Literatur

Paul Nizon: «Ich schreibe, also bin ich»

Der Schriftsteller Paul Nizon: «Ich bin ein berühmter, aber erfolgloser Autor!»

Der Schriftsteller Paul Nizon: «Ich bin ein berühmter, aber erfolgloser Autor!»

Ein Besuch bei dem seit 1977 in Paris lebenden Schriftsteller Paul Nizon, der am Donnerstag neunzig Jahre alt wird.

Das Apartment in der Rue Campagne Premier in Montparnasse ist klein und dämmrig, und die beiden Fenster zum Hof lassen kaum Licht herein, so dass hier drin eigentlich den ganzen Lag die Lampen brennen müssten. Doch er zieht es vor, im Halbdunkel zu sitzen.

Das erste Mal begegnet bin ich Paul Nizon 1984, damals noch in der mondänen Rue St. Honoré, im 1. Pariser Arrondissement, wo er mit seiner dritten Frau Odile lebte. Eine grosse Frankfurter Zeitung hatte mich beauftragt, ihn zu interviewen. Und es war seinerzeit – jedenfalls von meiner Seite aus – Liebe auf den ersten Blick. Denn vernarrt in seine Bücher, stand da nun einer überlebensgross vor mir, der mit jeder Faser seiner Existenz das zu atmen und zu leben schien, was mir seine Bücher suggeriert hatten, nämlich die mir imponierende Existenz eines ganz und gar freien Schriftstellers ohne Netz oder doppelten Boden. Mehr noch: Hier erschrieb sich einer seiner Existenz buchstäblich tagtäglich neu. Klopfte das Leben und seine eigene Existenz immer neu mit Worten auf ungenutzte Erfahrungen und Einsichten ab.

«Schreibfanatismus ist mein Krückstock»

Als «Das Leben schreiben» hatte er dieses nur scheinbar vordergründig handlungslose Erzählen «ohne Fabel oder Faden», wie er es in seinem legendären Romanerstling von 1963, «Canto», nannte, später für sich bezeichnet. Dieses mit Sätzen nach dem Leben greifende Schreiben, dieses immerwährende, oft selbstquälerische Bebrüten und Befragen der eigenen Existenz. «Nur diese Schreibpassion in den Fingern. Schreiben. Worte formen, reihe, zeilen, diese Art von Schreibfanatismus ist mein Krückstock, ohne den ich glatt vertaumeln könnte. Weder lebens- noch Schreibthema, bloss matière, die ich schreibend befestigen muss, damit etwas stehe, worauf ich stehen kann.»

Zahllose Begegnung schlossen sich über die Jahre und Jahrzehnte an. Und auch diesmal ist alles fast wie immer. Trotzdem denke ich nun, da er unglaubliche neunzig Jahre alt wird, ein wenig beklommen: Wie oft werde ich wohl noch hier sitzen und ihn fragen können: «Was denkst Du dazu? Und wie siehst Du das und das?» Denn natürlich hatte der Amerikaner Paul Bowles recht, als vor einer halben Ewigkeit in seinem berühmten Roman «Der Himmel über der Wüste» schrieb: «Alles wiederholt sich nur eine gewisse Anzahl von Malen. Und der Tod ist immer unterwegs. Aber die Tatsache, dass man nicht weiss, wann er einem begegnet, scheint die Begrenzungen des Daseins aufzuheben.»

Er hat immer noch diese Seymour Cassel-Statur, das Gedrungene des Ex-Boxers. Wie er überhaupt lange wie eine Figur aus einem Cassavetes-Film wirkte in seiner betonten Extravagenz mit den Hüten, wallenden Mänteln und dem langen, inzwischen platinweissen Haar. Und in seinen Umrissen gleicht er immer noch dem Autor des «Canto», der 1963 mit seinem Buch zu einem Schlag ausholte, den er bis heute nie wirklich landen konnte. Nämlich jenen Lucky Punch, der den K.O. aller anderen besiegeln sollte. Damit ihm die Krone ganz alleine gehörte.

