Kultur

Tuchlaube Aarau: Ein Theater entführt in die Welt der Digital Natives.

Das Online-Profil, analog interpretiert. Die jugendlichen Darsteller im Stück «connectedbywhat».

Das Online-Profil, analog interpretiert. Die jugendlichen Darsteller im Stück «connectedbywhat».

Der Jugendspielclub Schein_werfer der Aarauer Tuchlaube gibt mit dem Stück «connectedbywhat» Einblicke in den digitalen Alltag junger Menschen. Der gar nicht so oberflächlich ist, wie das Klischee vorgibt.

Ein Leben ohne Internet? Was für viele früher Alltag war, ist für die Generationen Y und Z heute unvorstellbar. Zu den Digital Natives werden jene Jahrgänge gezählt, die in und mit dem Internet gross geworden sind. Dass dieses Aufwachsen auch Schattenseiten hat, zeigt das Stück «connectedbywhat» («wodurch verbunden») auf eindrückliche Weise. Humorvoll und feinfühlig nähert sich die Inszenierung den Herausforderungen und Erfahrungen von Kindern und jungen Erwachsenen mit dem Internet.

Entstanden ist das Stück unter der Leitung der Niederlenzer Regisseurin und Choreografin Anja Lina Egli (1987). In einem einjährigen Prozess hat sie mit zwölf Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren das Stück entwickelt. «Connectedby­what» lebt von zeitgenössischen Tanzeinlagen, perfekt abgestimmten Musikstücken und starken Monologen, die mal anklagend, mal verzweifelt, aber immer unglaublich stark und authentisch klingen.

Ein Stück, das jeden abholt

Die Stunde in der Tuchlaube Aarau vergeht viel zu schnell. Man wird unterhalten, gefordert, berührt, ertappt. Ob man als Lehrerin, Elternteil oder Freundin der Darsteller zuschaut: Das Stück holt jeden ab und beleuchtet Aspekte des digitalen Zeitalters. Damit ist es mehr als eine Hommage an die übertriebene Selbstinszenierung, die man Nutzern von ­Social-Media-Plattformen häufig vorwirft. Denn nicht nur persönliche Probleme der Jugendlichen werden thematisiert («Was?! Niemand kommentiert dein Leben?»). Auch die politische Dimension der Internetnutzung wird aufgegriffen ­(«Jeder Klick, jedes Bild wird gespeichert, ausgewertet und verkauft»). Dies macht das Stück nicht nur für Gleichaltrige, sondern auch für Erwachsene interessant. Die Selbstironie der Jugendlichen lässt einen schmunzelnd, ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion berührt zurück.

Handys werden erst im letzten Drittel des Stücks gezückt – und dann auch nur für eine Szene. Überhaupt lebt «connectedby­what» von einem minimalistischen Bühnenbild und wenigen Special Effects. Die spärlich eingesetzten Requisiten kommen umso stärker zur Geltung. So werden weisse Bilderrahmen als Metapher für die Online-Präsenz im Internet verwendet und von den Jugendlichen vor das Gesicht gehalten, wenn sie ihre Online-Stimme erheben.

Blöd nur, wer keinen Rahmen hat. Damit thematisiert das Stück die Abwertung oder Irritation, die einem begegnet, wenn man kein Profil in den sozialen Medien besitzt. Dies bringen die Jugendlichen kritisch mit Kernaussagen auf den Punkt wie: «Was? Du hast kein Profil? Existierst du überhaupt?» Begriffe und Mechanismen wie «Follower» verkörpern die Jugendlichen durch Bewegungen und Tanzeinlagen. Wie Marionetten bewegen sich elf Jugendliche um ein Mädchen, das in der Mitte die Fäden spinnt und Kontrolle ausübt, ihre Follower um den Finger wickelt, Macht und Momentum gewinnt – die Fleischwerdung eines Social- Media-Kontos.

Kurzweilig und gesellschaftskritisch

Trotz allem sind es Werte, die man nicht nur im Internet finden kann, wonach sich die Jugendlichen sehnen. So fragen sie am Schluss rhetorisch: «Wie überleben wir in einer analogen Welt, wenn wir verlernen, zu begreifen, wie wir sind?» Durch den konstanten Wechsel von Mikro- und Makrokosmos ist das Stück kurzweilig, unterhaltsam, gesellschaftskritisch und vor allem zutiefst menschlich.

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