Musikszene
Vor 50 Jahren starb Doors-Sänger Jim Morrison – die Drogenkultur hat auch in der Schweizer Rockmusik Spuren hinterlassen

Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und dann Jim Morrison - zwischen 1969 und 1971 starben gleich vier Ikonen des Rock. Drogen und psychedelische Rockmusik gehörten in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auch in der Schweizer Musikszene zusammen.

Stefan Künzli
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Rockmusiker Jim Morrison starb mit 27 Jahren.

Rockmusiker Jim Morrison starb mit 27 Jahren.

Heilemann / CAMERA PRESS

Am 3. Juli 1971 wurde der 27-jährige Jim Morrison tot in der Badewanne eines Pariser Hotels gefunden. Herzinfarkt ist die offizielle Version. Die genauen Umstände sind jedoch bis heute nicht ganz klar. Klar ist aber, dass der Rock’n’Roll-Lifestyle, Alkohol und Drogen, ein weiteres Opfer gefunden hatte.

Innerhalb von zwei Jahren starben vier Ikonen der Pop- und Rockkultur im Alter von 27 Jahren. Zuerst Stones-Gitarrist Brian Jones, der in seinem Swimmingpool ertrank. Gitarrengott Jimi Hendrix erstickte an seinem Erbrochenen, Janis Joplin starb im selben Jahr an einer Überdosis Heroin, und zuletzt folgte der Doors-Sänger.

Janis Joplin und Jimi Hendrix

Heute ist man sich der selbstzerstörerischen Kraft von Drogen bewusst. Doch damals waren halluzinogene Drogen das Zauberwort einer Generation. Mit Meskalin, LSD und Haschisch, aber auch mit Alkohol wurde der Rausch zum Programm gegen die Prüderie der verstockten Elterngeneration. Vor allem Jim Morrison rief mit seinen Texten und seinem Lebensstil zum Sturm auf das Spiessbürgertum. Gesucht wurden neue Lebensformen, neue Leitbilder. Als «Politiker der Erotik» (Morrison über Morrison) wollte er die Türen (deshalb der Bandname «Doors») zur Freiheit, zum Unbewussten, zum Unbekannten und Unheimlichen aufstossen. Da kamen die halluzinogenen Drogen gerade recht.

Aldous Huxley war Vorbild für bewusstseinserweiternde Drogenerfahrung

Als ein Leitbild diente Morrison der Essay «The Doors Of Perception» von Aldous Huxley, in welchem der britische Schriftsteller schon 1954 seine Eindrücke nach der Einnahme von Meskalin schilderte. Er beschreibt darin, wie sich die Pforten der sinnlichen Wahrnehmung öffneten und wie berauschende Substanzen Kunst und Gesellschaft verändern könnten. Huxley lieferte den Unterbau für Jim Morrison und eine Generation, die nach neuen Ausdrucksformen, neuem Bewusstsein, nach Intensität, Exzess und Ekstase strebte und auch in der Musik zu neuen Ufern aufbrechen sollte.

Diese halluzinogene Heilslehre fand auch in der Schweiz ihren Niederschlag. Schliesslich hat der Schweizer Albert Hoffmann LSD erfunden. So pries das Winterthurer Label Phonag das Début «Cottonwoodhill» der Psychedelic-Band Brainticket des in Basel lebenden Musikers Joël Vandroogenbroeck als erste LSD-Platte an. «After listening to this record, your friends may not know you anymore» («nachdem du diese Platte gehört hast, werden dich deine Freunde nicht mehr erkennen»), heisst es im Innern der Plattenhülle von «Cottonwoodhill». «Only listen to this once a day. Your brain might be destroyed» («Hör dir das nur einmal am Tag an. Dein Gehirn könnte zerstört werden»!).

Heavenly And Heavy: Mixed Swiss Rock Candies (Bern, 1974) Toller Sampler mit Grünspan (später Span), Island, Ertlif u.a. Schmuckstück.
7 Bilder
Krokodil: Krokodil (Zürich, 1969) Das Début von Krokodil, der ersten international erfolgreichen Rockband der Schweiz.
Brainticket: Cottonwood (Basel, 1971) Das Album wurde als LSD-Album vermarktet und verkaufte sich millionenfach. Ein Kultalbum.
Drum Circus: Magic Theatre (Bern, 1971) Abgefahrenes Werk. Das Werk mit Peter Giger und Polo Hofer wurde auf einem LSD-Trip kreiert.
Krokodil: An Invisible World Reveales (Zürich, 1971) Begehrtes Sammlerobjekt. 2020 neu aufgenommen. Bühnen-Comeback der Band im Herbst.
Deaf: Alpha (St.Gallen, 1972) Die Psychedelic-Band hat teilweise unter dem Einfluss von halluzinogenen Drogen musiziert.
Seven Up (Bern, 1973) Drogenpapst Timothy Leary vertonte in Bern die sieben Bewusstseinsstufen. Ein Dokument.

Heavenly And Heavy: Mixed Swiss Rock Candies (Bern, 1974) Toller Sampler mit Grünspan (später Span), Island, Ertlif u.a. Schmuckstück.

