Schweizer Film

«Usgrächnet Gähwilers»: Politiker mit Papierlosem im Keller

Der Tierarzt behandelt den Papierlosen im Keller der Gähwilers. ho

Der Tierarzt behandelt den Papierlosen im Keller der Gähwilers. ho

Die Komödie «Usgrächnet Gähwilers» von Martin Guggisberg spielt frech kulturelle Gegensätzegegeneinander aus, verzichtet dabei aber auf Schenkelklopfer und Schadenfreude

Während in einer Berner Vorstadtgemeinde Lokalwahlen anstehen, sieht sich ein gut situierter und latent fremdenfeindlicher FDP-Kandidat gezwungen, einen illegalen afrikanischen Migranten in seinem Haus zu verstecken, weil sich dieser bei schwarz eingekaufter Gartenarbeit mit einer Heckenschere am Bein verletzt hat. Fliegt die Sache auf, riskiert der Papierlose die Ausschaffung – und der Politiker die Schlappe am Wahltag.

Man muss den Plot der Schweizer Filmkomödie «Usgrächnet Gähwilers» nicht auf die feine Waagschale legen: Er ist offensichtlich ein konstruierter Vorwand, um möglichst gegensätzliche Figuren zu verknüpfen und die daraus resultierenden komischen Effekte auszuspielen. Was auf diese eher unsubtile Ausgangslage eigentlich folgen müsste, ist ein derber, politisch inkorrekter Schwank rund um Vorurteile und Stereotype.

Slapstick und schwarzer Humor

Wer sich mit dieser Erwartungshaltung ins Kino begibt, riskiert unter Umständen eine milde Enttäuschung: Das Drehbuch von «Usgrächnet Gähwilers» geht auffallend vorsichtig um mit Slapstick, Schenkelklopfern und Schadenfreude. Anfänglich wird zwar noch mit Klischees gespielt: Der FDP-Mann Gähwiler lacht an einem Apéro hämisch über baldiges Früh-Serbisch an den Schulen; und der Afrikaner Ngundu darf beim Gärtnern genüsslich die Nachbarstochter im Bikini beäugen.

Offizieller Filmtrailer zu «Usgrächnet Gähwilers»

Offizieller Filmtrailer zu «Usgrächnet Gähwilers»

Doch sobald der Unfall eingetreten ist, Ngundus Wunde von einem diskret hinzugezogenen Tierarzt genäht wurde und er «zu seiner eigenen Sicherheit» den unterirdischen Kraftraum der Villa beziehen muss, beginnt der karikaturale Modus des Drehbuchs zu bröckeln. Stattdessen wird eine komplexere, weniger berechenbare Form von Komik zutage gefördert: schwarzer Humor.

«Eigentlich wollten wir einen Film über die Angst vor dem Fremden drehen,» sagt der Regisseur und Autor Martin Guggisberg («Buumes», 2013) im Gespräch. «Aber wir fanden dann heraus, dass es stattdessen ein Film wird über die Angst vor der Nähe. Die eigentliche Bedrohung ist nicht die fremde Kultur im eigenen Haus: Es ist der Nachbar, der mit dem Feldstecher am Fenster steht.»

Brillante Schauspieler

Zu dieser etwas einfachen Verschiebung des Feindbilds gesellt sich in der zweiten Hälfte eine noch weit amüsantere Mechanik: Je verzweifelter Herr und Frau Gähwiler versuchen, das «Problem» Ngundu zu lösen, desto vergnügter kann sich Ngundu ausmalen, was wohl geschähe, würde er einem Anwalt von den dilettantischen Angriffen der Gähwilers auf seine Person erzählen. Doch wie bereits erwähnt: «Usgrächnet Gähwilers» lebt nicht von der Schadenfreude des Publikums, sondern von vielen unerwarteten visuellen Einfällen, von cleverem schwarzem Humor und von der turbulenten Gruppendynamik, die diese Zwangsgemeinschaft samt Interessenskonflikten mit sich bringt.

Dass diese Dynamik trotz dem ziemlich konsequenten Verzicht auf billige Pointen nie abflacht, ist nicht zuletzt den dreidimensional gezeichneten Figuren und ihren brillanten Schauspielern geschuldet: Sie alle wissen, dass ihre Figuren nur dann wirklich komisch sind, wenn man sich auch ein Stück weit mit ihnen identifizieren kann.

Dieser Sinn für zwischenmenschliche Schwächen, den die Darsteller Philippe Nauer, Ruth Schwegler und David Wurawa mit Liebe zum Detail in die Hilflosigkeit ihre Figuren eingearbeitet haben, verleiht dem Film über den Klamauk hinaus eine tragikomische Dimension: Es sind nicht die Leitplanken der einfach gestrickten Komödienhandlung, die in diesem Film für die Lacher sorgen, sondern vielmehr die Finesse, mit der auf dieser groben Klaviatur gespielt wird.

Usgrächnet Gähwilers(CH 2016) Regie: Martin Guggisberg. Am 24. 1., 20.45 Uhr an den Solothurner Filmtagen. Ab kommendem Donnerstag in den Schweizer Kinos.

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