Literatur
Tom Kummers Roman «Nina & Tom»: An der Realität so nah wie noch nie

«Borderline-Journalist» Tom Kummer hat als Romancier seinen Sound gefunden und ist in seiner Welt angekommen. Mit seinem neuen Roman «Nina & Tom» kommt der 56-jährige Berner der Wahrheit vielleicht näher als je zuvor.

Babina Cathomen
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Tom Kummer: «Es ist eine sehr persönliche, wahre Geschichte.»

Tom Kummer: «Es ist eine sehr persönliche, wahre Geschichte.»

HO

Die Wirklichkeit ist ihm nicht gut genug. Der «Borderline-Journalist», wie Tom Kummer sich bezeichnet, hat sich bei seinen Interviews mit Hollywoodstars stets an der Fiktion orientiert. Die Realität war ihm schlicht zu langweilig. Nun legt der 56-jährige Berner, der 2016 aus Los Angeles zurückgekehrt ist, einen Roman vor – und kommt damit vielleicht der Wahrheit näher als je zuvor.

«Nina & Tom» ist eine Lovestory, radikal und zart zugleich. Und es ist eine Geschichte über das Sterben seiner krebskranken Frau Nina, die Maskeraden liebte und dem Tod im Sixties-Minirock entgegentrat. Die beiden waren Verbündete und Konkurrenten, Liebende und Hassende, sie zelebrierten die Liebe als Kampf – und lebten in Symbiose. Zwei ambivalente Charaktere, schwankend zwischen Verzweiflung und Euphorie, Meister in der Kunst der Selbstdarstellung, Narzissten mit sensiblem Gemüt.

«Das Rätseln darüber, wer dieser Mensch ist, mit dem ich zusammen bin, hat zu einer Elektrizität geführt, welche die Beziehung über 30 Jahre getragen hat», sagt Tom Kummer im Gespräch und ergänzt: «Das Schöne am Schreibprozess war, dass ich mit meiner Frau noch einmal intensiv zusammen sein konnte.»

In seinem Buch, das den beiden gemeinsamen Söhnen gewidmet ist, verknüpft er zwei Zeitebenen: Die Gegenwart, in der seine Frau in ihrem «Widerstandsnest» in Los Angeles im Sterben liegt, und die wilde Vergangenheit. Ihr erstes Zusammentreffen findet 1984 in einem Club in Barcelona statt, in dem Nina im exotischen Outfit an der Bar Drinks ausschenkt: «Ich wünsche mir, dass dieses Wesen, das wie ein Junge aussieht, ein Mädchen ist. Es ist das Sonderbarste, was mir je begegnet ist.»

Wie eine zweite Hochzeit: Tom Kummer erlebte beim Schreiben des Buchs über seine verstorbene Nina nochmals intensive und echte Gefühle.

Wie eine zweite Hochzeit: Tom Kummer erlebte beim Schreiben des Buchs über seine verstorbene Nina nochmals intensive und echte Gefühle.

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Der 20-jährige Tom fängt Feuer: So wie er vorher für seine «Kunstaktionen» gebrannt hat, in denen er als kahl geschorener Punk Teile der Berliner Mauer in Flammen setzte, brennt er nun für dieses androgyne Wesen, das ihn zuerst kalt abblitzen lässt. Später kommt es zum hemmungslosen, brutalen Sex. Romantik, das ist etwas für die anderen.

Die Vergangenheit als Fake-Journalist

Tom Kummer zeigt auch in diesem Buch sein stilistisches Talent. Aus den intensiven Bildern entwickelt der Roman seinen Sog: Etwa die Szene, als Nina und Tom auf Reportage-Tour «Tornados jagen». Buchstäblich im Auge des Orkans zeugen sie ein Kind.

Wahr oder nicht, diese Frage ist in der Belletristik überflüssig. Und Erinnerungen lassen sich zurechtbiegen, wie es einem gefällt. «... als sei ich ein Situationist, der immer an der Wirklichkeit drehen muss – bis sie in das Bild passt, das ich mir von unserem Leben gemacht habe», schreibt er an einer Stelle. «Im Roman findet eine Verdichtung von Erlebtem statt», sagt er. Das Best-of sozusagen.

Im Buch geht Kummer auch auf seine Vergangenheit als Fake-Journalist ein: «Ich habe mein Leben lang gesampelt.» Da liegt die Frage nahe, wie viel «Collagenkunst» dieser Roman enthält. «Wir leben in einer komplizierten Realität und können uns von Einflüssen anderer nicht freimachen», weicht er aus.

«Dieses Buch hat andere Qualitäten, als dass man sich lange damit aufhalten müsste, ob es Plagiate gibt.» Also enthält das Buch fremde Zitate? Dazu schweigt Tom Kummer. «Wichtig ist, eine eigene Sprache, einen eigenen Stil zu finden», fügt er an, leicht verärgert. «Es ist eine sehr persönliche, wahre Geschichte.»

Todkrank in Highheels

Den eigenen Sound hat er zweifellos gefunden. Zwischen den Beschreibungen der wilden Zeit in den 80ern und 90ern, in Barcelona, Berlin und Los Angeles, zwischen Sex und Drogen, Punk und Voyeurismus scheinen auch die leisen Töne durch. In den intensiven Sterbe-Szenen etwa wird die Verbundenheit zu seiner Frau spürbar – radikal und frei von Pathos.

So unberechenbar und gegen alle gesellschaftlichen Regeln wie das Paar gelebt hat, gestaltet es auch den Sterbe-Prozess: Tom pflegt Nina liebevoll, und gleichzeitig lässt er sie todkrank in Reizunterwäsche und Highheels durch die Wohnung stöckeln, bis sie umfällt: «Das ist zwar mit Risiken verbunden. Aber es gibt ihr auch die Möglichkeit, frei und glamourös zu bleiben. Frei.»

Diese Szenen leben von ihrer Ambivalenz und decken gerade darin die widersprüchlichen Gefühle auf, die jemand empfinden muss, der seine Liebste in den Tod begleitet.

Mit dem Roman ist Kummer dort angekommen, wo er hinwollte. «Ich fühle mich eher in einer literarischen Form zu Hause als im objektiven, investigativen Journalismus», bestätigt der Autor, der auch als Tenniscoach in Bern arbeitet. Los Angeles habe er nach Ninas Tod nicht mehr geniessen können, und im Innersten sei er sowieso ein «Bärner Giel», gibt er sich bodenständig.

Ganz vom Bad-Boy-Image mag er sich aber nicht lösen: «Ich bin ein Grenzgänger, der subversiv operieren will. Die Welt zu irritieren, ist für mich auch eine Antriebskraft in der Kunst.» Die flirrende Atmosphäre von Los Angeles, in der sich jeder ständig neu erfinden kann, fehlt in Bern zwar. Aber vielleicht hat Tom Kummer diese Welt nun im Schreiben von Romanen gefunden.

Tom Kummer: Nina & Tom, 253 Seiten, Blumenbar 2017. Buchvernissage: Montag, 3. April, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich. Lesung: Mittwoch, 5. April, 20 Uhr, Stauffacher Bern.

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