Zum Gedenken
Spionagethriller: Starautor John Le Carré (†89) startete seine Weltkarriere als Student im beschaulichen Bern

Am Samstag ist der Romancier John Le Carré gestorben. Bürgerlich hiess er David Cornwell. Für ein Werk wie seines braucht es einen «Nom de plume». Seine Welt war die der Geheimdienste. Er hatte sie im Lauf seines Lebens selber kennen gelernt. Sie waren für ihn aber auch eine Kulisse, in denen sich grundsätzliche Probleme, soziale und moralische, darstellen liessen.

christoph bopp
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John Le Carré (1931-2020).

John Le Carré (1931-2020).

Greg Funnell/Keystone

Wichtige Impulse empfing er in Bern. Sein Vater war ein Hochstapler und Betrüger, die Mutter verliess die Familie, als er fünf Jahre alt war. Er und sein Bruder landeten im Internat. Mit dem Englischen, Sprache und Kultur, konnte er begreiflicherweise wenig anfangen und entwickelte eine Schwäche für das Deutsche. Nach dem Krieg war Deutschland kein Ziel, deshalb flüchtete er 1947 nach Bern und studierte dort Germanistik. Dort kam er auch mit der Welt der Geheimnisse und Spionage in Berührung. Über den Nachrichtendienst der britischen Armee landete er 1952 beim MI5, später beim MI6. Er sprach ausgezeichnet Deutsch, deshalb wurde er auch in Bonn stationiert. Dort entstanden dann die ersten Romane. Deutschland – und Bern – seien für ihn eine Art «zweiter Identität» geworden, sagte er mehrmals in Interviews. Viele seiner Bücher spielen in Deutschland, in einem – «Ein blendener Spion» – spielen wichtige Szenen auch in Bern.

John Le Carré schrieb mit Vorliebe über die Welt der Geheimdienste: Spione und Verräter, Schreibtischtäter und Feldagenten – und vorzugsweise zu Zeiten des Kalten Krieges. Männiglich war gespannt, wie und ob er mit dem Fall der Mauer 1989 zurechtkommen würde. Er kam bestens zurecht. Denn die Welt ist voller Niedertracht und bleibt es, auch wenn die Regierungen wechseln. Geld und Macht statt Gut und Böse oder Freiheit oder Kommunismus, egal.

John Le Carrés erste Versuche waren eher Kriminalromane, allerdings bereits mit seinem dauernd zwischen Held und Anti-Held changierenden George Smiley. Bald aber wechselte er die Kulisse. Mit «Der Spion, der aus der Kälte kam» (verfilmt von Martin Ritt mit Richard Burton als Alec Leamas) wurde er bekannt. Und mit «Dame, König, As, Spion» berühmt.

Bezeichnend, dass auch hier die erste Verfilmung (John Irvin 1979 mit Alec Guiness als Smiley) mehr überzeugt als die späteren. Ja, bezeichnend. Nur: Für wen?

Alec Guiness als George Smiley in der BBC-Serie von 1979.

Alec Guiness als George Smiley in der BBC-Serie von 1979.

CH Media

Es liegt an der Patina. Das ist dieser komische Farbton, den in der Einbildung schon lang vergangene Ereignisse annehmen, – grosse Zeiten oder solche, die sich dafür ausgaben, – wie wenn sie sich weigern würden, vergessen zu gehen. Und das hat jetzt mit der Biographie des jungen David Cornwell, aber auch mit der Vergangenheit des British Empire zu tun.

Geboren 1931 als Sohn eines notorischen Schwindlers und Betrügers war David Cornwell als 17-Jähriger nach Bern geflüchtet und hatte sich dort als Student der Germanistik immatrikuliert. Wie und dass er das geschafft hat, könnte natürlich auch mit Vererbung zu tun haben. Auch seine Hauptfigur Goerge Smiley war Germanist mit einer Vorliebe für mittelalterliche Dichtung. Allerdings schrieb ihm Le Carré eine geheimnisumwitterte Legende auf den Leib: Agentenführer im Vorkriegs-Europa, in dem die Lichter ausgingen. Konkreter wird das nirgends.

