Literatur

Unsere Buch- und Filmtipps für die Corona-Quarantäne

© Hansruedi Kugler

Wegen Corona drohen Isolation und Vereinzelung. Einige Kulturtipps für die vielen Stunden zu Hause.

Albert Camus’ «Die Pest» ist wohl der Corona-Roman schlechthin, auch wenn er bereits 1947 erschienen ist. Man bezog den Roman, der eine Pestepidemie in Nordafrika beschreibt, auf die ausweg- und hoffnungslose Angst in der Isolation während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis. Wie der spätere Nobelpreisträger Camus angesichts der scheinbar unbesiegbaren Pest und der vielen Leichen die aufkommende Resignation, Hysterie und Vereinzelung mit seiner Hauptfigur, dem Arzt Rieux, in Humanismus und Solidarität wendet, ist ein imposantes Plädoyer. Auch wenn sein Heroismus nie ungebrochen ist, sondern immer ein tapferes Aushalten des Absurden bedeutet.

Jetzt, da wir wegen der Corona-Krise auf «soziale Distanz» gehen sollen; jetzt, da wir aus dem sozialen Leben in die Vereinzelung abdriften könnten, ist dieser Roman ein tröstliches Beispiel für das genaue Gegenteil – auch wenn wir die Zukunft nicht kennen.

Gefangen in vier Wänden

Marlen Haushofer: Die Wand Roman Ullstein 288 Seiten.

Marlen Haushofer: Die Wand Roman Ullstein 288 Seiten.

Plötzlich ist diese Frau der letzte Mensch der Welt. Eine gläserne Wand hat sie auf einem begrenzten Fleck Erde umzäunt. Menschen in Corona-Quarantäne wird dieser Roman Trost spenden: Er ermutigt zur Rückbesinnung aufs Wesentliche. Und er sagt: Nicht ich da drin bin das Opfer, sondern die Menschheit da draussen, die es nicht mehr gibt. Machen Sie es wie diese Frau: Geniessen sie die Freiheit, allein im Krankenbett keinen zivilisatorischen Zwängen entsprechen zu müssen. Lernen Sie, sich selbst zu versorgen. Aber verwildern Sie nicht, denn anders als im Roman gibt es noch eine Welt, die auf Sie wartet.
Julia Stephan

Zeit für die Zeit

Stephen Hawking: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit Rowohlt 250 Seiten

Stephen Hawking: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit Rowohlt 250 Seiten

Wenn man schon mal Zeit hat, könnte man sich ja auch mal gründlich über das Wesen der Zeit informieren. Mit gründlich meine ich: Bis zum Ursprung zurück. Urknall, Raumzeit, Schwarze Löcher, Gravitation – all die Rätsel, für deren Begreifen einem als Nichtphysiker sonst die Zeit fehlt. Das mit Abstand beste Buch zu dem Thema hat Stephen Hawking geschrieben. 237 Wochen stand es auf der Bestsellerliste der «Sunday Times». In den Neuauflagen ist es mit wunderbaren Illustrationen versehen, die einem das Begreifen mindestens in groben Zügen leicht machen.
Hansruedi Kugler

Hinter der Mauer

Christa Wolf: Der geteilte Himmel. Roman dtv 240 Seiten

Christa Wolf: Der geteilte Himmel. Roman dtv 240 Seiten

Die Heldin des Romans von 1963 denkt in selbst gewählter Isolation: «Ich lebe nur für den Tag, da Du wieder bei mir bist.» Rita ist ihrem Geliebten Manfred, der aus der DDR abgehauen ist, nicht in die BRD gefolgt. «Der geteilte Himmel» ist einer der ersten Romane nach dem Mauerbau. Rita sieht die Fehler des Sozialismus, fühlt sich in der BRD fremd, kehrt in die DDR zurück, wo sie sich zugehörig fühlt. Christa Wolf wurde eine viel gelesene Feministin, verkörperte die Zerrissenheit im geteilten Deutschland, wehrte sich zeitlebens gegen jede politische Vereinnahmung.
Hansruedi Kugler

Unter lauter Kranken

Thomas Mann: Der Zauberberg Fischer 1002 Seiten

Thomas Mann: Der Zauberberg Fischer 1002 Seiten

Die Enge des Sanatoriums, die Allgegenwart der Lungenkrankheit, der geregelte Alltag mit Tuberkulose: Der Held in Thomas Manns «Zauberberg», Hans Castorp, besucht einen Kranken in Davos. Und bleibt als Kranker unerwartet sieben Jahre dort. Für Walter Jens, den berühmten Rhetorikprofessor und Autor, wäre es neben dem Alten Testament das Buch für die einsame Insel gewesen. Wie spannend ein geregeltes Leben in Krankheit sein kann, weil man genau beobachten lernt, vor allem auch sich selbst, ist nur eines der unzähligen Faszinosa dieses atmosphärisch einzigartig dichten Romans.
Martin Preisser

Viren weglachen

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken, Das Känguru-Manifest, Die Känguru-Offenbarung, Die Känguru-Apokryphen Hörbuch Hamburg (auch zum Downloaden)

