Sprachliche Moden und Marotten
Die Botschaft an der Kasse

Unser Kolumnist Pedro Lenz liess sich von einer Werbung an der Tankstellenkasse verführen. Gekauft hat er am Ende trotzdem nichts.

Pedro Lenz
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Auch beim Warten in der Schlange im Tankstellenshop gibt es keine Leerstellen mehr im Tagesablauf. Dafür sorgt die Werbung.

Auch beim Warten in der Schlange im Tankstellenshop gibt es keine Leerstellen mehr im Tagesablauf. Dafür sorgt die Werbung.

Bild: Keystone

Zu den sprachlichen Marotten der Gegenwart gehört es, den Menschen auch dort mit Sprachbotschaften zu erreichen, wo er es nicht erwartet.

Diese verhältnismässig neue Art der Informationsverbreitung hat es auf die kleinen Lücken des Alltags abgesehen. So sind an vielen Tankstellen Nachrichtenbildschirme montiert. Dank ihnen müssen wir die kurze Zeitspanne, während der das Benzin in den Tank läuft, nicht mehr leer vorbeistreichen lassen. An manchen Pissoirs sind aufleuchtende, wechselnde Werbeschriftzüge zu lesen. Auch dadurch lässt sich eine kleine Leerstelle im Tagesablauf mit Inhalt füllen.

Noch neuer als die Tankstellen- oder Pissoirbotschaften kam mir neulich eine Mitteilung an der zur Kundschaft gerichteten Seite einer Registrierkasse vor. Ich hatte an einem Autobahnrestaurant angehalten, um mir einen Kaffee zum Mitnehmen zu holen. Und während ich auf die Bedienung wartete, las ich auf einem Leuchtdisplay der Kasse folgende Mitteilung: «Stojo ist mehr als ein Cup ”it’s a way of live“». Darunter abgebildet war ein Becher aus Kunststoff und dazu die Information, wer einen solchen Becher zum Preis von 14 Franken erwerbe, bekomme dazu gratis einen Kaffee zum Mitnehmen.

Da mir der abgebildete Becher gut gefiel und ich ausserdem in der Laune war, mich von der Werbung verführen zu lassen, sagte ich zur Kellnerin: «Ich hätte gerne einen Stojo Cup mit einem Kaffee zum Mitnehmen.»

Die Kellnerin sah mich an, als hätte ich etwas Unsittliches gesagt. Also versuchte ich es noch einmal: «Sie bieten doch Kaffee an. Und hier steht das Angebot: «Stojo ist mehr als ein Cup ”it’s a way of live“. Nun möchte ich bitte so einen Way of Live mit einem Kaffe Crème für insgesamt 14 Franken. Das ist genau das, was auf dem Bildschirm hier angepriesen wird.»

Wieder musterte mich die Kellnerin mit einer Mischung aus Besorgnis und Ärger. Dann rief sie eine Kollegin. Auch ihre Kollegin fragte mich, was ich wünschte. Geduldig und höflich erklärte ich ihr, auf dem kleinen, der Kundschaft zugewandten Bildschirm ihrer Kasse, leuchte eine Werbung für einen Mehrwegbecher. Da stehe geschrieben, man könne den Becher hier erwerben und erhalte den Inhalt dann gratis dazu.

Die beiden Kellnerinnen kam hinter der Theke hervor, um zu lesen, was ich gelesen hatte. Sie beteuerten, von diesem Angebot nichts zu wissen und noch nie davon gehört zu haben. Das sei nicht so schlimm, sagte ich. «Wenn es den Mehrwegbecher nicht gibt, nehme ich einfach einen normalen Kaffee zum Mitnehmen.»

Mein erster Gedanke war, dass ich letztlich genau das gekauft hatte, wofür ich das Lokal betreten hatte. Es gab also keinen Grund, irgendetwas zu bereuen. Als ich etwas länger darüber nachdachte, begann ich zu vermuten, dass die erwähnte Botschaft nur den Zweck hatte, den ansonsten grauen Alltag ein wenig bunt zu machen.

Wie hätten diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass ihr Angebot den Kunden erreicht, ahnen können, dass tatsächlich einer Ihre Botschaft nicht bloss anschaut und liest, sondern auch noch ernst nimmt?