinsamen Spiel mit Grössen wie Bruno Ganz (in «Heidi») profitiert hat. So gesehen sei «Private Banking» zum richtigen Zeitpunkt gekommen.

Schinz spielt darin einen Compliance Officer, also jene Filmfigur mit dem undankbaren Job, den Angestellten einer Zürcher Privatbank auf die Finger zu schauen und auf ihre unsauberen Geschäfte anzusprechen. Es ist eine intensive Rolle zwischen Euphorie und Zusammenbruch, und Anna Schinz spielt das herausragend.

Dabei sei die Bankenszene eine völlig fremde Welt für sie gewesen, erinnert sich die Schauspielerin, die sich selbst als Computerbanause bezeichnet. Sie lacht: «Ich kann nicht mal das Zehnfingersystem! Darum sieht man mich in ‹Private Banking› nie tippen.»

Eine Rolle ist wie ein Panzer

Für «Private Banking» recherchierte sie weit über das Drehbuch hinaus, es war ihr wichtig, alle Fachbegriffe, die ihre Filmfigur spricht, selbst zu verstehen.

Das habe für sie nicht nur mit der Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung zu tun, «das brauche ich auch für meine psychologische Sicherheit.» Eine Rolle sei wie ein Panzer, hinter dem sie Unsicherheiten verstecken könne. Nicht Anna Schinz sei dann vor der Kamera exponiert, sondern die Filmfigur.

Soweit sie zurückdenken kann, wollte Anna Schinz immer schon Schauspielerin werden. Als Kind habe ihr ihr Vater Stummfilme von Charlie Chaplin gezeigt, die sie dann nachspielte und selber vertonte.

Als Jugendliche schrieb sie dann Briefe an Schweizer Filmemacher und Castingagenten, um sich für Rollen zu empfehlen. So ergatterte sie sich das Vorsprechen für ihr Filmdebüt «Undercover» (2005) von Sabine Boss, in dem sie die Filmtochter von Viktor Giacobbo spielte.

Ein grosser Eigenantrieb zeichnet Anna Schinz auch heute noch aus. Sie sagt, sie sei ein Workaholic, der sich immer sofort in neue Aufgaben stürze. Im letzten Frühjahr habe es Wochen gegeben, da sei sie an einem Tag für «Private Banking» vor der Kamera gestanden, am nächsten für «Wilder» und dazwischen noch auf der Theaterbühne.

Stress pur? «Im Gegenteil», winkt Schinz ab, «man kommt in einen Fluss hinein, ich geniesse das.» Wenn sie mal abschaltet, dann mit Alltagsroutinen. Schinz lebt in Zürich zusammen mit ihrem Lebenspartner Jan-Eric Mack, der im gleichen Metier tätig ist, als Filmregisseur und -autor.

Selbstverständlich sind Filme zuhause das Gesprächsthema Nummer eins. Den Kopf kriege man da zwar selten richtig frei, aber das spende auch viel Energie. Energie, die Schinz und Mack in gemeinsame Filmprojekte stecken – und zwar mit Erfolg.

Auf der Oscar-Shortlist

Zusammen haben sie den Kurzfilm «Facing Mekka» geschrieben, über einen Syrer, der seine verstorbene Ehefrau in einer Schweizer Gemeinde nach muslimischem Brauch bestatten möchte.

Ein tragikomischer, zutiefst humanistischer Film, der Schinz und Mack nicht nur zu diversen Festivalerfolgen katapultiert hat, sondern auch direkt auf die Shortlist für den Oscar.

«Das ist fantastisch», freut sich Schinz. «Unsere Augenringe von dieser über einjährigen, intensiven Zusammenarbeit wurden honoriert.»

Das Duo sitzt bereits am nächsten gemeinsamen Drehbuch – schlaflose Nächte lassen also nicht lange auf sich warten. «Das könnte uns auch ein Goldmännchen nicht nehmen.»

Der Trailer zum Kurzfilm «Facing Mekka»:

Nimmt «Facing Mekka» bei der Verkündung der Nominierungen am 23. Januar die letzte Hürde, dann reisen Anna Schinz und Jan-Eric Mack Anfang März zur Oscar-Verleihung nach Hollywood, als einzige Schweizer Delegation.

Die Vorfreude bei Schinz ist riesig: «Manchmal scheinen Träume ja doch wahr zu werden.»

2017 sei ein Wahnsinnsjahr gewesen, resümiert Anna Schinz. Die Weichen für den weiteren Karriereverlauf scheinen gestellt: Von den Filmtagen direkt weiter zum Oscar?

Solothurner Filmtage: «Private Banking» Sonntag, 28. Januar, 12 Uhr, Kino Canva Blue.