Cannes

Quelle horreur, Godard! Sein neuer Film ist Kino-Tortur pur

Nur per Videochat in Cannes: Regisseur Jean-Luc Godard.

Nur per Videochat in Cannes: Regisseur Jean-Luc Godard.

Zu sperrig, zu abweisend, zu schwer erträglich: Der neue Film von Altmeister Jean-Luc Godard, «Le livre d’image», dauert anstrengende 84 Minuten.

Auf die kurze Reise vom Genfersee an die Côte d’Azur hat Jean-Luc Godard verzichtet. Stattdessen nahm der französisch-schweizerische Filmemacher per Videochat an der Pressekonferenz in Cannes teil. Verwundern sollte das niemanden, schliesslich hielt der heute 87-Jährige nie grosse Stücke auf irgendwelche Konventionen.

Mit dieser Einstellung hat Godard in den Sechzigern eine aufregende, einflussreiche neue Filmsprache erschaffen. Sein Spätwerk dagegen wird kaum eine neuerliche Kinorevolution auslösen. Zu sperrig, zu abweisend, zu schwer erträglich ist das, was Godard heute auf die Leinwand bringt.

Abrupt und schrill

Sein neuester Film beispielsweise, der soeben im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes Weltpremiere feierte. Er heisst «Le livre d’image» und ist genau das: ein Bilderbogen. Godard zeigt Aufnahmen von Zügen, von Landschaften, von Interaktionen, aber auch von Soldaten, von Gewalt, von Explosionen – ultrakurze Schnipsel jeweils, die er zu einer völlig unübersichtlichen Collage montiert. Die Übergänge dazwischen sind genau so abrupt und schrill wie die Tonspur, die mit der jeweiligen Szene nicht das Geringste zu tun hat.

Schreckliche Kakofonie

Immer wieder erklingt auch Godards Stimme, mal von links, mal von rechts, mal aus der Mitte, und spricht seine ewig gleichen Mantras über den Untergang des imperialistischen Europas und über das paradiesische Arabien. Wirklich haften bleibt angesichts dieses gewalttätigen Bildersturms und der schrecklichen Kakofonie fast nichts. Er möchte die Bilder vom Ton trennen, kommentierte Godard auf dem Handybildschirm in Cannes sein jüngstes filmisches Experiment. Die Kritikerveteranen und Hardcore-Cinephilen am Festival lieben ihn dafür, im Kritikerspiegel des Magazins «Screen Daily» liegt «Le livre d’image» mit der höchsten Durchschnittspunktzahl der bisherigen Wettbewerbsfilme vorne.

Alle anderen Zuschauern denken sich: Wenn auf dem Filmplakat nicht der Name Godard gestanden wäre, hätte man wohl einen Dilettanten am Werk vermutet. Einziger Trost: Während im diesjährigen Festivalprogramm auch ein achtstündiger Film läuft, wurde man von Godards Kino-Tortur bereits nach 84 Minuten wieder erlöst.

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