Rock
Mani Neumeier: Der Luis Trenker des Krautrock

Der 80-jährige Schlagzeuger hat in den 60er- und 70er-Jahren Musikgeschichte geschrieben. Mit seiner Band Guru Guru ist er immer noch unterwegs. Wir haben die lebende Legende in Zürich getroffen.

Stefan Künzli
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Mani Neumeier vor dem Matterhorn: «Ich habe mich immer als Schweizer und Alpenländer gefühlt.» Schlagzeuger, Antreiber, Pionier, Rebell und ewiger Hippie.

Mani Neumeier vor dem Matterhorn: «Ich habe mich immer als Schweizer und Alpenländer gefühlt.» Schlagzeuger, Antreiber, Pionier, Rebell und ewiger Hippie.

Bild: Frank Schindelbeck

Der Mann ist unglaublich. Volles, wallendes, weisses Haar, schlank, drahtig und braun gebrannt, sieht der 80-jährige Mani Neumeier aus wie Luis Trenker. 97-jährig ist der legendäre Bergsteiger geworden, und niemand würde sich wundern, wenn Neumeier ebenfalls dieses biblische Alter erreichen würde. Seit nun 53 Jahren ist der Schlagzeuger unterwegs als Aushängeschild der bedeutenden und dienstältesten Krautrock-Band Guru Guru. Letzte Woche in der Alten Kaserne in Zürich, wo er seine Band bis um Mitternacht antrieb. Der Mann ist unermüdlich.

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«Ich fühle mich hier in Zürich heimisch und habe mich immer als Schweizer und Alpenländer gefühlt», sagte er vor dem Konzert. Geboren als Sohn einer Schweizerin und eines Bayern in der Silvesternacht 1940 am Starnberger See, machte er bei seinem Onkel in Zürich eine Lehre als Spengler und Installateur. Das Schlagzeugspiel musste er sich richtig erkämpfen. Immerhin durfte er im Lehrlingsheim in Zürich jeweils bis um 10 Uhr üben und gründete darauf mit der Pianistin Irene Schweizer und dem Bassisten Uli Trepte ein Jazztrio. «Mein Onkel hoffte, dass ich sein Geschäft übernehmen würde», erzählt Neumeier, «aber das war nichts für mich. Nach zehn Jahren Plackerei habe ich das Weite gesucht. Wir alle drei vom Trio haben unsere Anstellungen gekündigt und auf die Karte Musik gesetzt. Es war die beste Entscheidung meines Lebens.»

Was ist Krautrock?

Unter dem Genrenamen «Krautrock» hat die eng­lische Poppresse ab 1970 die Rockmusik aus Deutschland eingeordnet. Der Begriff geht auf das Wort «Sauerkraut» und die abwertende Bezeichnung «Krauts» für deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurück. Krautrock war deshalb zunächst abschätzig gemeint und wies auf Deutschland als ein popkulturelles Entwicklungsland hin. Mani Neumeier ist der Begriff dagegen nicht unsympathisch. «Er kommt ja nicht vom Kraut, das man isst, sondern vom Kraut, das man raucht», sagt er.

Wichtigste Vertreter des Genres waren neben Guru Guru vor allem Can, Faust, Amon Düül II, Tangerine ­Dream und zunächst auch Kraftwerk. Krautrock kann auch als deutsche Variante des Progressiven Rock gesehen werden. Die stilistische Bandbreite war enorm. Gemeinsam war den Bands neben ihrer Herkunft eine experimentelle sowie eine sozialkritische Haltung. Auch die Zürcher Band Krokodil wurde immer wieder im Zusammenhang mit dem Genre genannt. Improvisation war wichtig. Die Band Can zum Beispiel griff auch immer wieder auf avantgardistische Kompositionstechniken zurück und hat mit Bands wie Tangerine Dream und Kraftwerk wichtige Beiträge zur Entwicklung der elektronischen Musik geleistet.David Bowie und Brian Eno (damals noch bei Roxy Music) gehörten zu den frühen Bewunderern des Genres. Kreative Bands wie Sonic Youth, Radiohead und sogar Red Hot Chili Peppers haben sich immer direkt auf Vertreter des Krautrock bezogen. Ohne Krautrock wären auch Techno sowie die kreative Variante der elektronischen Musik heute nicht denkbar. Krautrock ist längst zu einem Qualitätsbegriff geworden. (sk)

Er war der erste Free-Jazz-Schlagzeuger Europas

Das Trio spielte zunächst relativ konventionellen modernen Jazz. Neumeier durchbrach aber immer wieder und immer häufiger das metrische Grundgerüst und zog seine Mitmusiker in freiere Gefilde. Neumeier darf sich zurecht der erste Free-Jazz-Schlagzeuger Europas nennen. «Angetrieben hat uns die Erkenntnis, dass wir für uns und unsere Musik andere, neue und eigene Wege suchen mussten. Wir wollten uns von den amerikanischen Musikern emanzipieren. In diesem Prozess hat uns Irene beflügelt», sagt Neumeier.

