Oper
Eine Wiederaufnahme macht am Opernhaus Zürich den Corona-Tiefpunkt vergessen

Donizettis «Lucia di Lammermoor» ist elf Monate nach der Premiere am Opernhaus Zürich nicht mehr wiederzuerkennen. Zum Glück.

Christian Berzins
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2021 stürzte sich noch Irina Lungu ins blutige Regie-Abenteuer von Tatjana Gürbaca.

2021 stürzte sich noch Irina Lungu ins blutige Regie-Abenteuer von Tatjana Gürbaca.

Herwig Prammer

«Buh-Rufe zum Zürcher Opernsaisonfinale» titelten wir vor elf Monaten nach der Premiere von Donizettis «Lucia di Lammermoor».

Wir erinnern uns: Die Coronawellen kamen und gingen, die Theater öffneten und schlossen. Manche spielten gar nicht, andere streamten jede noch so kleine Darbietung. Das Zürcher Opernhaus meinte, mit dem in den Proberaum ausgelagerten Orchester, Corona ein Schnippchen schlagen zu können.

Gerademal 100 Leute liess man im Juni 2021 in den Saal, alle hatten 230 Franken zu bezahlen, obwohl das Orchester nur via Lautsprecher hörbar war. Eine Koordination zwischen Bühne und Dirigent war schwierig, der Orchesterklang ein Graus. Die Titelheldin blieb blass, der weltberühmte Tenor bot eine Stimmen-Show und stand neben den Schuhen beziehungsweise der Inszenierung. Der Rest war nicht der Rede wert, die Ernüchterung gross, die Stimmung auf Null.

«Lucia di Lammermoor» ist nicht «schön», aber packend inszeniert.

«Lucia di Lammermoor» ist nicht «schön», aber packend inszeniert.

Herwig Prammer

Glücklicherweise scheint diese Zeit Jahre her. Und erfreulicherweise erhielt diese «Lucia di Lammermoor» dank einer Wiederaufnahme eine zweite Chance. Am Sonntag war zu sehen, wie sich die Ansätze von damals zu einem grossen Opernabend zusammenfügten.

Dank Volksvorstellung kosteten die teuersten Karten 75 Franken, die Stimmung war blendend, die Sitten locker, der Intendant gab im Polo-Shirt den Dresscode vor.

Nun sang und singt tatsächlich wie einst angekündigt die an den Weltbühnen bejubelte Lisette Oropesa: Zürcher Ohren, die immer noch von Edita Gruberovas Belcanto-Kunst träumen, werden auch mit ihr nicht warm. Doch, liebe Leute, die Gruberova ist tot, die Oper aber muss leben!

Und so hören jene, die sich auf eine fordernde, angriffige Lucia einstellen können, ein Opernfest und eine überragende Sängerin, die jedem Ton Spannung und Schönheit schenken kann. Genauso grossartig ist Tenor Benjamin Bernheim als Edgardo: Kein jammernder Held, aber ein zutiefst melancholischer, dessen Töne warme Tränen aus der Seele tragen.

Stände die Dirigentin vom letzten Jahr anstatt Andrea Sanguineti im Graben, würden wir noch mehr jubeln, zumal die beiden Hauptdarsteller Tatjana Gürbacas düstere Regie wahrhaft ausleben.

Die Regisseurin zeigt mit aller Brutalität, wie die Liebe Lucias und Edgardos vom machtgierigen Enrico und seiner Männerhorde zerstört wird. Das Finale wird zum Trümmerhaufen der Moral, ja des Lebens. Enrico endet am Galgen, Lucia im Wahn und Edgardo ersticht sich.

Zugegeben, die Bühne ist ein Graus für Ästhetiker, aber die tragische Geschichte ist darin packend und musikalisch erzählt: Da herrscht immer Spannung, bebende Emotion und dunkle Schauer. Und zum Schluss hallte «Bravo!» und «Brava!» von den Rängen.

Opernhaus Zürich, bis 12. Juni

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