Rhiannon Giddens
Trost in der Vergangenheit: Wie eine junge Künstlerin in die Folkszene fand

Die amerikanische Sängerin Rhiannon Giddens hat Operngesang studiert, doch ihre Erfüllung fand sie im Folk.

Hanspeter Künzler
Drucken
Teilen
Die 44-jährige Rhiannon Giddens interpretiert traditionelle Folklieder.

Die 44-jährige Rhiannon Giddens interpretiert traditionelle Folklieder.

Bild: Ebru Yildiz

Eigentlich hätte die amerikanische Folk­sänge­rin Rhiannon Giddens in Los Angeles das Nachfolgewerk ihres viel gelobten Albums «There Is No Other» aufnehmen sollen. Doch nun sassen sie und ihr Partner, der italienische Multiinstrumentalist Francesco Turrisi, coronabedingt in Dublin fest. Dort waren die beiden vor mehreren Jahren unabhängig voneinander gestrandet. «Jetzt sassen wir vor dem Computer und spielten kleine Stream-Konzerte – und jedes Mal starben wir dabei ein bisschen mehr», berichtet Giddens, natürlich über Zoom.

Schliesslich seien die beiden zur Erkenntnis gelangt, dass sie etwas unternehmen mussten, sonst würden sie «durchdrehen»: «Wir überlegten uns, welche Lieder wir gern spielen möchten, und wir beide, Francesco und ich, dachten sogleich an Songs aus unserer so verschiedenen Vergangenheit in North Carolina respektive Italien, die uns Trost spendeten.»

Afroamerikanische Banjo­tradition wiederbelebt

Rhiannon Giddens wuchs in Greens­boro auf, einer Stadt in North Carolina, die sie als «interessant, vielseitig, eine Stadt ohne Extreme und Exzesse» beschreibt. Am Konservatorium studierte sie Oper, aber die Vorstellung einer Opernkarriere erfüllte sie nicht mit Freude: «Eine Million Sopran­sängerinnen waren besser als ich», sagt sie, «ich hätte wohl einen Bürojob gehabt und wäre von Probe zu Probe geschlichen.»

Irgendwie geriet sie in die lokale Folk­szene und in eine Band, die vorwiegend Folk­balla­den aus Schottland spielte. Das grosse Aha erlebte sie an einem Festival, welches die Kunst von afroamerikanischen Banjospielern zele­brierte. «Ich entdeckte, dass dieses In­strument in der afroamerikanischen Kultur eine Geschichte hatte, die aus den Büchern verschwunden war», sagt sie.

«Diese Geschichte aufzu­decken und zu vermitteln – damit hatte ich meine Mission gefunden.»

Zuerst mit den Carolina Chocolate Drops, dann solo und nun mit Francesco Turrisi verfolgt sie ihr Ziel seither mit viel Gusto und wunderbaren klingenden Resultaten.

Francesco Turrisi wiederum hat mit Hingabe die Perkussionstradition im Mittelmeerraum studiert und ist ein Meister der Bodhran, einer irischen Rahmentrommel. Die verschiedenen Einflüsse finden in den neuen Versionen von traditionellen Stücken wie «Black As Crow», «O Death» und «I Shall Not Be Moved» zusammen, ohne eine Sekunde lang gekünstelt zu wirken. Selbst das sattsam bekannte «Amazing Grace» wird in der Fassung von Giddens und Turrisi mit subtiler Perkussion und wortlos gesummter Melodie zu einem überraschenden, unvergesslichen Erlebnis.

Rhiannon Giddens feat. Francesco Turrisi: «They’re Calling Me Home» (Nonesuch). Erscheint am 9.4.

Aktuelle Nachrichten