Kultur

Thomas Manns Ekel vor den Nazis: «Kann man tiefer sinken?»

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Das Zürcher Literaturmuseum Strauhof zeigt, wie Thomas Mann in den USA zur wichtigen Stimme gegen Nazideutschland wurde. Mit Radioansprachen ans Deutsche Volk, mit Vorträgen in den USA und mit der Aufforderung zum Kriegseintritt gegen Hitlerdeutschland.

Seine Stimme im Kopfhörer ist ein Ereignis und Grund genug, diese Ausstellung zu besuchen. Thomas Mann im Radio, 1941 von den USA aus zum deutschen Volk sprechend: «Was mit den Polen, Russen und Juden geschieht, wisst ihr, wollt es aber nicht wissen – aus dem berechtigten Grauen vor dem Unaussprechlichen, dem riesenhaft anwachsenden Hass, der eines Tages, wenn Eure Volkes- und Maschinenkraft erlahmt, über Euren Köpfen zusammenschlagen muss.»

Thomas Mann im Radiostudio in New York. (Foto: Eric Schaal | © Weidle Verlag)

Thomas Mann im Radiostudio in New York. (Foto: Eric Schaal | © Weidle Verlag)

Er informiert über die Vergasung schwerverwundeter Soldaten und Geisteskranker. Und angeekelt spricht er von den Begattungstagen, an denen junge Frauen und beurlaubte Soldaten «zu stundenweiser Zeugung von Staatsbastarden künftiger Kriege» zusammengeführt werden. «Kann man tiefer sinken?», fragt er rhetorisch. Und wendet sich an die im Herzen «guten Deutschen», denen es vor der «Sklavenhalter-Rolle graut», die man ihnen aufgezwungen habe. Er fordert die USA zum Kriegseintritt auf und wird später den Bombenkrieg gegen deutsche Städte gutheissen, den er hier schon 1941 ahnend prophezeit. Thomas Manns Reden sind auf CD erhältlich, einige kann man im Herzstück der Ausstellung im Strauhof hören.

Katia, Erika und Thomas Mann an Bord der «Ile de France», New York, April 1937. (Foto: Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich)

Katia, Erika und Thomas Mann an Bord der «Ile de France», New York, April 1937. (Foto: Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich)

In den 1930 Jahren wird er in den USA als Repräsentant des anderen Deutschland gefeiert

Eine riesige rote Wandkarte der USA begrüsst einen in dieser abwechslungsreichen Ausstellung, die mit vielen Originaldokumenten aus dem Thomas-Mann-Archiv der ETH bestückt ist. Fotos, Briefe, Tagebücher und Zeitungsartikel führen durch acht Räume in die Jahre 1938 bis 1952, die Thomas Mann im amerikanischen Exil verbracht hat. Die USA erweisen sich jedoch als tückische Zuflucht. Der berühmte Literaturnobelpreisträger wird dort in den 1930er-Jahren als Repräsentant eines anderen Deutschlands gefeiert, erhält von fünf Universitäten einen Ehrendoktortitel und wird nach seiner Ankunft vom US-Präsidenten empfangen.

Ankündigung zu Thomas Manns Auftritt im Rahmen der ersten Vortragstournee, 10.3.1938.

Ankündigung zu Thomas Manns Auftritt im Rahmen der ersten Vortragstournee, 10.3.1938.

Fortan reist er höchst erfolgreich mit Reden gegen die Nazis durchs Land und wendet sich per Radio ans deutsche Volk. Er baut sich in Kalifornien eine moderne Villa für seine Grossfamilie und unterstützt viele arme Exilautoren. Zudem beantragt er die US-Staatsbürgerschaft und fühlt sich als Amerikaner. Seine Söhne Golo und Klaus kämpfen als US-Soldaten gegen die Nazis.

Haus der Familie Mann in Pacific Palisades, 1550 San Remo Drive. (Foto: Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich)

Haus der Familie Mann in Pacific Palisades, 1550 San Remo Drive. (Foto: Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich)

Tückische Zuflucht: Erst gefeiert, später unter Kommunismusverdacht

Das tönt nach einer makellosen Erfolgsstory. Und verglichen mit den allermeisten Emigranten ist seine Lage privilegiert: finanziell abgesichert, im Exilland hoch willkommen. Anderen Schriftstellern geht es im erzwungenen Exil derweil miserabel: Ohne Publikationsmöglichkeit finanziell ruiniert, über die persönliche Lage verzweifelt. Stefan Zweigs Selbstmord 1942 in Brasilien etwa zeugt von dieser bitteren Hoffnungslosigkeit. Man muss dieses Wissen mit in die Ausstellung bringen, im Strauhof konzentriert man sich auf Thomas Mann.

Die Tücke seiner Zuflucht: 1952 wendet er sich enttäuscht von den USA ab, kehrt nach Europa zurück, in die Schweiz, wo er 1955 stirbt. Das FBI hatte ihn die ganzen Jahre beschattet, und in der McCarthy-Ära muss er vor dem «Ausschuss für unamerikanische Umtriebe» Rechenschaft ablegen, taucht im «Life»-Magazin in einer Bildergalerie angeblicher Kommunistenfreunde auf: steckbriefartig und denunziatorisch. «Angewidert und niedergeschlagen» sei er, schreibt Thomas Mann in sein Tagebuch. Die USA seien auf dem Weg zum Polizeistaat.

Die Nazis duldeten Thomas Mann länger als andere Autoren

Man könnte Thomas Manns intellektuelle Biografie in schärferen Kontrasten zeichnen. Schliesslich hatte er den Ersten Weltkrieg begrüsst und zog sich lange auf die Rolle des Unpolitischen zurück. Die Nazis verbrannten seine Bücher 1933 noch nicht. Anders als jüdische, kommunistische oder pazifistische Autoren wie Lion Feuchtwanger, Bert Brecht oder Heinrich Mann wurde er von den Nazis lange geduldet. Die Ausstellung im Strauhof zeigt trotzdem eindrücklich, wie Thomas Mann zu einem der wichtigsten und angesehensten Stimmen der Nazigegner wurde.

Autor

Hansruedi Kugler

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