Schweizer Theaterschaffen
Lob der Provinz: Warum die Theater abseits der urbanen Zentren mehr Diversität bieten

Für welches Publikum spielen die Theater? Diese Frage beantwortet der Leiter der Bühne Aarau mit dem Hinweis auf die Nähe der kleinstädtischen Bühnen zum Publikum.

Peter-Jakob Kelting
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Das Schweizer Theaterleben finden nicht nur im Schauspielhaus Zürich statt.

Das Schweizer Theaterleben finden nicht nur im Schauspielhaus Zürich statt.

Bild: Ennio Leanza / KEYSTONE

Im Wort «Provinz» schwingt eine Wertung mit, die eine qualitative Dimension hat. Laut Duden wird der Begriff, Zitat, «oft abwertend gebraucht». Die Ausgangslage ist klar: Dort die urbanen Zentren als Motor der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung, hier die Klein- und Mittelstädte oder ländlichen Räume, die zwar für touristische Tagestouren interessant sein mögen, denen letztlich aber etwas Rückständiges, im besten Falle Idyllisches anhaftet. Die Peripherie.

Peter-Jakob Kelting, künstlerischer Leiter Bühne Aarau.

Peter-Jakob Kelting, künstlerischer Leiter Bühne Aarau.

Bild: Alex Spichale

Diese Perspektive hat insbesondere im Bereich der Kultur handfeste Konsequenzen: Die öffentliche Aufmerksamkeit, und damit oft auch die materiellen Zuwendungen konzentrieren sich auf die sog. «Metropolen».

Dabei leben über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer in der Provinz. Es ist an der Zeit, den Blick am Beispiel der Theater einmal umzukehren. Bei diesem gar nicht provinziellen Blickwechsel kommt eine Frage ins Spiel, die gern einmal vergessen geht: Für wen spielen wir eigentlich? Wer ist unser Publikum?

In grossen Städten spezialisieren sich Theater für ein spezifisches Publikum

Das gesellschaftliche und damit auch das kulturelle Leben in den urbanen Zentren zeichnet sich naturgemäss dadurch aus, dass es hochgradig ausdifferenziert ist. Konkret auf die Theaterszene bezogen heisst das, dass eine Reihe von Häusern um öffentliche Aufmerksamkeit und das Publikum buhlen.

Logischerweise bemühen sich die einzelnen Mitbewerber um ein eigenes, möglichst unverwechselbares künstlerisches und programmatisches Profil, um auf dem umkämpften Markt der Resonanzökonomie bestehen zu können. Opern- und Schauspielhäuser stehen neben Häusern der freien Szene und Unterhaltungstheatern. Unterschiedliche Zuschauerbedürfnisse werden von spezialisierten Anbietern abgedeckt. Entsprechend wenden sie sich an ein spezialisiertes Publikum.

Theater in Klein- und Mittelstädten wie Aarau, Solothurn, Chur, Schaffhausen oder Zug (um nur einige zu nennen) haben eine grundsätzlich andere Funktion. Sie besetzen das kulturelle Zentrum einer Region. Sie nehmen den Auftrag wahr, die kulturelle Grundversorgung ihrer Region auf einem hohen qualitativen Niveau sicherzustellen. Und sie stiften die kulturelle Identität ihrer Gemeinwesen nicht für ein spezialisiertes Publikum, sondern für einen möglichst grossen Ausschnitt der regionalen Öffentlichkeit.

Der Spielplan ist dementsprechend gekennzeichnet durch die Vielfalt von Formen und Stoffen. Sie beheimaten konventionelle Theaterformen ebenso wie innovative Versuche, den Kanon der Darstellenden Künste über die tradierten Spielweisen hinaus zu erweitern. Klassisches Schauspiel findet darin ebenso seinen Platz wie die avantgardistische Tanzperformance. Zirkus und Comedy haben einen ebenso hohen Stellenwert wie ein freies Theaterprojekt zu einem aktuellen Thema.

Konzert im Mehrzwecksaal: Argovia Philharmonic, Alte Reithalle Aarau.

Konzert im Mehrzwecksaal: Argovia Philharmonic, Alte Reithalle Aarau.

Bild: Alex Spichale

Der «Gemischtwarenladen» im Kleinstadtheater ist näher an der Bevölkerung

Aus der Perspektive der «Metropolenkultur» werden Theater abseits der urbanen Zentren häufig als «Gemischtwarenladen» belächelt. Dabei ist der programmatische Pluralismus Ausdruck und Abbild der kulturellen und der gesellschaftlichen Diversität.

Natürlich finden sich auch in der Provinz die gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Bruchlinien und Krisenphänomene, die unser Leben in der kapitalistischen Spätmoderne bestimmen. Aber die Konflikte werden in der Überschaubarkeit der Kleinstädte, von denen hier die Rede ist, anders erfahren. Nämlich unmittelbarer.

Die Unmittelbarkeit von Erfahrungsmöglichkeiten hat Konsequenzen für das Theaterschaffen. Im «Resonanzraum Kleinstadt» liegen die Stoffe in Form konkreter Geschichten, die im Kleinen das beschreiben, was im Grossen passiert, buchstäblich auf der Strasse.

Diese Unmittelbarkeit der Erfahrung prägt aber auch die Erwartungen und die Bedürfnisse, die die regionalen Öffentlichkeiten an den Spielplan und die Aufführungen in «ihrem» Theater formulieren. Die permanente inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Zusammenhang ist dabei zentral für die künstlerische Arbeit, um einen lebendigen Austausch zwischen Kunst und Lebenswelten zu initiieren.