Beflügelt ist wohl das treffendste Wort, um das Gefühl zu beschreiben, mit dem man die Ausstellung von Su-Mei Tse im Aargauer Kunsthaus verlässt. Beflügelt, weil ihre Werke so leicht, so schön, so positiv sind. Bereichert, weil die Künstlerin Vertrautes und Banales mit sanfter Hand und scharfer Präzision in überraschende Bilder und Schönheit verwandelt. Besänftigt, weil sie mit Klängen und langsamen Bildfolgen unsere Sinne anregt und uns gleichzeitig auch zur Langsamkeit verführt.

Su-Mei Tse stellt im Aargauer Kunsthaus aus

Su-Mei Tse stellt im Aargauer Kunsthaus aus

  

Kein Wunder also, hat diese hochtalentierte Frau schnell und steil Karriere gemacht. 2003 wurde die damals erst 30-Jährige von der Biennale Venedig für ihren Auftritt im luxemburgischen Pavillon mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet – seither ist sie an Grossanlässen wie in wichtigen Galerien und Museen präsent. Die erste Übersichtsausstellung in der Schweiz zeigt nun das Aargauer Kunsthaus – nachdem 2013 schon eine Schaukel aus Neon das Publikum hier in Schwung versetzt hat.

Selbstverständlich multimedial

Womit arbeitet die Künstlerin? Schwierige Frage bei dieser Fülle. Multimedial, selbstverständlich multimedial. Das meint: Skulptur und Video, Musik, Obst und Objekt, Schriftbild und Neon. Das kann aber auch ein veritabler Brunnen sein, der in pseudobarocker Pracht im Kunsthaus plätschert – dem man aber besser nicht zu nahe kommt, weil nicht Wasser, sondern Tinte vom obern ins untere Becken schwappt und blaue Spritzer unvermeidlich sind. Mit dieser Tinte könnte man schreiben, die Texte danach lesen, nun murmelt der Brunnen diese «Many Spoken Words».

Der Brunnen, Fotografien von Statuen und die Videoarbeit, in der Su-Mei Tse die Kieswege das Palazzo Medici in ruhigen Bahnen mit dem Rechen wieder perfektioniert, führen uns gedanklich in die Antike zurück und nach Rom, wo die luxemburgische Künstlerin mit Berliner Zweitwohnsitz ein Jahr gearbeitet hat. Blumen hinter opakem Glas erinnern an japanische Tuschezeichnungen, und die Findlinge, die Gelehrtensteinen gleich, liebevoll auf Sockel gehoben sind, lesen wir als Reverenz an ihren chinesischen Vater.

Er wie auch ihre englische Mutter sind Musiker, Su-Mei Tse selber ist auch ausgebildete Cellistin. Dass sie in einer Reihe Bäume mit auffälligen Mistelnestern das Bild einer Partitur erkennt, erscheint beinahe naheliegend. Das Video mit Celloklängen von Schostakowitsch, das sie daraus geschaffen hat, ist das wohl meditativste Roadmovie der Kunstgeschichte.

Märchenhafte Zauberei

«Nested», geborgen, gut aufgehoben, heisst ihre Ausstellung. Die filigranen Lampionblumen etwa sind bei ihr tatsächlich gut umhegt, lässt sie ihre feinen Äderchen doch mit Gold überziehen und schützt sie so vor dem Zerfall. «Ich liebe es, Poesie und Preziosen im Alltäglichen zu entdecken», sagt die Künstlerin. Und findet sie gar in auskeimenden Kartoffeln.
«Ich liefere Bilder und Anstösse, aber ich erzähle nicht bestimmte Geschichten», betont sie. Und trotzdem denkt man öfters an Märchen. Beim Vogelkäfig aus knalligweissem Neon steht das Türchen offen, und die drei Meter hohen Bäumchen sind nicht im Boden verwurzelt, sondern stehen mit eingepackten Füssen für eine weitere Reise bereit.

Wurzeln schlagen möchte man als Besucherin vor ihren drei Videoprojektionen mit dem Titel «Gewisse Rahmenbedingungen». Schwerelos und fast ohne Berührung balanciert je eine Hand eine Kristallkugel. Darin spiegeln sich das Alte Museum Berlin, die römische Villa Farnesina und die Villa Adriana in Tivoli, die Gebäude selber verschwinden wie sanfte Aquarelle in der Unschärfe. Was nach digitalen Tricks aussieht, ist die gefilmte Arbeit von Kontaktjongleuren. Die Beobachterin glaubt dennoch und gerne an Zauberei.