Nachruf
Einst auf dem Thron, dann im Elend: Stardirigent James Levine ist tot

Der amerikanische Dirigent James Levine trug die Klassikwelt der 1970er-Jahre, die mit Millionen jonglierte, ins 21. Jahrhundert. Jetzt ist er tot.

Christian Berzins
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James Levine mit dem Boston Symphony Orchestra am 26.08.2007 im KKL anlässlich des Lucerne Festival.

James Levine mit dem Boston Symphony Orchestra am 26.08.2007 im KKL anlässlich des Lucerne Festival.

Priska Ketterer / LF

Wer in den 1980er-Jahren in die Klassikwelt hineinwuchs, dem begegnete Dirigent James Levine (*1943) auf Schritt und Tritt. Sein Wuschelkopf und der über die Schultern geworfene rote Pullover waren in Salzburg 1979 so bekannt wie die Sonnenbrille Karajans. Als ich damals meine erste «Zauberflöte» sah, schmunzelte ich in kindlicher Freude darüber.

«Ein Amerikaner, der in Salzburg Mozart dirigiert?», fragten andere empört. Doch Dirigent Herbert von Karajan vertraute Levine. Und als am 30. Juli 1989 um 12.15 Uhr, 14 Tage nach Karajans Tod, zur Gedenkstunde geladen wurde, gaben sich Seiji Ozawa, Georg Solti und James Levine den Taktstock nacheinander in die Hand, ehe die Wiener Philharmoniker, begleitet vom Schluchzen Eliette von Karajans, Mozart spielten. Die drei Thronfolger hatten sich vorher in Stellung um die Karajan-Nachfolge gebracht, Levine mit Ausschnitten aus dem Requiem von Brahms – unter anderem mit «Selig sind die Toten».

Selig sind die Toten?

James Levine gehörte zu jenen Dirigenten, die sowohl in Wien und Berlin dirigierten und in Salzburg und Bayreuth bejubelt wurden. 1999 wurde er Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Wegen gesundheitlicher Probleme zog er sich in die USA zurück, wurde Chef des Boston Symphony, eines der US-Top-5-Orchester.

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Längst war er der Herrscher der Metropolitan Opera in New York, ein Superstar, der auch die «Drei Tenöre» – die Herren Pavarotti, Domingo, Carreras – für 500 000 Dollar Abendgage begleitete. Levine war in der alten Klassikwelt, wo man mit Millionen jonglierte, aufgewachsen. Allein mit seinen über 200 Aufnahmen verdiente er ein Vermögen, Grammys und Ehrungen kürten seinen Weg.

Spätes Debüt in Luzern, Triumph beim Abschied

Auch in der Schweiz wurde Levine eine wichtige Figur, war er doch beim Verbier Festival zwischen 1999 und 2006 erst Music Director, dann Conductor Laureate. Beim Lucerne Festival bzw. den IMF debütierte er am 31. August 1989, kam später mit dem Met-Orchester, schliesslich feierte er mit seinen Bostonern Triumphe.

Selig sind die Toten?

James Levine begleitete oft Sängerinnen am Klavier, sei es Christa Ludwig 1988 in Salzburg oder 1997 Cecilia Bartoli auf CD. Er konnte nicht nur Diven, sondern ganze Orchester singen lassen: Wie er Wagners Klangwogen dämpfte und doch glühende Dramatik erzeugte, war unglaublich; wie er mit Leichtigkeit Mozarts Dramen erzählte, tief beeindruckend.

Selig sind die Toten?

Um James Levine kursierten schon früh Gerüchte. Er sei pädophil, hiess es. Die Gerüchte wurden 2016 zu Anklagen. 2018 schmiss ihn die Met raus. Levine wehrte sich noch, reichte Klage wegen Vertragsbruchs und Rufschädigung ein. Sie sollten ihm Millionen zahlen und den Ruf wiederherstellen. Es gelang nicht mehr. Nur Alexander Pereira, ehemaliger Operndirektor Zürich, probierte es, lud Levine nach Florenz ein. Am 17. Januar 2021 sollte er das Requiem von Brahms dirigieren. «Das Konzert wird verschoben, und das Theater wird in Kürze über den neuen Termin informieren», heisst es auf der Website. Wird es nicht, Levine ist am 9. März gestorben.

Selig sind die Toten.