Skifilme fürs Heimkino: Einst waren sie Werbung, neuerdings bieten sie gute Geschichten

Video
Skifilme fürs Heimkino: Einst waren sie Werbung, neuerdings bieten sie gute Geschichten

Alamy

Heute bieten Skifilme mehr als Actionszenen. Beste Werbung für den Schneesport sind sie aber noch immer. Und dieses Jahr vielleicht sogar Ersatz für die Winterferien.

Daniel Fuchs
Merken
Drucken
Teilen

Feuer, Schnee, Sex: Das sind die Zutaten für den Film, der für ein Genre steht und Teil der boomenden Skikultur ab den 1970ern war. «Feuer und Eis» ist vielleicht der Inbegriff des Skifilms und war die logische Folge spektakulärer Verfolgungsjagden auf Ski in mehreren Bond-Filmen.

Dahinter steht ein Name und eine Skikleidermarke: Willy Bogner junior war Skirennfahrer, Erbe des Modegeschäfts seines Vaters und Kameramann. Für die in der Schweiz ab den späten 1960ern gedrehten 007-Filme «Im Geheimdienst ihrer Majestät» und «Der Spion, der mich liebte» realisierte Bogner mit Stuntmännern die Bond-typischen Verfolgungsjagden im Schnee. Mit «Feuer und Eis» 1986 und dessen Sequel «Feuer, Eis und Dynamit» 1990 brachte der Deutsche seine eigenen Filme ins Kino.

Einblicke in den Filmdreh bei Bond:

1977 in der Schweiz: Bond-Dreh im Bernina-Gebiet.

Video: SRF-Archiv

Ein halbes Jahrhundert nach den Bond-Szenen am Piz Gloria jagte ein anderer Kameramann eine Skirennfahrerin die Piste hinunter. Sehr nah, atemberaubend, aber in ganz anderer Optik. In «Slalom», einem französischen Film, der vergangenes Jahr an diversen Festivals Premiere hatte und dieses Jahr hoffentlich ins Kino kommt, bietet das Skifahren nur den Rahmen. Er handelt von sexuellen Übergriffen im Skinachwuchssport.

Skifahren im Film fristet ein Schattendasein

Wegen der Pandemie lassen viele Menschen dieses Jahr die Skiferien ausfallen. Warum also nicht das Skifahren ins Wohnzimmer heimholen? Wer die Filmdatenbanken nach dem Stichwort Skifahren filtert, stösst auf wenige weitere Perlen. Die Rede ist also nicht von jenen Actionsportfilmen, die an jeder Talstation in Endlosschlaufe gezeigt werden. Diesen aufwendig in HD gedrehten Werbefilmen, spektakuläre Bilder und Zeitlupenaufnahmen inklusive. Sondern von Autorenfilmen mit einer starken Geschichte. Neben «Slalom» sind vor allem «Turist» oder «Nord» nennens- und äusserst sehenswert (dafür aber noch etwas Geduld).

Hier geht's zum Trailer von «Slalom»:

Kommt hoffentlich bald im Kino: «Slalom».

Video: Youtube

Die Ursprünge des Skifilms liegen bei der Werbung. Sie wecken die Sehnsucht nach verschneiten Bergen, Pulverschnee und Geschwindigkeit. Wie bereits «Der weisse Rausch» aus dem Jahr 1931 mit Leni Riefenstahl in der Hauptrolle. Skifahren damals war vor allem eine Frage militärischer Disziplin denn von Spass und blieb bis in die 1970er eine ernsthafte Angelegenheit. Die facettenreiche Geschichte des Skisports behandelt aktuell der Dok «Ski-Saga» des Westschweizer Fernsehens. Sogar ein emanzipatorisches Moment der Frauenbewegung ortet der sehr sehenswerte Film im Skifahren. In den späten 60er-Jahren kam der alpine Skisport an einen Scheideweg.

