Schriftsteller auf zwei Kontinenten: Hansjörg Schertenleib pendelt zwischen dem Aargau und den USA

Nach 20 Jahren in Irland lebt Hansjörg Schertenleib wieder zeitweise im Aargau. Ein Besuch in Boswil, wo seine Schriftstellerei begann.

Hansruedi Kugler
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Im Winter eigentlich lieber an der US-Ostküste: Hansjörg Schertenleib in Boswil.

Im Winter eigentlich lieber an der US-Ostküste: Hansjörg Schertenleib in Boswil.

Bild: Alex Spichale

Es ist eine Rückkehr nach vielen Jahren, ja nach Jahrzehnten. Hier, im Künstlerhaus Boswil im Freiamt hat Hansjörg Schertenleib sein erstes Buch geschrieben. Nicht wie andere als Stipendiat. Er arbeitete halbtags als Küchen- und Servicehilfe im Künstleraltersheim und durfte dafür bei freier Kost und Logis in seinem Schreibzimmer schreiben. Das ist 39 Jahre her und «Grip», sein Debüt mit drei Erzählungen über die Enge der Schweiz und die Fluchten aus dem Land, erhielt gute Kritiken. Aus dem jungen Schriftsetzer wurde hier ein Schriftsteller – und das blieb er, bis heute. Auch davon erzählt er in seinem neuen Buch «Palast der Stille». Es enthält viele autobiografische Elemente, ist aber in erster Linie ein Buch über die Sehnsucht nach Ruhe und Abstand zur hektischen Welt, ein wenig auch ein Aussteigerbuch. Sein Rückzugsort: ein Häuschen an der US-Ostküste. Er habe mit 600 verkauften Exemplaren gerechnet: «Eine spannende Story gibt es ja darin nicht. Aber nun steht das Buch schon drei Wochen auf der Schweizer Bestsellerliste.»

In den frühen 1980ern aus Zürich geflüchtet

Beim Rundgang in Boswil im Schneetreiben hört man Dankbarkeit, aber auch Ärger und Wehmut: Schliesslich war Boswil bis 1991 ein Armenhaus für einsame und verarmte Künstler. «Aber diese Menschen taten mir mit ihrem Humor und ihrer Unbekümmertheit gut», sagt Schertenleib. «Ich war von ihnen akzeptiert als ein junger Mensch, der Schriftsteller werden wollte. Das hat mich ermutigt.» Selbstverständlich war das nicht. Sein Vater habe kein Verständnis für diesen Weg gehabt, «und als Schweizer hatte ich natürlich Angst, ein Künstlerleben unter prekären Umständen führen zu müssen.»

Nach elf Monaten habe er es aber hier nicht mehr ausgehalten, erzählt er. Die heftigen Konflikte zwischen den jungen Teilnehmern von Kursen mit berühmten Musikern und den eigensinnigen, manchmal aber sehr schwierigen Heimbewohnern hätten ihn zerrieben. Besonders der unbändige Maler Walter Arnold Steffen war mit seinen Psychosen und Alkoholproblemen oft eine Zumutung: «Ich mochte ihn sehr. Er wollte aber niemanden in seinem Atelier. Ich war ja leider einer der Bösen, weil ich ihm keinen Alkohol servierte.»

Lange her ist das also. Mit seinen ersten Texten hatte er zuvor sein Idol Urs Widmer im Zürcher Niederdorf angesprochen. Dieser ermutigte ihn zum Weiterschreiben. Schertenleib, der Arbeitersohn, war aus Zürich nach Boswil geflüchtet, weg von der repressiven Stimmung der frühen 1980er-Jahre. «Die uns an den Demos vom Strassenrand her beschimpfende Vätergeneration, die uns ‹Moskau einfach› zurief», habe ihn angewidert. Ein Selfmade-Schriftsteller, Rebell und Einzelgänger ist er geworden. Einer, der sich literarisch immer wieder neu erfindet: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, eine Krimireihe aus seiner Wahlheimat Maine in den USA, Thriller unter Pseudonym. Zuletzt die wunderbare Novelle «Fliegengöttin» über ein Ehepaar, das mit schwerer Demenz konfrontiert wird.

Nur wegen der Liebe zurück in der Schweiz

Der 62-jährige Schertenleib ist aber auch einer, der zur hiesigen Kulturszene Abstand hält. Seine Lieblingsautoren sind gestorben: Jürg Federspiel, Urs Widmer, Hermann Burger, Markus Werner. Als wir in Lenzburg am Kino vorbeilaufen, ärgert er sich: «Dieser Kinofilm ‹Moskau einfach› ist einfach ein harmloser Film. Dass man eine Komödie über die Fichenaffäre, die sehr viele umgetrieben hat und die mir geschadet hat, ohne Bezug zur Gegenwart dreht, finde ich schrecklich.» Auf der Autofahrt nach Boswil läuft «Riders on the Storm» von den Doors aus dem Jahr 1971. «Das ist meine Musik.» Und zum Literaturinstitut in Biel, wo er als Mentor tätig war, hat er ein gespaltenes Verhältnis: «Unterhaltung und Markttauglichkeit sind dort leider wichtiger als gesellschaftspolitische Fragen.» Das sagt einer, der Mitglied ist bei der Partei der Arbeit. Die Herkunft aus der Unterschicht und die linke Gewerkschaft der Schriftsetzer hätten ihn geprägt: «Aber eigentlich müsste ich von der Haltung her bei den Sozialdemokraten sein», sagt er.

Ein offenherziger Mann also, der auch sagt: «Die Liebe brachte mich in die Schweiz zurück. Ohne meine Partnerin Brigitte Haas wäre ich nicht zurückgekommen.» Vor acht Jahren hat er die Aargauer Lehrerin geheiratet. Sein Schriftstellerleben jedoch findet auf zwei Kontinenten statt. Denn mit Vorliebe im Winter schreibt er an der US-Küste: «Im Winter habe ich meine Ruhe, im Sommer hat es zu viele Touristen, die zu den Hummer-Restaurants fahren.»

Hansjörg Schertenleib: Palast der Stille. Kampa Verlag, 172 S.Lesung am 3.März im Literaturhaus in Lenzburg­­.