Eines vorweg: Mit Kafkas «Prozess» hat das neuste Stück der TheaterFalle nichts zu tun. Statt eines Menschen steht bei der Basler Produktion eine Schlange vor Gericht. Jene nämlich, die Adam und Eva zum Biss in den Apfel verführt und so aus dem Paradies vertrieben haben soll.
Im Saal zwei des Strafgerichts windet sie sich vor der Klägerschaft: Sie, die Schlange, ist eigentlich ein Mann. Im Schlangenlederanzug und mit hellgrün leuchtenden Linsen in den Augen zischt sie unverständliche Worte. «Einspruch!», so die Staatsanwältin, «niemand versteht, was die Schlange hier eigentlich sagt!» Es ist der Beginn einer Reise zurück zu Adam und Eva. Es ist der Beginn einer Suche nach der Wahrheit.


Stadtsafari mit Soundtrack


So schräg die Geschichte, so magisch ist die Umsetzung des Stücks. Ein letztes Abenteuer, ein letztes sinnliches Erlebnis: Für ihre Abschlussproduktion hat Ruth Widmer zusammen mit Sarah Gärtner noch einmal aus dem Vollen geschöpft. Eineinhalb Jahre lang haben die Regisseurinnen mit den Verantwortlichen der zwei Halbkantone den Dialog gesucht und so erreicht, dass auch die speziellsten Orte bespielt werden konnten. Das Stück spielt an diversen Orten, die Zuschauer reisen vom Strafgericht durch die Altstadt bis zur Kraftwerkinsel nach Birsfelden.


Der Zauber beginnt nach einer halben Stunde. Dann ziehen Schauspieler und Publikum los, vorbei am Spalentor direkt in den Dschungel. Im Tropenhaus des Botanischen Gartens piept und zirpt es. Es ist heiss, drückend. Aus dem Dickicht dringen tiefe Tubaklänge, zwei, drei Personen stimmen ein.


Draussen im Garten nieselt es. Merkwürdige Märchenpflanzen und -kreaturen kriechen und rascheln hinter den Bäumen. Adam taucht auf, will vom Apfel essen. Eine Explosion, dann wieder ein Flüstern, feines Glockengeläut. «Null, das ist das Ziel der Zeit. Mensch, bedenk’ die Ewigkeit», singen zwei Damen am Akkordeon. Hinter den Wolken ein riesiger Regenbogen: Da ist es, das Paradies.


Doch schon nach zehn Minuten geht’s weiter an den Petersplatz. Mit Kopfhörern auf den Ohren begibt sich die eine Hälfte in Richtung Altstadt. Wer sich zu Beginn für die urbane Route entschieden hat, darf in den Theaterbus klettern. Zwei heruntergekommene Strassenmusikanten steigen zu: «Tschau zämme, mir sin d’ Paradise Lovers», stellen sie sich vor. Während der Fahrt singen sie über Adams vergangene Liebschaften, tanzen an der Busstange. Einen derart berauschenden Roadtrip hat hier wohl niemand erwartet, so wild und bizarr zugleich.


Immer wieder hält der Bus, die Gäste dürfen aussteigen und neue Gestalten beobachten. Es ist eine Stadtsafari mit ganz eigenem Soundtrack. So etwa im Wald hinter dem Zoll Otterbach, wo düstere Figuren in schwarzen Kutten zwischen den Bäumen herumstreifen. «Dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen», singen sie. Mendelssohn-Bartholdy trifft aufs Ausschaffungsgefängnis. Die politische Metapher können sich die Beteiligten nicht verkneifen: Die Vertreibung aus dem Paradies findet auch heute noch statt, hier beim Bässlergut, zwischen Deutschland und der Schweiz.


Dünne Story, starke Machart


Die letzte Busfahrt bringt die Reisenden ans Kleinbasler Rheinufer. Dort wartet bereits ein Schiff auf sie. Vorbei an Eva und der Schlange, die leidenschaftlich Tango tanzen, in das Innere des Schiffs. Hier feiern die Anwälte ihre Plädoyers, es gibt Drinks und Musik. Bald folge der Prozess, heisst es, schuldig oder nicht schuldig, das sei die Frage. Als das Schiff bei der Kraftwerkinsel anlegt, steigt die Spannung: Wer wird denn nun verurteilt? Eva oder die Schlange? Oder gar der Allmächtige?


Umso ernüchternder ist dann das Ende, als klar wird: Eine Antwort wird es nie geben. Zur Urteilsverkündung kommt es nicht. Es braucht gar keinen Showdown: Alles ist gut, denn «wo immer wir sind, da ist Eden.» Eine plötzliche Idylle, die irritiert. Und ein Ende, das den ganzen Plot des Abends in die Leere laufen lässt.


Eine «Hommage an alle Mitwirkenden» sei das Stück, wie die künstlerische Leiterin Ruth Widmer im Anschluss erklärt. Mehr als dreissig Jahre lang hat sie die TheaterFalle geleitet. Nun ist Schluss. Gut möglich, dass sie deswegen auf ein Happy End gesetzt hat. Nötig wäre das nicht gewesen: Selten gehen dreieinhalb Theaterstunden derart rasch vorbei. Mit ihrer zehnjährigen Stückreihe «Elysium» hat es die TheaterFalle geschafft, Theater unter die Leute zu bringen, nach draussen. Es sind diese spannende Machart und die Mischung aus Musik, Tanz und Schauspiel, die hängenbleiben. Ein Happy End hätte es sowieso gegeben.

«Der Prozess» Theaterfalle. Noch bis zum 9. September. Sämtliche Vorstellungen sind ausverkauft.