Das geht einher mit der Entwicklung des Skifilms, so beschreibt es der Schweizer Historiker Niklaus Ingold in einem Artikel für das Online-Magazin «Geschichte der Gegenwart». Die 1960er sind die Geburtsstunde des Freestyle, einer neuen Richtung, die Skilehrer wie der spätere Walliser Hotelier Art Furrer einschlugen. Tief­entlasten, hoch­entlasten, umsteigen: Die Skifahr-Konventionen im Alpenraum waren Furrer und Co. zu strikt. Sie wanderten aus, entwickelten in den USA das Skifahren weiter und brachten es später in die Alpen zurück. Auf diesen Zug sprangen potente Sponsoren auf, etwa aus der Tabakindustrie. Neue Disziplinen wie das Buckelpistefahren oder Skiballett entstanden, begleitet von Filmproduktionen.

Verfolgungsjagden auf Ski, Dynamit an den Schneehängen und hautenge Dresses sind ein Erbe der 1980er. Interessanterweise hat sich eines gehalten: Tiefschneeabfahrten gehören ins Repertoire eines jeden Skifilms. Auch «Slalom», der eine hässliche Seite des Skisports zeigt, kommt nicht darum herum, ein paar Takes von Tiefschneeabfahrten zu zeigen. Ob sie der Geschichte dienen oder nicht, sei dahingestellt. Die Sehnsucht nach dem «weissen Rausch» wecken sie allemal.

Abschreckender wurden Skiferien noch nie dargestellt

Zu den versprochenen beiden weiteren Skifilm-Highlights: «Turist» von Ruben Östlund aus dem Jahr 2014 handelt von einer Familie, die Skiferien in einem Luxusresort in den Alpen verbringt. Als eine Lawine die auf der Terrasse eines Bergrestaurants sitzende Familie zu verschlingen droht, ergreift der Vater die Flucht. Nur sein Handy kann er noch eiligst packen. Die Mutter bleibt allein bei den beiden Kindern und legt sich schützend über sie. Das Bedrohliche entpuppt sich rasch als harmloser Rest der Lawine, in Form aufgewirbelten Schnees. Trotzdem beginnt ein Horrortrip, den die Familie durchmacht, weil der Vater nicht zu seiner Schwäche stehen kann. Sequenz um Sequenz werden Männlichkeitsideale seziert, brechen einfach in sich zusammen. Bis es schmerzt.

Hier geht's zu den Trailern von «Turist» und «Nord»:

Katastrophenfilm? Ja, und noch ein sehr guter dazu («Turist»).

Video: Youtube

Depressiver Ex-Skiathlet auf der Suche: Jomar in «Nord».

Eine nicht minder tragische Figur gibt Jomar ab, Hauptakteur in «Nord» von Rune Denstad Langlo aus dem Jahr 2009. Der depressive und trinkende Ex-Skiathlet macht sich mit Ski und Skidoo auf die Suche nach seinem Sohn und zu sich selbst. Dabei kommt es zu tragikomischen Begegnungen mit anderen verlorenen Seelen im düsteren und verschneiten Norden.

Die Beispiele zeigen: Der Skifilm hat sich von der Rolle emanzipiert, vor allem Werbeträger der Schneesportindustrie zu sein. Skifahren als Umfeld für eine gute Story bis hin zu einer bedrohlichen Kulisse. So wirkt die Bergwelt in «Turist» nicht etwa anmutend, sondern vor allem kalt. Das hinter­gründige Klacken der Skilifte verleiht der Handlung subtilen Horror. Trotzdem erliegt offensichtlich jeder Kamera­mann der Versuchung, ein paar Tiefschneeabfahrten im Film unterzubringen. Es gibt sie nämlich auch bei «Turist» und «Nord». So gesehen bleiben Ski­filme beste Werbung fürs Wintergeschäft. Und stehen ganz in der Tradition von «Bond», «Feuer und Eis» und «Der weisse Rausch».

Tipps:
- «Turist» auf Cinefile
- «Nord» bei iTunes
- «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» bei Google Films
- «Der weisse Rausch» bei Youtube
- «Ski-Saga» auf Play Suisse