Kunst

Sie spielt mit uns: Sophie Calle inszeniert sich selbst und behauptet das Gegenteil

Schosshund? Dann lieber zwei Schosskatzen – Künstlerin Sophie Calle im Fotomuseum Winterthur.

Schosshund? Dann lieber zwei Schosskatzen – Künstlerin Sophie Calle im Fotomuseum Winterthur.

Die begabte französische Künstlerin Sophie Calle stellt im Fotomuseum Winterthur aus – ein Portrait.

Glaubt man anderen, was sie über Sophie Calle sagen, führt sie ihr Leben nach einem Drehbuch, das sie selbst inszeniert oder dem Zufall überlässt – raus aus den Zwängen des bürgerlichen Alltags, hinein ins Abwegige. Die Künstlerin durchwühlte als Zimmermädchen die Koffer der Hotelgäste, las ihre Post, roch an den Laken, notierte, fotografierte. Später lud sie Freunde und Passanten in ihr Bett ein. 24 oder 45, die Zahl variiert, kamen und schliefen in drei Schichten, eine Woche lang, und liessen sich von ihr fotografieren. Ist die Tochter eines Arztes und Kunstsammlers besessen oder einfach nur unglücklich? Sie sagt selbst, besonderen Gefallen an traurigen Dingen zu haben, die sie mit ihrer Kunst in Wort und Bild überwinden will: Der Tod inspiriert sie mehr als die Geburt, die Trennung mehr als das traute Glück.

Sophie Calle empfängt im Fotomuseum Winterthur, trägt schwarz und eine dunkle Sonnenbrille, gleitet durch die Räume, gibt letzte Anweisungen für ihre erste grosse Schweizer Ausstellung «Un certain Regard». Gerahmte Fotos und Texte liegen am Boden oder hängen schon an den Wänden: Fünf Werkserien, darunter zwei über Blinde, die sich an das Letzte erinnern, bevor sie das Augenlicht verloren. Die andere Gruppe beschreibt, wie sie Schönheit empfindet, ohne sie je gesehen zu haben. Für ein Mädchen ist es das wollige Schaf. Die langen Haare ihrer Mutter. Alain Delon. Selbst ohne Sophie Calle in der Hauptrolle – in dieser Ausstellung verströmen die Werke zwar Poesie, aber kein Glück.

Alles unter Kontrolle

Dabei wirkt die 66-Jährige fröhlicher, als man hätte erwarten können, lacht oft, redet viel. «Wenn ich glücklich bin, lebe ich», sagt sie. Wenn sie sich hingegen langweile, sei sie abwesend, telefoniere, statt dem Gegenüber zuzuhören. In jüngeren Jahren trieb es sie deshalb häufig auf die Strasse.

1979 begann sie, Unbekannte in Paris zu beschatten, verfolgte später einen Mann namens Henry B. bis nach Venedig und wieder nach Paris zurück, beobachtete und fotografierte ihn. Sie begehrte ihn, es blieb einseitig. Er konnte ihr nicht wehtun, sie ihn jederzeit verlassen. Im Gegenzug liess sie über ihre Mutter einen Detektiv einen Tag lang auf sich ansetzen, genoss seine Aufmerksamkeit.

«Wenn ich ein Mann gewesen wäre, hätte ich damals niemanden verfolgt», sagt Sophie Calle. Denn der weibliche Blick sei weniger zweideutig als der eines Mannes. In ihrem Fall dürfte man das anzweifeln, da sie das Leben der anderen für sich nutzt. Sie widerspricht.

Über ihr Leben dagegen will sie weiterhin schweigen. Was ist fiktiv, was real? «Selbst wenn ich über mich rede in meiner Arbeit, ist das nicht ich», behauptet sie. Obwohl sie das Sterben ihrer Mutter filmte und sie die Briefe ihres Mannes veröffentlichte? «Jeder wird seine Mutter verlieren oder wird mal verlassen», sagt sie und zeigt mit dem Finger auf die Strasse vor dem Fotomuseum: «Jeder dort.» Die Digitalisierung dagegen sieht sie mit Sorge. «Es ist schrecklich», sagt sie erstaunt, was die Menschen alles preisgäben. Doch: Gibt es Privateres als die Korrespondenz zweier Liebenden? «Prenez soin de vous», «Passen Sie auf sich auf», lautet der letzte Satz des E-Mails des Mannes, der Sophie Calle verlassen hatte. «Sorgen Sie sich um mich», bat sie 107 Frauen und liess sie ein Schreiben ihres Geliebten interpretieren und kommentieren. «Ich offenbare mich nicht und rede nicht über meine Gefühle, sondern ich lasse die Trennung von anderen analysieren», sagt die Französin. Obwohl der Absender real ist, wird er über die Installation zur Fiktion.

Sogar der Schriftsteller Paul Auster schrieb die Figur Maria in «Leviathan» nach ihr. Die Künstlerin bat ihn, ihr ein Drehbuch zu schreiben, dem sie Tag für Tag absolut gehorchen würde. Sie wäre bereit gewesen, ihr Haus aufzugeben, ihre Arbeit. Sie hatte Lust, jemand anderes zu sein. Auster lehnte ab; die Verantwortung war ihm zu gross. Hat Sophie Calle noch immer Lust jemand anderes zu sein? «Nein», sagt sie. Spielt sie mit uns?

Sophie Calle «Un certain regard». Fotomuseum Winterthur. 8. 6.–25. 8.

Meistgesehen

Artboard 1