Kino

Star-Regisseur Steven Spielberg: «Jeder Film ist ein Waisenkind»

Steven Spielberg: Der Grandseigneur des modernen Unterhaltungskinos mag es leger.

Steven Spielberg: Der Grandseigneur des modernen Unterhaltungskinos mag es leger.

US-Regisseur Steven Spielberg nutzte für den Film «The BFG» modernste Technik –vermisst aber das Handwerk der alten Tage

Er ist einer der grössten lebenden Filmregisseure. Steven Spielberg hat Blockbuster wie «Der weisse Hai», «E.T.», und «Indiana Jones» gedreht, und auch historische Dramen wie «Schindler’s List» wurden zu Meilensteinen. Wenn der 69-jährige US-Amerikaner die «Sean Connery»-Suite des Carlton-Hotels in Cannes betritt, um einer Journalistenrunde Auskunft zur Kinderbuchverfilmung «BFG» zu geben, ist man auf alles gefasst. Aber nicht unbedingt auf einen leger gekleideten Mann, der sich ächzend setzt, die Arme verschränkt und mit jugendlichem Elan loslegt.

Mister Spielberg, Ihre Filme haben Millionen von Zuschauern erreicht. Wie fühlt sich das in Ihrem Alltag an?

Steven Spielberg: Wunderbar. Ich bin ja kein Einsiedler, ich treffe gerne Menschen und höre zu, was man über mich sagt. Das macht mich dankbar. Ausser wenn eine 40-jährige Frau sagt: Ich bin mit all ihren Filmen aufgewachsen. Dann fühle ich mich plötzlich alt.

Für «BFG» haben Sie herkömmliches Kino mit der sogenannten Performance-Capture-Technik kombiniert. Warum?

Der Dreh sollte nicht zu abstrakt sein für Kinderdarstellerin Ruby Barnhill. Sie sollte in echter Umgebung spielen können. Deshalb haben wir Filmsets gebaut. Für Mark Rylance genügte ein weisser Boden und ein Performance-Capture-Anzug, der seine Bewegungen digital erfasste. Die räumliche Leere kam ihm als Theaterschauspieler sogar entgegen.

Vermissen Sie als Filmemacher manchmal jene Tage, als es noch keine Spezialeffekte gab?

Durchaus. Für «Close Encounters of the Third Kind» (1977) mussten wir damals gigantische Wolken erzeugen. Das machten wir mit einem Wassertank, den wir abwechselnd mit eiskaltem und siedendem Wasser füllten und dann weisse Farbe zumischten. Das war Handwerk – Kunst und Handwerk.

Und heute?

Heute lässt die digitale Ära alle unsere Hoffnungen als Filmemacher wahr werden. Die Arbeit müssen wir nicht mehr machen. Wir müssen nur noch die Träume haben und diese Träume unseren Designern erklären. Dann haben wir das Gefühl, wir seien wieder in unserer Kindheit angelangt.

Spielberg spricht schnell und schneller. Die Worte scheinen sich in seinem Mund zu überholen. In Cannes hält sich das Gerücht, der Regisseur arbeite so viel, dass er nicht mehr zum Schlafen komme.

Wovon träumen Sie nachts?

Das wollen Sie nicht wissen.

Okay, aber wie haben Sie die Traumwelt von «BFG» konzipiert?

Wir liessen uns von Roald Dahls Buchvorlage inspirieren, insbesondere, was die Ohren und Beine des Riesen betrifft. Für das perfekte Design brauchten wir ein ganzes Jahr. Als wir dann drehten, war es wichtig, dass meine Hauptfiguren immer Augenkontakt hatten. Die kleine Ruby hatte noch keine Dreherfahrung. Deshalb war Mark Rylance immer bei ihr. Wenn der Riese rennen sollte, nahmen wir ein iPad mit dem Gesicht von Mark Rylance und zogen das Gerät an einem Seil durch den Raum.

Apropos Mark Rylance: Er gewann im Februar 2016 den Oscar für seinen Auftritt in Ihrem Film «Bridge of Spies». Warum haben Sie ihn erneut verpflichtet?

Als ich «Bridge of Spies» drehte, kam Mark Rylance am zehnten Drehtag ans Set. Wir drehten die Einstiegsszene. Als die Kamera lief, tat er scheinbar nichts. Nachdem die Szene im Kasten war, nahm mich Hauptdarsteller Tom Hanks beiseite, verdrehte die Augen und sagte: «Ooohhh myyyy goood!!! Was hat der gerade gemacht? Ich werde verrückt!»

Spielberg kommt jetzt in Fahrt. Die Journalistenrunde ist entzückt und bestürmt den Maestro mit Fragen. Da kommt die väterliche Seite des Regisseurs zum Ausdruck – er beginnt, das Gespräch zu moderieren. Ein Steven Spielberg ist für alle da.

Roald Dahls Geschichte, die Ihrem Film zugrunde liegt, ist sehr düster. Was hat Sie daran gereizt?

Ein gutes Märchen braucht starke Kontraste. Das habe ich von Walt Disney gelernt. Er verstand es wie kein Zweiter, mich als Kind in eine Welt aus Angst zu stürzen – und anschliessend heldenhaft daraus zu retten. In diesen Momenten spürt man eine unglaubliche Kraft. Ich war sechs Jahre alt und fühlte mich erstmals wie ein Erwachsener, da ich meine Ängste besiegen konnte.

Viele Ihrer Filme scheinen direkt Ihrer Kindheit entsprungen.

Ja, sogar jene Filme, von denen man es nicht vermuten würde, «Lincoln» zum Beispiel. Ich war noch ganz klein, als ich erstmals vor Abraham Lincolns Gedenkstatue stand. Ich fürchtete mich vor diesen riesigen Händen, und ich traute mich nicht, in seine Augen zu schauen. Ich war traumatisiert. Das trieb mich Jahrzehnte später dazu, diesen Film über Lincoln zu drehen.

Das Interview neigt sich dem Ende zu – und Spielberg schliesst mit einem «BFG»-passenden Bonmot: «Jeder Film ist ein Waisenkind, das hofft, von einem Publikum adoptiert zu werden».

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