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1968 wechselte er mit Trepte vom Jazz ins experimentelle Rockfach und gründete Guru Guru. Für Neumeier war der Bruch weniger musikalischer Art. «Der Bruch erfolgte mit der elektrischen Verstärkung», sagt Neumeier. Auch im Krautrock wurde improvisiert, war die Interaktion ein wesentliches Gestaltungsmittel, die traditionelle Songstruktur wurde aufgelöst, die ­Stücke konnten bis zu einer Stunde dauern, musikalisch war alles möglich, und man liess es laufen. Neue Musik, Jazz, Naturgeräusche, Sounds und Elemente aus aussereuropäischen Musikkulturen.

Der Glaubenskrieg entfachte sich vielmehr zwischen akustischer und elektrischer Musik. Jazz hatte gemäss der Auffassung von Traditionalisten akustisch zu sein. «Die Jazzfraktion witterte Verrat und nahm es uns übel, dass wir unsere Instrumente elektrisch verstärkten», sagt Neumeier. Guru Guru war eine der ersten Bands auf dem Kontinent mit einem Marshall-Verstärker. «Der Sound war so brachial und ohrenbetäubend, dass fast jedes Mal die Polizei kam, wenn wir spielten.»

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«Ich habe immer wieder gegen Windmühlen gekämpft», sagt der sanfte Rebell Neumeier. Der Bruch erfolgte aus einer Geisteshaltung heraus. Guru Guru bewegte sich mitten in der damaligen Protestbewegung der 68er. Musik, Hippiekleidung und langes Haar waren Ausdruck einer antibürgerlichen Haltung, die die traditionelle Gesellschaft auch äusserlich herausforderte. Auf dem Guru-Guru-Tourbus wehte zum Beispiel eine Fahne, eine Kombination aus amerikanischer und Schweizer Flagge mit dem Schriftzug LSD.

Und natürlich wurde mit Drogen experimentiert. «Wir haben sogar Konzerte und Platten auf LSD gemacht. Die Musik hätte sonst viel normaler geklungen», gibt Neumeier zu. Die Droge hatte durchaus auch eine musikalische Funktion. «Wir wollten uns von allen Vorgaben lösen. LSD hatte in den ersten Jahren dabei geholfen, den Kopf zu befreien», sagt Neumeier, «heute brauche ich das nicht mehr. Ich weiss, wie das geht.»

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«Wir wollten den immer noch vorhandenen Staub von Adolf mit unserer Musik wegblasen»

Neumeier will den Drogenkonsum nicht verharmlosen. Er kennt Leute, die danach mit geistigen Problemen zu kämpfen hatten. «Nur wenige, aber ich bin dem Universum dankbar, dass ich keine Schäden davongetragen habe und normal geblieben bin», sagt er. Heute trinkt er nur noch wenig Alkohol, kifft aber hin und wieder.

Guru Guru hat sich stets als politische Rockband verstanden. «Wir wollten den immer noch vorhandenen Staub von Adolf mit unserer Musik wegblasen», sagt Neumeier, «wir waren links. Was denn sonst? Aber auch naturverbunden und haben unseren Hippietraum verwirklicht.» In der Band-Kommune wurde ein Gesetz formuliert: Wer bei Guru Guru spielte, durfte keine anderen Jobs annehmen. «Dafür wurde alles geteilt, wir lebten sparsam und wie in einer Familie, in der Guru-Guru-Familie», sagt er.

Neumeier ist seinem Lebensentwurf und seinem Hippietraum treu geblieben. Liebe, Friede und Harmonie, Zusammenhalt und Rücksichtnahme stehen für ihn zuoberst. «Welcher normale Mensch würde sich da widersetzen?», fragt Neumeier.

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Gegen Ende der 70er-Jahre folgte der Niedergang des Progressiven Rock und von Krautrock. Eine Band nach der anderen hörte auf. «Niemand wollte noch etwas von uns hören», sagt Neumeier. Doch für Neumeier war Aufgeben keine Option. Musiker kamen und gingen, Neumeier blieb. «Ich habe einfach weitergemacht und habe mir im Lauf der Zeit meinen Platz erkämpft», sagt er. Der Mann ist unverwüstlich.

Thomas Wehler: Mani Neumeier und der Guru Guru Groove. Ein Portrait. Song Bücherei. Heupferd Musik Verlag, 2021.
Christoph Dallach: Future Sound. Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp, 2021.

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