Schweizer Literatur
Rahel Senn schreibt einen Montageroman über die Feministin Iris von Roten

Mit «Ozelot» legt die Zürcher Schriftstellerin Rahel Senn einen multiperspektivischen Roman mit vielen Originalzitaten von Iris von Roten vor. Und macht aus deren Ozelotmantel das feministische Protestkleid der frühen 1970er Jahre.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Die Zürcher Schriftstellerin und Pianistin Rahel Senn.

Die Zürcher Schriftstellerin und Pianistin Rahel Senn.

Bild: zVg

Die Faszination für Iris von Roten, für diese schillernde, rebellische, radikale, unbeugsame Schweizer Feministin der 1950er-Jahre, hält an. Nach Wilfried Meichtrys Biografie, dem Kinofilm «Verliebte Feinde» über das freiheitsliebende Ehepaar von Roten sowie der diesjährigen Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof hätte man ihr Leben und Wirken für aus­erzählt halten können.

Für das Romanprojekt zu Iris von Roten musste die Zürcher Schriftstellerin Rahel Senn deshalb einen neuen Ansatz finden. Sie hat sich für die Montagetechnik entschieden. Auszügen aus von Rotens Kampfschrift «Frauen im Laufgitter» stellt sie eine fiktive Kindersicht zur Seite – ergänzt mit weiteren Elementen, die den historischen Kontext skizzieren. Die zwei Teile des Romans kulminieren jeweils in den Abstimmungen zum Frauenstimmrecht 1959 und 1971.

Montagetechnik und Perspektivwechsel machen das Buch luftig

Rahel Senn: Ozelot. Roman. Zytglogge, 294 S.

Rahel Senn: Ozelot. Roman. Zytglogge, 294 S.

Zvg / Aargauer Zeitung

Am besten überblättert man das Vorwort zum Roman. Darin skizziert Alt-Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold bereits die Eckdaten Stimmrecht und Eherecht aus ihrer persönlichen Warte und endet mit dem Aufruf, möglichst viele Frauen sollten in die Politik. Das ist zwar wahr und gut, aber so eingeleitet droht das Buch zum Thesenroman zu werden. «Ozelot» entfaltet danach jedoch eine eigene literarische Kraft. Montagetechnik und Perspektivwechsel machen das Buch luftig – auch wenn das gelegentlich zu sprunghaft ist.

Rahel Senn wühlt sich durch die miefigen 50er-Jahre

Die Kinderoptik wirkt zwar im Gegensatz zur scharfzüngigen Iris von Roten sprachlich etwas platt. Gelungen ist der Roman hingegen vor allem in den inhaltlichen Parallelisierungen. Zwei Beispiele sollen genügen: Die Bevormundung, welche die Feministin der 50er-Jahre zornig macht, beobachtet das 11-jährige Mädchen Victoria zeitgleich mit unverstelltem Blick ebenfalls an sich; der Ozelotmantel, den Iris von Roten bei ihrer nächtlichen Verhaftung in Zürich trägt, wird zum stolzen Protestgewand rebellischer Feministinnen 1970.

Rahel Senn wühlt sich in «Ozelot» durch den miefigen Zeitgeist der 50er-Jahre: Heiratsstrafe, Katholizismus, Verhütung, politische und rechtliche Diskriminierung, Abhängigkeit vom Ehemann, illegale Abtreibung. Eindrücklich schildert sie die gespaltene Frauenbewegung: hier die braven Blumenverteilerinnen, dort die Rebellinnen wie Iris von Roten. Und dass die Idee der freien Liebe eine Zerreissprobe für die Ehe der von Rotens war, macht die Lektüre überdies aktuell.

Aktuelle Nachrichten