Schang Hutter: Er kämpft mit Kunst für Menschenrechte

Bedeutende Premiere auf dem traditionsreichen Sarner Landenberg: Erstmals stellt der bekannte Bildhauer Schang Hutter gemeinsam mit seiner Tochter Lisa Hutter Schwahn aus. Beide beschäftigen sich in ihrem Werk mit zentralen Fragen des Lebens.

Romano Cuonz
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Schang Hutter mit Tochter Lisa vor einem seiner Kunstwerke mit dem Titel "Esel", das die Dummheit des Krieges anprangert. (Bild: Romano Cuonz, 19. Oktober 2018)

Schang Hutter mit Tochter Lisa vor einem seiner Kunstwerke mit dem Titel "Esel", das die Dummheit des Krieges anprangert. (Bild: Romano Cuonz, 19. Oktober 2018)

«Ich will sichtbar machen, wie Menschen ihr Dasein empfinden, wenn sie verachtet, verdrängt, gedemütigt werden», bekannte der Solothurner Bildhauer Schang Hutter schon 1981. Damals kam er zur legendären Ausstellung «Niklaus von Flüe 1981» (500 Jahre Stanser Verkommnis) nach Flüeli-Ranft und brachte die beeindruckende Skulptur des gefolterten und mundtot gemachten schwarzen afrikanischen Bürgerrechtlers Steve Biko mit.

Heute sitzt der 84-jährige ­Solothurner Künstler – gezeichnet von seiner enormen künstlerischen Arbeit und von seinem kompromisslosen Kampf für Menschlichkeit – im Rollstuhl. Die Biko-Figur aber, die der Verletzlichkeit so eindrücklich Raum gibt, hat er nochmals mitgebracht. Diesmal auf den Landenberg. Der Obwaldner Kulturdirektor Christian Schäli erklärt, warum sie genau hierhin gehört. «Auch von diesem historischen Ort politischer Entscheidungsfindungen aus sind Wunden geschlagen worden, die Hüllen der dafür notwendigen Instrumente sind bis heute sichtbar: das Zeughaus und das Schützenhaus!»

Totgeglaubte klagen nochmals an

Schang Hutter, der alte Mann im Rollstuhl, zeigt auf riesige eiserne oder hölzerne Plastiken, die den früheren Landsgemeinde-Platz wie mit langen Fühlern ertasten. Weist auch auf die teils zerbrechlich filigranen Figuren und Skizzen hin, die hier in selten grosser Zahl beisammen sind. «Schauen Sie die Werke an!», fordert er die Besucher auf. «Sie behandeln, vorder- oder auch hintergründig, noch immer dieses eine Thema, das mich ein Leben lang nie losliess: Krieg mit seiner Unmenschlichkeit.»

Dann bewegt Hutter sich ins Zentrum der Ausstellung. Dort steht – augenfällig klotzig – jener beschriftete Kubus, der ihn besonders viel Lebenszeit gekostet und später mit einem Schlag berühmt gemacht hat: Die «Shoah». Gleichbedeutend mit Untergang, Unheil, Vernichtung – letztlich eben Holocaust. 1998 stellte Hutter diese Skulptur vor dem Eingang zum Bundeshaus auf. «Als Mahnmal dafür, was Menschen in aller Öffentlichkeit, vor den Augen oder sogar im Auftrag der Politik einander antun können», erinnert die Kulturjournalistin Elsbeth Schild an der Vernissage.

Mit dem Werk "Shoah" ist Schang Hutter berühmt geworden. Es ist ebenfalls auf dem Landenberg zu sehen. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 19.10.2018)

Mit dem Werk "Shoah" ist Schang Hutter berühmt geworden. Es ist ebenfalls auf dem Landenberg zu sehen. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 19.10.2018)

Damals hatte die am rechten Rand des politischen Spektrums agierende Freiheits-Partei die Skulptur in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf einen Kranwagen verladen. Dann, versehen mit «Refusé-Klebern», dem Hersteller als «Schrott» vor die Werkstatt gestellt. Doch die Tat wirkte wie ein Bumerang. Politische Diskussionen wurden entfacht. Die von Hutters Gegnern Totgeglaubten klagten nur noch lauter an.

Und sie tun es heute noch. «Figuren sind es, die die Regeln der Bildhauerei umzustossen scheinen», sagt Elsbeth Schild. «Anders gesagt: Hutters seltsame Figuren machen anschaulich, wie Kriege, Elend und Gewalt kein Ende nehmen. Ja, all die Totgeglaubten verbünden sich mit anderen Verstümmelten auf allen Kontinenten. Immer und immer wieder.

Lisa Hutter: Woher kommt die Kraft des Lebens?

Es war die Idee des Vereins Kunst auf dem Landenberg, Schang Hutter erstmals gemeinsam mit seiner Tochter Lisa Hutter Schwahn in eine Art künstlerischen Dialog treten zu lassen. So zeigt denn auch die in München lebende gelernte Damenschneiderin in Sarnen ihre Arbeit. Bevor sie als bildende Künstlerin frei schaffte, war sie international als Kostümbildnerin tätig. «Ich stelle mir die Frage, woher die Kraft, woher das Leben kommt», sagt Lisa Hutter.

Betritt man den Raum, begegnet man filigranen Installationen. Die Künstlerin schneidert ihr Material – da einen Fetzen Stoff, dort ein Muster-Papier, einen Faden oder Rohling – zurecht. Hilft mit Pinsel und Stift nach und setzt, was sie kreiert, oft in einen Rahmen. «Lisa Hutter ist, ohne Regieanweisungen abzuwarten, auf die Bühne getreten, und sie hat sich nicht wieder verscheuchen lassen», anerkennt Kulturjournalistin Elsbeth Schild. Nach Raum verlange sie. Dabei öffnet sie mit ihren Bildern und Kreationen stets neue, oft geheimnisvolle Räume.

Seltsam und anregend berührt einen, dass man bei Lisa Hutters Arbeiten nie so genau zu erkennen vermag, ob die Vergangenheit die Gegenwart oder gar die Zukunft zu ertasten versucht. Letztlich aber ist in den Kreationen immer der Kern einer anderen Spiritualität zu finden. Sie laden den Betrachter zu Reisen ins Ungewisse, ins Unfassbare ein. Elsbeth Schild sagt es so: «Hutter kann ausflippen und heikle Dinge an unserem Lärm vorbei in die Welt bringen.»

Kunst auf dem Landenberg. Schang Hutter und Lisa Hutter Schwahn bis zum 20. Januar 2019. Öffnungszeiten: Jeweils Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Eintritt frei.

Hinweis: Die Ausführungen in diesem Text basieren teilweise auch auf einer Arbeit der deutschen Künstlerin und Kulturjournalistin Kerstin Brandes.

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