Interview

Rockstar Ozzy Osbourne: «Das neue Album hat mein Leben gerettet»

Ozzy Osbourne ist gesundheitlich angeschlagen, aber voller Tatendrang und Lebensfreude.

Ozzy Osbourne ist gesundheitlich angeschlagen, aber voller Tatendrang und Lebensfreude.

Kultrocker Ozzy Osbourne erholt sich gerade von den Folgen eines Unfalls und offenbart, dass er an Parkinson leidet. Trotzdem hat er ein neues Album aufgenommen und plant eine Tournee.

Schon putzig, abends in Amerika anzurufen und plötzlich diese unverwechselbare, krächzende Stimme sagen zu hören: «Hey, this is Ozzy». Ozzy Osbourne ist ein drolliger Gesprächspartner, und ein gnadenlos ehrlicher noch dazu. Ohne allzu viel Diplomatie redet er über seine noch immer angeschlagene körperliche Verfassung. Seine US-Tour hat er deswegen abgesagt. Stattdessen kommt er im April zur Behandlung in die Schweiz, die laut Ozzy sechs bis acht Wochen dauern wird.

Ozzy Osbourne, wo erreichen wir Sie gerade?

Ozzy Osbourne: Ich bin in unserem Haus in Los Angeles. Der Tag ist ruhig soweit, ich habe gerade ein paar Poster signiert, ein bisschen Gesangstraining gemacht und den Vormittag mit meiner üblichen Physiotherapie begonnen.

Das Comeback-Album «Ordinary Man» erscheint genau 50 Jahre nach dem Début «Black Sabbath». Haben Sie damals auch nur ansatzweise davon geträumt oder sich vorstellen können, ein halbes Jahrhundert später der berühmteste Mann des Rock ’n’ Roll zu sein?

Nein, niemals. Ich plane traditionell nicht viel, und aus dem Nichts passiert dann immer wieder etwas richtig Tolles. Wissen Sie, auch das neue Album entstand in einer richtig beschissenen Phase in meinem Leben. Vor einem Jahr hatte ich einen ätzenden Unfall, ich musste mich am Nacken operieren lassen. Diese Sache hat mich richtiggehend stillgelegt. Ich konnte vier Monate lang nicht gehen. Und ich habe immer noch Schmerzen und mache meine Krankengymnastik. Ist alles Mist.

«Ordinary man», das neue Album von Ozzy Osbourne, erhält von der Fachwelt mehrheitlich gute Kritik.

«Ordinary man», das neue Album von Ozzy Osbourne, erhält von der Fachwelt mehrheitlich gute Kritik.

Und wie konnten Sie das Album aufnehmen?

Es ging erstaunlicherweise mühelos. Ich konnte ja nichts mehr: Hals kaputt, Arme kaputt, Beine kaputt, das ganze Nervensystem war im Arsch. Aber als wir im Studio sassen, schrieben wir Tag für Tag grossartige Songs. Das Album hat mein Leben gerettet!

Tatsächlich?

Total. Musik zu machen, ist die beste Therapie, die du bekommen hast. Wenn du monatelang in der Kiste liegst, dann denkst du immer bloss über dich selbst nach. Und ich weiss nicht, wie das bei anderen Leuten ist, aber wenn ich so vor mich hin sinniere, kommen dabei eher weniger nette Gedanken raus. So ein Zeug wie «Bäh, bringt ja alles nichts mehr» oder «Uahh, ich werde sterben.»

Ihre Stimme ist in hervorragendem Zustand auf «Ordinary Man».

Oh, ja, das ist das eine, das mir dieser Gott, wenn es ihn denn gibt, nicht genommen hat. Wäre meine Stimme auch noch weg, dann wäre nichts mehr von mir übrig.

Glaubt der Erfinder des Schockrock etwa an Gott?

Ich glaube an eine höhere Macht. Diese höhere Macht ist in meinen Vorstellungen jedoch kein alter Mann mit weissem Bart, der auf einer Wolke sitzt und mit den Engeln Harfe spielt. Ich glaube auch nicht, dass wir Menschen das höchste Wesen sind und ein Gott deshalb wie ein Mensch aussehen muss. Vögel zum Beispiel können fliegen, wir Menschen können das nicht. Auch der Ozean ist so unglaublich mächtig und kraftvoll. In meiner Fantasie ist das höhere Wesen eines, das uns allen hier auf der Erde überlegen ist. Also kann es kein Mensch sein.

Zur Person

Ozzy Osbourne – RockstarDer 71-jährige Brite Ozzy Osbourne ist in Birmingham geboren und wurde bekannt als Sänger der wegweisenden Rockband Black Sabbath. Als solcher hat er den Hard-Rock mitbegründet und Metal vorbereitet. Man nannt ihn Godfather of Metal und auch Prince of Darkness. In den 80er-Jahren war er stark drogen- und alkoholabhängig und in Skandale verwickelt. Ozzy ist seit 1982 mit Sharon verheiratet, mit der er drei Kinder hat.

Ozzy Osbourne – Rockstar

Der 71-jährige Brite Ozzy Osbourne ist in Birmingham geboren und wurde bekannt als Sänger der wegweisenden Rockband Black Sabbath. Als solcher hat er den Hard-Rock mitbegründet und Metal vorbereitet. Man nannt ihn Godfather of Metal und auch Prince of Darkness. In den 80er-Jahren war er stark drogen- und alkoholabhängig und in Skandale verwickelt. Ozzy ist seit 1982 mit Sharon verheiratet, mit der er drei Kinder hat.

Wie gesund leben Sie heute?

So gesund ich kann. Ich trinke nicht mehr, rauche nicht, nehme keine Drogen ausser meine Tabletten. Ich habe ständig Schmerzen, aber es geht mir schon ziemlich viel besser als noch vor einem halben Jahr, wenngleich ich noch nicht wieder dort bin, wo ich sein will.