Der ist ihm nie gelungen, trotz aller Kämpfe, die er an der «Front der Worte», wie er das Schreiben nennt, führte. Und so sagt er heute mit einem Gran Resignation in der Stimme: «Ich bin ein berühmter, aber erfolgloser Autor!» Auf den ersten Blick scheinbar ein verquerer Widerspruch. Denn die Liste der Preise, die er für sein Werk erhielt, ist lang und imposant, darunter der «kleine Nobelpreis», der österreichische Staatspreis für Literatur. Und dass einer wie der Franzose Fréderic Beigbéder ihn für Nobelpreis-würdig hält, kommt auch nicht von ungefähr. Trotzdem hat er «die Wette», wie er das nennt, die er mit dem Leben und dem Schreiben hatte, in seinen Augen verloren. «Denn ich bin mir nicht sicher» sagt er hörbar zweiflerisch, «ob ich das Talent, das ich früh in mir spürte, wirklich ausgeschöpft habe?!»

Er versagt sich dem klassischen Erzählen

Tatsächlich bleiben seine Bücher – grossartige Sprachkunstwerke wie «Das Jahre der Liebe» (1981), «Im Bauch des Wals» (1989) oder zuletzt «Das Fell der Forelle» (2005) – wohl darum bis heute einem exquisiten Kreis vorbehalten. Eingeweihten, Nizon-ianern. Weil er sich dem sogenannten klassischen Erzählens bis heute konsequent versagt – sondern sich lieber seinen sprachschöpferischen Explorationen hingibt. «Ich schrieb schon früh aus dieser Verweigerungshaltung heraus», sagt er heute, «allem stringentem Narrativen gegenüber. Denn die Wirklichkeit ist, davon bin ich überzeugt, eine reine Bewusstseinsangelegenheit. Und keine durcherzählbare Geschichte».

Genau wie sein eigenes, von den Lebensstationen Bern, Zürich, Rom und Paris bestimmtes, und von zahllosen Abbrüchen gekennzeichnetes Leben keine ist und wurde. Denn immer neu stellte er alles infrage und erneuerte es, wenn er das Gefühl hatte, in seiner jeweils aktuellen Form zu erstarren. «Ich bin ein Formzertrümmerer» hat er einmal gesagt, in dem einstige Förderer wie Dürrenmatt oder Frisch früh den mit allen Möglichkeiten gesegneten Sprachschöpfer erkannten.

«Was habe ich mit dem Tod zu tun?»

Noch bis vor kurzem schrieb er an einem letzten Roman, der noch einmal die Summe seines Lebens und seiner Themen ziehen sollte – sein Titel: «Der Nagel im Kopf». Derzeit bereitet er einen weiteren Journalband vor, der die bereits vorliegenden abrunden soll. «Denn ich bin ein manischer Schreiber und Notierer» sagt er. «Ein nicht notierter Tag ist ein ungelebter Tag.» So lautet sein schreiberisches Credo denn noch immer cartesianisch leicht abgewandelt: «Ich schreibe, also bin ich.» Ob er Angst vor dem Tod habe? habe ich ihn einmal gefragt. Damals hat er die Frage zunächst milde weggelächelt, dann aber listig und in Anspielung auf Epikur geantwortet:

Ich habe sie ihm seither nie wieder gestellt.

Der ebenfalls seit Jahrzehnten in Paris lebende Peter Handke nannte den dreizehn Jahre Älteren in seinem Glückwunschschreiben zu dessen 75. Geburtstag seinerzeit launig «einen anmutigen russischen Bären, wendig gemacht durch ein halbes Leben in der für ihn so engen Schweiz». Und weiter hiess es darin: «Maximal-, ja Monumentalkraft auf kleinstem Raum, das ist die Kunst Paul Nizons. Ihn dafür feiern? Ja. Aber mehr noch ihn lesen und weiter- und weiterlesen. Ich jedenfalls!»

Nun feiert Paul Nizon also seinen neunzigsten Geburtstag. Und nichts deutet aktuell daraufhin, dass es sein letzter sein könnte. Warum auch? Also wird er weiter fahnden nach dem Leben, es weiter durchexerzieren, dieses Auf-den-Grund-der-Existenz-Tauchen. In Form einer Sprache, wie nur er sie schreibt: «Der Zauberer aus Paris», wie «Le Monde» ihn einst zurecht nannte! Da ist er sicher. Und er lacht.

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