Schauspiel
Schauspielerin Gina Haller aus Arlesheim ist in Deutschland auf der Überholspur

Die aus der Region stammende Schauspielerin Gina Haller wurde in unserem Nachbarland zum Nachwuchstalent des Jahres gekürt.

Tamara Funck
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Gina Haller: «Hamlet hat mein Leben verändert».

Gina Haller: «Hamlet hat mein Leben verändert».

bz

«Hamlet hat mein Leben verändert», lacht Gina Haller. Und meint damit nicht den melancholischen Prinzen aus der ­Feder von Shakespeare, sondern die Adaption von Theater­regisseur Johan Simons, die in ganz Deutschland enorme Aufmerksamkeit erzielt hat. Die Schweizerin wurde für ihre Darstellung der Ophelia als Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt. Die sonst schwächlich und hypersensibel gezeichnete Figur sei auf der Bühne des Schauspielhaus Bochum von ihrer Opferrolle befreit worden, lobte die deutsche Presse.

Die 33- jährige Haller ist überrascht und fühlt sich geehrt: «Es war nicht mein Ziel, Ophelia zu emanzipieren. Ich spiele sie so, wie ich sie mir vorstelle.» Mit Regisseur Simons diskutierte sie die Komplexität Ophelias. Shakespeare lässt zwar offen, aus welchen Gründen Hamlets Geliebte zu Tode kommt, doch in der Vergangenheit wurde sie meist als suizidale Schönheit dargestellt. Sie erfüllt so die Funktion der Trauernden, der Verrückten. «Warum muss Ophelia untröstlich sein?», fragt Haller nur.

Grosseltern in Arlesheim, Ensemble in Bochum

Für die in Basel geborene Schauspielerin sei es eine Ehre, mit Johans Simons zu arbeiten und fester Bestandteil des Bochumer Ensembles zu sein. Nie hätte sie sich erträumt, Ophelia zu spielen – auch wegen ihres Aus­sehens: «Ich dachte, Rollen wie Gretchen, Ophelia und Julia werde ich nie bekommen. Da stellt man sich doch eine junge blonde Frau mit langen Haaren vor». Gina Hallers Mutter ist Schweizerin, ihr Vater stammt von der Elfenbeinküste. In Arlesheim wächst sie grösstenteils bei ihren Grosseltern auf, als behütetes Einzelkind. Doch in der Schweiz fühlt sie sich fremd, ausgegrenzt. «Kinder, die so aussahen wie ich, gab es sonst nicht in Arlesheim», erinnert sie sich.

Mit 14 Jahren beginnt sie beim «Neuen Theater» in Dornach und tritt der Theater­gruppe am Gymnasium Münchenstein bei. Bereits mit 17 steht sie das erste Mal auf der grossen Bühne des Theater ­Basel. Doch der schnelle Erfolg und der konstante unterschwellige Rassismus auf der Strasse wachsen ihr über den Kopf. Überfordert kündigt sie inmitten der Pubertät ihren ersten offiziellen Vertrag beim Theater Basel. «Mir wurde alles zu viel. Im Migros wurde ich auf Englisch angesprochen, auf der Strasse von der Polizei angehalten und auf der Bühne musste ich alles geben.»

Mit der Matura in der Tasche reist sie nach Paris. Dort wohnen ihr Vater und ihre Tante. Sie geniesst die Anonymität der Grossstadt und verbringt Zeit mit ihrem Vater, bevor dieser wieder in sein Heimatland zurückreist. «Ich war auf der ­Suche nach dem anderen Teil meiner Kultur und fand mein Selbst­bewusstsein, meine Selbstermächtigung», sagt Haller rückblickend. Paris wird ihre Heimat für die nächsten sieben Jahre, während sie sich als Kellnerin, Verkäuferin und Barkeeperin durchschlägt.

Stipendium in Paris und anfängliche Selbstzweifel

Mit 22 Jahren flammt ihre Begeisterung fürs Theater erneut auf, und ihr gelingt, wovon viele nur träumen: An der Pariser Schauspielschule «Cours Florent» wird sie aus über 1500 Kandidaten ausgewählt und erkämpft sich ein Stipendium für ausländische Studierende. Der definitive Einstieg ins Schauspiel war geschafft. Inzwischen sind elf Jahre vergangen. «Es hat noch lange gedauert, bis ich mich Schauspielerin nennen konnte», gibt Gina Haller zu. Viele Rückschläge und Absagen, viele Zweifel darüber, ob ihr Talent ausreichen würde.

Ihr Weg führte sie schliesslich von Frankreich über die Schweiz nach Deutschland: Nach abgeschlossenem Schauspielstudium in Paris und Bern, bekam sie Engagements in Trier und Bremen und gehört seit 2018 zum Bochumer Ensemble.

Viermal hat sie inzwischen mit Intendant Johans Simons gearbeitet. «Wir haben eine gemeinsame Sprache», sagt Haller: «Er sieht die Freiheit in mir und das macht ihn glücklich – denn bei ihm fühle ich mich unglaublich frei.»