Im Titelstück «Ordinary Man» geht es um Fehler im Leben, und es geht um Vergebung. Bereuen Sie Sachen in Ihrem Leben?

Ja, natürlich habe ich Dinge getan, die mir leidtun. Aber wer hat das nicht? Ich kann mit meinen Verfehlungen leben. Ich glaube an eine gewisse Fügung. Daran, dass Sachen passieren, weil sie passieren sollen. Als ich zum Beispiel meine Sharon traf, war ich mit einer anderen Frau verheiratet. Die Dinge gingen hin und her, doch am Ende kamen Sharon und ich zusammen. Ich habe neulich noch zu ihr gesagt, wie viele Menschen schon weg sind, die wir gut kannten. Ich bin 71, mehr und mehr alte Weggefährten verlassen mich für immer. Wenn mein Zeitpunkt kommt, dann kommt er eben. Ich will nicht wirklich sagen, ich werde mich freuen, wenn der Sensenmann klingelt, aber es wird in Ordnung sein.

Sie singen «Ich weiss nicht, warum ich noch am Leben bin». Sind Sie überrascht, noch hier zu sein?

Aber hallo! Ich war ja schon völlig überrascht, dass ich 40 wurde. Die Drogen, der Alkohol – was ich bei den Shows oft versucht habe, zu über­tünchen.

Sie sagen über Sharon, sie sei Ihre andere Hälfte. Fühlen Sie sich gesegnet, dass es sie gibt?

Ich bin der glücklichste Mann auf Erden, weil ich Sharon habe. Sie kämpft für mich, sie beschützt mich, sie führt mich, sie schreit mich an, sie liebt mich. Wir beide sind einfach füreinander gemacht. Ich liebe sie. Klar haben wir unsere Hochs und Tiefs. Und doch kann ich mir nicht vorstellen, dass es eine weitere Frau auf der Erde gibt, die es vierzig Jahre mit mir aushält (lacht).

Wir haben Sie schreiend und ­liebend in der Reality-TV-Show «The Osbournes» gesehen, die von 2002 bis 2005 lief. Wie viel hat die Sendung dazu beigetragen, dass Ozzy Osbourne heute als die ­coolste aller Socken gilt?

Ich habe «The Osbournes» nie gesehen.

Wie bitte?

Höchstens einmal einige Ausschnitte. Das Ganze war für uns als Familie ein Experiment, das total aus dem Ruder lief. Wenn du drei Jahre lang ein Kamerateam in deinem Haus hast, dann kannst du gar nicht anders, als den Verstand zu verlieren. Wir waren Teil eines Menschenversuchs. Ich bin oft aufs Klo geflüchtet, um die Zeitung zu lesen. Das Klo war der einzige Ort, wo ich meine Ruhe hatte.

Welche teuren Hobbys haben Sie?

Meine Frau kauft gerne Häuser. Ich selbst? Brauche eigentlich nichts. Wenn mir jetzt alles weggenommen würde, was ich besitze, dann könnte ich trotzdem weiterleben. Hier in Los Angeles siehst du so viele Obdachlose, es ist wirklich nicht zu fassen. Wenn du in diesem Land kein Geld hast, bist du am Arsch. Amerika ist nichts anderes als ein Unternehmen. Hier hat alles seinen Preis. Kannst du es nicht bezahlen, kannst du sehen, wo du bleibst.

Er liebt den skurrilen Auftritt: Ozzy Osbourne ist schon seit 50 Jahren im Musikbusiness dabei.

Er liebt den skurrilen Auftritt: Ozzy Osbourne ist schon seit 50 Jahren im Musikbusiness dabei.

Der Präsident der Vereinigten Staaten ist auch ein Geschäftsmann. Was denken Sie über ihn?

Donald Trump? Er ist wahnsinnig. Er lügt, wenn er den Mund aufmacht.

Zu Black Sabbath: Tony Iommi hat seine Krebserkrankung überwunden, Bill Ward signalisiert immer wieder, dass er nochmals mit Sabbath spielen würde. Kommt Ihr fünfzig Jahre nach eurem Début und drei Jahre nach der finalen Tour doch noch mal zusammen?

Nein, ich glaube das nicht. Ich habe gelernt, dass ich niemals nie sagen sollte. Und natürlich wäre es irgendwo schön, noch mal mit Bill zu spielen. Aber, ich weiss nicht. Momentan sehe ich das nicht. Vielleicht belässt man es einfach dabei, anstatt auf Biegen und Brechen die Vergangenheit wieder aufleben lassen zu wollen. Es wird ja doch nie wieder so, wie es mal war. Und diese Farewell-Touren? Ist nur Geldmacherei.

Wird Ihre «No More Tours 2»-Tour definitiv die letzte sein?

Es wird meine letzte richtig lange Tournee sein. Aber einzelne Auftritte kann ich mir auch danach noch vorstellen.

Warum haben Sie eigentlich gerade jetzt, in einer US-TV-Sendung, öffentlich gemacht, dass Sie an Parkinson erkrankt sind?

Um diese Vorurteile abzubauen. Die Leute hören «Parkinson» und denken «Huh, bald ist er tot». Ich weiss seit einigen Jahren, dass ich diese Krankheit habe. Doch es ist eine milde Form.

Sind Sie erleichtert, dass das Geheimnis keins mehr ist?

Nicht mehr mit dieser Belastung herumzulaufen, das tut gut. Dass nun manche krakeelen «Oh, er stirbt, er stirbt, er ist so gut wie tot»? Mein Gott, sollen sie doch. Ich bin es gewohnt, totgesagt zu werden.

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