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken, Das Känguru-Manifest, Die Känguru-Offenbarung, Die Känguru-Apokryphen Hörbuch Hamburg (auch zum Downloaden)

Im Kino läuft gerade der mittelprächtige Film. Knallender sind die Hörbücher: Autor Marc-Uwe Kling hat sie grossartig eingelesen (18 CDs, 22:07 Stunden). Für die Quarantäne perfekt: die Hände frei, um Notvorrat-Teigwaren zu kochen. Keine vorwurfsvollen Blicke, weil man im Tram Tränen lacht über die absurden Witze. Das kommunistische Känguru und sein Kleinkünstler mit Migränehintergrund, asoziales Netzwerk und Anti-Terror-Anschläge: wenn Viren weglachen, dann hiermit.
Julia Nehmiz

Ihr letzter Ausseneinsatz

«Homeland» 8 laufend auf Amazon, iTunes, Google Play

«Homeland» 8 laufend auf Amazon, iTunes, Google Play

Carrie Mathison, Titelheldin der TV-Serie «Homeland» und eigentlich Ex-CIA-Agentin, leidet an einer bipolaren Störung, was sie immer wieder von ihren Mitmenschen isoliert und an sich selbst zweifeln lässt. Ende von Staffel 7 wurde sie aus russischer Isolationshaft befreit – psychotisch, da sie ihre Medikamente nicht bekam. In der letzten Staffel wird sie nun für einen Auftrag in Afghanistan aus der psychiatrischen Klinik entlassen, einigermassen stabil, merkt aber, dass sie nicht Herrin über ihre Erinnerungen ist. Leute aus den eigenen Reihen verdächtigen sie, mit den Russen gemeinsame Sache zu machen.
Regina Grüter

Ostblock-Quarantäne

Weissensee Netflix oder DVD

Weissensee Netflix oder DVD

Quarantäne überstehen? Serien schauen. Nach einer Meniskus-OP tat ich genau das. So solidarisierte ich mich mit Menschen, deren Bewegungsfreiheit nicht riesig war. Ich schaute auf Netflix «Weissensee». Im Fokus die DDR und zwei Familien: systemtreu die eine, vom System unterdrückt die andere. Mit tollen Darstellern wie Jörg Hartmann und Uwe Kockisch als Vater-Sohn-Gespann im Ministerium für Staatssicherheit. Katrin Sass verführt als intellektueller Querkopf, und Hannah Herzsprung ist bezaubernd wie immer. 24 Folgen à 50 Minuten, macht zusammen 1200 Minuten. Vier Staffeln DDR, und dem Knie ging es besser.
Susanne Holz


Anwalt auf Abwegen

«Better Call Saul» Netflix

«Better Call Saul» Netflix

Jimmy ist ein erfolgloser Anwalt und steht im Schatten seines älteren Bruders Chuck, der Anwaltskoryphäe. Nun läuft auf Netflix die fünfte Staffel von «Better Call Saul». Die Serie folgt der Emanzipation Jimmys von Chuck, der sich wegen einer Phobie selbst isoliert. Jimmys Wandlung geht aber noch weiter – er wird zum Gangster-Anwalt Saul Goodman, bestens bekannt als Komplize des Crystal-Meth-Kochs Walter White in «Breaking Bad». «Better Call Saul» ist also «nur» das Prequel der Kultserie, eröffnet einem aber den Zugang in ein Serien-Universum, das Stoff für viele Tage zu Hause bietet.
Daniel Fuchs

Hochmut, aber genial

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie Hanser 558 Seiten

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie Hanser 558 Seiten

Sein einziger Freund: Ein Pudel. Andere Menschen ertrug er nicht an seinem Tisch im Wirtshaus beim Mittagsmahl. Arthur Schopenhauer hat die Abkapselung von der Gesellschaft aus Ekel vor der Natur des Menschen gewählt und für seine Konzentration auf seine Philosophie. Was ihn am Leben hielt? Die eigene Intelligenz! Rüdiger Safranskis Biografie stellt den genialen Sonderling so plastisch dar, dass man Schopenhauers sprachliche Übertreibungskunst und seine Soziophobie amüsiert und zutiefst nachsichtig bewundert.
Hansruedi Kugler

Jeder auf seine Insel

Daniel Defoe: Robinson Crusoe dtv 692 Seiten

Daniel Defoe: Robinson Crusoe dtv 692 Seiten

Robinson Crusoe war ein Sklavenschinder, was man in dieser Ausgabe nachlesen kann. Seinen Schiffbruch mag man aus heutiger Sicht als gerechte Strafe lesen. Trotz allem lehrt einen dieses Buch, wie man mit einfachem Handwerk Langeweile überwindet, Seelenfrieden gewinnt und nebenbei sein praktisches Leben verbessert – sei es auch nur im Bastelkeller. Also: Geländer streichen, ein Buch lesen, Kühlschrank putzen, Katze verwöhnen. Pseudophilosophisches Grübeln kann man sich schenken: Corona ist kein moralisches Urteil und kein Symbol für das Unheimliche. Es ist nur eine Grippe.
Hansruedi Kugler

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