Protest
«Dust In The Wind» wird Burmas Revolutionssong

In Myanmar protestieren die Burmesen singend gegen das Militärregime. Das Lied stammt aus der Revolution von 1988 und die Melodie ist jene des Hits der US-Band Kansas.

Mirjam Bächtold
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Demonstranten in den Strassen von Yangon.

Demonstranten in den Strassen von Yangon.

Lynn Bo Bo / EPA

Jeden Abend um 20 Uhr hört man in Myanmar das gleiche Lied. Es ertönt aus den Lautsprechern in den Strassen von Yangon, Familien singen es in Hinterhöfen mit Gitarrenbegleitung oder Kerzen in den Händen. Die Melodie ist die gleiche wie jene von «Dust in the Wind», einem Hit der Band Kansas aus dem Jahr 1977. Und der Text dieses Songs würde auch zur aktuellen Situation in Myanmar passen: «Ich sehe meine Träume vor meinen Augen vorüberziehen. Alles was sie sind, ist Staub im Wind.» Mit dem Militärputsch vom 1. Februar ist für viele Burmesen die Hoffnung auf ihre Zukunftsträume erstickt worden. Doch sie singen in ihrem Lied nicht von Träumen, die vom Wind verweht werden, sondern von Revolution.

Für die Revolution 1988 geschrieben

Das Lied hat Naing Myanmar 1988 neben sechs anderen Revolutionsliedern geschrieben. Es sollte den Demonstranten der damaligen Proteste Mut machen. Der Titel «Kabar ma kyay bu» bedeutet so viel wie «Bis zum Ende der Welt». Bis dann wollen die Singenden kämpfen und nie aufgeben. «Die Geschichte dieses Landes wurde mit unserem Blut geschrieben. Die Menschen, die ihr Leben für die Demokratie geopfert haben, sind unsere Helden», ist eine Textstelle des Songs. Zwei dieser Helden werden im Lied namentlich erwähnt: Thakin Kodaw Hmaing und General Aung San (Aung San Suu Kyis Vater). Ersterer war ein berühmter burmesischer Poet und gilt als Vater der Friedensbewegung in Burma während des Bürgerkriegs, der nach der Unabhängigkeit 1948 ausbrach. Genaral Aung San führte das Land in die Unabhängigkeit von Grossbritannien. Das Lied ruft zum Kampf auf: «Liebe Brüder, das Blut, das vergossen wurde, ist noch nicht getrocknet. Lasst uns kämpfen wie die Helden von damals!» Es hat den Menschen 1988 Mut gegeben und das tut es auch jetzt wieder.

Die Geschichte ist voll von Liedern, die den Menschen Mut machen sollten. Das bekannteste Revolutionslied ist wohl die «Internationale», die 1871 in Frankreich entstand und von der sozialistischen Arbeiterbewegung gesungen wurde. Ein bekanntes Lied ist auch «Bella Ciao», das bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von italienischen Reispflückerinnen als Protestlied gegen harte Arbeitsbedingungen gesungen wurde und im Zweiten Weltkrieg von antifaschistischen Widerstandskämpfern.
Und nun ist «Kabar ma kyay bu» in Myanmar eine friedliche Art des Protests. Das Lied gibt den Leuten Hoffnung, auch wenn seine Klänge, von der Junta ignoriert, wie Staub im Wind verwehen.

Übersetzung auf Deutsch: Kabar ma kyay bu – Bis zum Ende der Welt

Wir geben nie auf, bis zum Ende der Welt.
Wir schrieben unsere Geschichte mit unserem Blut.
Revolution!

Die Menschen, die ihr Leben für die Demokratie verloren, sind unsere Helden.
In diesem Land leben Märtyrer.

Thakin Kodaw Hmaing,
dein Vermächtnis wurde befleckt.
General Aung San,
dieses Land hat Blut vergossen, lieber Vater.
Oh, wie konnten sie das tun?
So viele Leichen liegen auf der 100 Fuss langen Strasse.

Die Demokratie ist völlig zerstört.

Liebe Brüder,
das Blut, das auf der 100 Fuss langen Strasse floss, ist noch nicht getrocknet.
Lasst uns kämpfen wie unsere Helden, die ihr Leben für die Demokratie liessen.
Sie sind unsere Helden, die ihr Land lieben.

Wir geben nie auf, bis zum Ende der Welt.