Nach dem Studium hat auch David Cornwell beim Britischen Geheimdienst angeheuert. Aber er ist kaum über niedere Chargen hinweggekommen. Auch da schweigt er über Details.

Gary Oldman als George Smiley in der Verfilmung von 2011.

Gary Oldman als George Smiley in der Verfilmung von 2011.

CH Media

Auf jeden Fall scheint er da mit Leuten in Kontakt gekommen zu sein, in denen er einen Teil seines Ich wiedererkannt haben muss. In einem Essay im «New Yorker» schreibt er über ein skurriles Abenteuer mit einem älteren Geheimdienst-Faktotum und kommt zum Schluss, dass der Ausflug an die tschechische Grenze in Wirklichkeit nirgendwohin und zu keinem andern Ziel gedient haben dürfte, als in diesem älteren Gentleman die Illusion zu bestärken, Teil eines bedeutenden Ganzen zu sein. Und er nur als Publikum ausgewählt wurde. Er verpatzte die Sache.

Kim Philby 1955

Kim Philby 1955

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Im Geheimdienst seiner Majestät überschneiden sich seine biographischen Linien. Die Schwindelexistenz des Vaters, der offenbar keine Notiz von der Realität nahm, wenn sie nicht ganz den eigenen Wünschen entsprach, fand ihren Widerhall in den verzweifelten Versuchen der britischen Schlapphüte, über den Verlust ihres Ansehen und des Empires hinwegzukommen. Die historische Degradierung, die Grossbritannien nach dem Krieg erlitt, potenzierte sich in den Geheimdiensten. Schlimmeres kann man sich nicht vorstellen. Der britische Verbindungsmann zur CIA, Kim Philby, entpuppte sich als sowjetischer Spion. Seine Studenten-Kollegen waren schon vor ihm nach Moskau geflüchtet. Und der ursprünglich deutsche Kernphysiker Klaus Fuchs, der den Russen die Geheimnisse der Atom- und wohl auch der Wasserstoffbombe verriet, kam ebenfalls aus England und wurde von den britischen Diensten als unbedenklich eingestuft.

Klaus Fuchs.

Klaus Fuchs.

CH Media

Und mitten in diesem Strudel der Demütigungen David Cornwell alias John Le Carré alias George Smiley. Immerhin lässt ihn Le Carré in einem Philby-Reenactement den Maulwurf im britischen Geheimdienst entlarven. Bereits der frühere Geheimdienst-Chef Control, der den Leamas-Fall aus dem «Spion, der aus der Kälte kam» zu verantworten hatte, hatte eine Liste der Verdächtigen aufgestellt und nach dem Kindervers «Tinker, Tailor, Soldier, Spy» sortiert (in der deutschen Übersetzung wurden daraus die Spielkarten – für einmal ein gelungener Übersetzungstrick).

Anders als die Dienste, die auch nach der ideologisch aufgeladenen Epoche des Kalten Krieges weiterhin im Schmutz operieren, räumt der Autor John Le Carré auf. Ein Zauberer, der seine Tricks verrät, ist keiner mehr. Und einem anderen Autor hätte man wohl kaum verziehen, sein eigenes Werk nochmals derart auszubeuten. Ihm schon, weil er es kann. «Legacy of Spies» – «Vermächtnis der Spione» rollt die losen Enden der alten Geschichten auf.

Alles wendet sich nicht zum Guten, da ist zu viel Schuld, Versäumnis und Täuschung drin. Aber Smiley hat einen Auftritt, der wenigstens den Anschein erweckt, dass er einigermassen mit der Vergangenheit im Reinen ist. Vielleicht trägt dazu bei, dass er als Ehemann der ebenso schönen wie unberechenbaren Ann genug gelitten haben mag.

Und das Bezeichnendste ist wohl, dass der letzte Roman «Federball» zwar ebenfalls alles aufnimmt, was die Welt an Niedertracht zu bieten hat, aber immerhin erlaubt, dass Leute einigermassen unbeschadet aus dem Kontakt mit dem Geheimdienst herauskommen.