Kultur

Sonderfall Literaturnobelpreis – wieso er in diesem Jahr so speziell ist

In den letzten Jahren wurden mehrere Skandale rund um den Literaturnobelpreis publik. Bild: CH Media

In den letzten Jahren wurden mehrere Skandale rund um den Literaturnobelpreis publik. Bild: CH Media

Nach dem Skandal und dem Jahr der Nichtvergabe sollen ausnahmsweise zwei Preise vergeben werden. Ein paar kritische Überlegungen.

Mit dem Literaturnobelpreis bedacht werden sollten fortan jene, «welche das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen haben». So hatte es der schwedische Chemiker, Erfinder und einstige Stifter und Namensgeber der insgesamt fünf nach ihm benannten Preise, Alfred Nobel, 1900 testamentarisch verfügt. Und weiter hiess es da, dass er «denen zugeteilt werden soll, die der Menschheit den grössten Nutzen geleistet haben». Tatsächlich gilt die nach dem umtriebigen Inhaber von am Ende 355 Patenten benannte Auszeichnung bis heute als der Parnass, nach dem sich alle jene insgeheim sehnen, die «das Vorzüglichste» auf ihrem Gebiet schaffen, hier: auf dem der Literatur.

Und genau betrachtet liefert die Liste derer, denen die Ehre des Preises seit 1901 zuteilwurde, ein ziemlich genaues Abbild dessen, was sich in den letzten 118 Jahren an literarisch «Vorzüglichem» ereignete. Wahrscheinlich ginge das seither alljährlich mit Spannung erwartete Rätselraten ungehindert weiter, wäre es nicht 2018 zu jenem folgenschweren Skandal gekommen, der den Ruf des Preises womöglich dauerhaft beschädigte. Doch was war passiert?

Ausgerechnet die traditionsbewusste schwedische Akademie, die allergrössten Wert auf Würde und Ehre legte, versank in einem Sumpf aus Spekulationen, Beschuldigungen und Gegenvorwürfen, als bekannt wurde, dass nicht weniger als 18 Frauen dem Mann des langjährigen Jurymitglieds Katarina Frostenson sexuelle Belästigung vorwarfen – und eine eingeleitete Untersuchung des Vorgang dies wenig später bestätigte.

Weitere unrühmliche Dinge kamen ans Licht – und kurz darauf waren nurmehr 10 der insgesamt 18 Jurymitglieder aktiv, da einige – um die Wahrung ihres Ansehens bemüht – ihr Amt zur Verfügung stellten. Die geradezu logische Folge: Das Jahr 2018 blieb ohne Preisträger, war die neuformierte Jury doch zunächst allem voran darum bemüht, «Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann». Das soll am nun anstehenden 10. Oktober wieder der Fall sein. Und man darf gespannt sein, wie die Wahl der Jury, die diesmal ausnahmsweise zwei Preisträger benennen will, ausfallen wird.

Ob damit allerdings die schwer angekratzte Ehre der Damen und Herren des Komitees dauerhaft wiederhergestellt ist, darf bezweifelt werden. Allein die Zukunft wird zeigen, ob das in der Öffentlichkeit verloren gegangene Renommee des Preises mit klugen Entscheidungen zurückgewonnen werden kann. Sollten irgendwann weitere unliebsame Details aus dem Innenleben der schwedischen Entscheider ans Licht gelangen, dürfte dies unweigerlich das tatsächliche Ende des Preises bedeuten, der sodann der Öffentlichkeit als solcher nicht mehr vermittelbar wäre.

heisst es in den Aufzeichnungen des Preisträgers von 2002, Imre Kertèsz,

Imre Kertèsz Literaturnobelpreisträger 2002

Imre Kertèsz Literaturnobelpreisträger 2002

Ihm selbst erging es in der Folge nicht anders. Auch ihn, der als 14-Jähriger nach Auschwitz deportiert wurde und später aus Buchenwald befreit wurde, stürzte die Auszeichnung von 2002 an in eine lange anhaltende Krise – niedergedrückt vom Gewicht der nunmehr auf ihm lastenden Erwartungen.

Gleiches darf, nein muss ab sofort für die Akademie gelten, nämlich: dass man die allerhöchsten moralischen Erwartungen an sie stellt. Erfüllte sie die Erwartungen nicht dauerhaft , führte das unweigerlich zu einer anderen Art der Übelkeit, von der sich die Macher von Stockholm zweifellos nicht erholen dürften. Richten wir unseren Blick also wohlwollend-kritisch gen Schweden.

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