Literatur

Neuer Roman von Anna Hope: Drei spannende Frauen verraten ihr Innenleben

Anna Hope: Was wir sind Roman Aus dem Englischen von Eva Bonné, Carl Hanser Verlag München 364 Seiten

Anna Hope: Was wir sind Roman Aus dem Englischen von Eva Bonné, Carl Hanser Verlag München 364 Seiten

Mit ihrem zweiten Roman «Was wir sind» ist der Britin Anna Hope ein Meisterwerk psychologischen Erzählens geglückt.

Wir schreiben das Jahr 2010 – und die drei Freundinnen Cate, Hannah und Lissa, allesamt Mitte dreissig, stehen an Wendepunkten ihres Lebens. Die Träume, die sie einst antrieben, haben sich nicht wirklich erfüllt. Und so versuchen sie, sich mehr oder weniger erfolgreich in der Mittelmässigkeit ihres Lebens einzurichten: Die von einem alles überstrahlenden Kinderwunsch bewegte Hannah begibt sich erfolglos und zum Unmut ihres davon längst bloss noch genervten Mannes Nathan immer neu in die unwägbaren Kreisläufe künstlicher Befruchtungsversuche.

Cate, die desillusioniert vom Londoner Mietwahnsinn gemeinsam mit ihrem Mann, dem Koch Sam, und ihrem kleinen Sohn Tom nach Canterbury gezogen ist, hat das Gefühl, in der Provinz langsam zu versauern – und darüber den Bezug zu sich selbst zu verlieren. Und Lissa, die charismatische, einst vom Traum von einer grossen Schauspielerinnenkarriere beseelte Tochter einer Malerin jobbt inzwischen in einem Callcenter – und demonstriert ihr unbestreitbares Talent auf unbedeutenden Kellertheater-Bühnen.

Die drei Frauen verraten ihre Träume für neue, kurze Räusche

Ein an sich vielerprobtes erzählerisches Setting, aus dem die 1974 in Manchester geborene Anna Hope einen Generationenroman entwickelt hat, der zweifellos zum Besten und erzählerisch Mitreissendsten zählt, was zuletzt aus dem Königreich zu uns herübergekommen ist. Denn Hope, die bereits 2015 mit «Fünf Tage im November» einen Drei-Frauen-Roman über das Ende des Ersten Weltkriegs und die damit verbundenen Hoffnungen ihrer Protagonistinnen vorgelegt hatte, lenkt ihre feinen, wunderbar geschmeidigen Sätze wie Sonden in die Seelen ihrer Figuren. Was sie dabei zutage fördert, sind tief sitzende Verwerfungen und vom Schmerz latenter Enttäuschung pochende Herzen. Sie halten bloss aus, statt gegen ihr Unglück mobil zu machen. Stellvertretend dafür heisst es über Lissa einmal:

Und so kommt es, wie es kommen muss – weil ihre Schöpferin es so will: Die drei Frauen werden nach und nach zu Abweichlerinnen ihrer selbst, verraten ihre alten Ideale für neue kurze Räusche – und stehen am Ende doch mit leeren Händen da. Lissa, die zu einer grösseren Produktion eingeladen wird und darin brilliert, verstrickt sich in eine kurze sinnlose Affäre mit Hannahs Mann Nathan. Cate offenbart ihrem Mann Sam am Ende einer Abendgesellschaft, wie frustriert sie von ihm und allem ist – und droht damit, ihre Kleinfamilie zu sprengen. Und Hannah, die hinter die Affäre ihres Mannes mit Lissa kommt, begräbt ihre Kinderträume mit dessen Auszug – und sucht während einer Urlaubsreise eine Zeitlang das Vergessen in einer One-Night-Affäre. Trotzdem zehrt die Einsamkeit sie langsam auf.

«Für sich alleine zu kochen macht ihr keine Freude. Sie wird immer dünner. Sie merkt es, aber es ist ihr egal. Sie hat keinen Grund mehr, auf sich zu achten, da ist keine Zukunft, die es abzusichern gäbe und keine Grenzen, die sie beachten muss.» Dass sie am Ende doch noch und ganz ohne künstliche Hilfe schwanger wird, ausgerechnet von ihrem Mann Nathan, mit dem sie ein letztes Mal schläft, ist nur eine der furiosen Schlusspointen in Anna Hopes fantastischem Roman. So bleiben ihre Figuren am Schluss, was sie sind: wenn auch geläuterte Gefangene ihrer selbst, die sich beim Weitermachen zusehen.

Die Art, wie es diese Schriftstellerin dabei vermag, die scharf ausgeleuchteten Innenwelten ihrer Figuren zu Schauplätzen hoch spannender zeit-diagnostischer Prozesse zu machen, ist stark. Darin erinnert sie etwa an ihre britische Kollegin Rachel Cusk oder an die Amerikanerin Sylvia Plath.

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