Drogen waren für Musiker um 1970 herum frei verfügbar

Die abenteuerliche Mischung aus überbordenden Keyboardwellen, wabernden elektronischen Effekten, Soul-Jazz-Grooves und aggressiven, repetitiven Rhythmusmustern musste in jenen Jahren wie ein musikalischer Trip eingefahren sein. Doch der 2019 verstorbene Vandroogenbroeck beteuerte später, dass seine Musik nichts mit LSD zu tun habe. Es habe sich vielmehr um einen Marketingtrick des Labels gehandelt – mit zweischneidigem Erfolg. Die Warnungen dienten in Hippiekreisen rund um den Globus zwar als Kaufanreiz, «Cottonwoodhill» wurde millionenfach verkauft. Drogen waren vor allem auch beim Publikum, also beim Musikhören, angesagt. Umgekehrt stiessen die Schweizer Behörden eine Drogen- und Suchtwarnung aus. In den USA wurde «Brainticket» sogar von Radiostationen zensuriert.

Unter Drogen das Zeitgefühl auf der Bühne verloren

Doch wie Schlagzeuger Düde Dürst (Krokodil, Les Sauterelles) bestätigt, haben Drogen damals «einfach dazugehört». «Sie waren ein Teil der Kultur», sagt er. Die Verfügbarkeit war riesig, und kaum jemand hat nicht mitgemacht. «Die Dealer sind auf dich als Musiker zugekommen», erzählt er. «Drogen waren in dieser Szene, im Restaurant Hirschen in Zürich, frei verfügbar. Es war krass. Vor allem Gras, Amphetamine, später dann Meskalin und LSD. Alkohol mochte ich damals noch gar nicht», sagt Bassist Werner Fröhlich (Brainticket, Toad), «ich habe in meinem ganzen Leben nie auch nur einen Franken dafür ausgegeben.»

Halluzinogene Drogen wurden von Musikern auch bewusst als Stimulanz und Kreativitätsspender eingesetzt. Etwa in der St.Galler Psychedelic-Band Deaf mit Jack Conrad, Jelly Pastorini und später Marc Storace. Jack Conrad erzählt:

«Unter dem Einfluss verschiedenster Drogen haben wir auf der Bühne das Zeitgefühl verloren, weshalb die Gigs oft stundenlang dauerten»

Anfang der 1970er-Jahre erreichten bewusstseinserweiternde Substanzen auch die Stadt Bern. Dort wohnte Polo Hofer mit Schlagzeuger Peter Giger in der legendären Kommune an der Effingerstrasse. Giger gründete die Band Drum Circus mit Hofer, Vandroogenbroeck, Carole Muriel und den Jazzmusikern Alex Bally, Isla Eckinger und Gerd Dudek, die im Gegensatz zu Brainticket explizit mit LSD experimentierte. Auf dem Album «Magic Theatre» von 1971 rezitierten Hofer und Muriel Texte aus dem «Tibetanischen Totenbuch» und von Drogenpapst Timothy Leary.

Polo Hofer hat das neue Lebensgefühl vermittelt

Gleichzeitig wurde im Berner Oberland die Band Rumpelstilz mit Polo Hofer gegründet, die in ausgedehnten Jamsessions ebenfalls mit Drogen experimentierte. Sergius Golowin, der Schweizer Autor und Mythenforscher, wurde zu einer Art Guru der Band und gab Tipps für den Trip. Am ersten Konzert der Band im Oktober 1971 im Kellertheater Thun begleitete die Band ihren Mentor und unterstützte ihn in seinem Wahlkampf für den Berner Grossen Rat. Das Konzert wurde der «Psychedelischen Philosophie» gewidmet. Auf den Verstärkern standen Kerzen, Golowin las aus der buddhistischen Schrift, dem «Tibetanischen Totenbuch» sowie aus «Politik der Ekstase» von LSD-Guru Timothy Leary. Dazu spielte Rumpelstilz vor allem Instrumentals mit endlosen Soli.

Polo Hofer kreierte Slogans wie «Music For Stoned People» oder «Rumpelstilz fährt ein» und das Kiffen wurde zu einer Art Band-Ideologie. Der Sänger definierte das Kiffen als eine Form der Rebellion, als eine andere Art, das Staatssystem aufzuweichen. «Mir war klar, dass ich das Talent habe, dieses neue Lebensgefühl zu vermitteln und ihm ein Image zu geben», sagte Polo in «50 Jahre Berner Rock».

Chris von Rohr sagt: Die Musik ist unsere Droge, das genügt

Im Jahr darauf kam Drogenpapst Timothy Leary höchstpersönlich nach Bern, um die sieben Bewusstseinsstufen mit Rumpelstilz zu vertonen. Doch die Band war dem LSD-Guru zu poetisch. Die Platte «Seven Up» wurde im Berner Sinusstudio deshalb mit der Musikerkommune der Berliner Gruppe Ash Ra Tempel aufgenommen.

Die Drogenkultur hat also auch in der Schweizer Rockszene Spuren hinterlassen. Aber gemäss Dürst konsumierten Schweizer Musiker kaum harte Drogen. Und Düde Dürst sagt auch:

«Die Todesfälle von Hendrix & Co. hatten eine abschreckende Wirkung»

Krokus-Gitarrist Tommy Kiefer war einer der wenigen, der dem weissen Gift verfiel. Und doch machten sich auch hier in Bands wie Krokodil die negativen, die selbstzerstörerischen Folgen der damaligen Drogenkultur bemerkbar. «Drogen waren der Killer», sagt Dürst. Für die Musik habe es «manchmal durchaus gestimmt», aber auf das Bandleben hatte es katastrophale Auswirkungen.

Ähnliche Erfahrungen machte auch Chris von Rohr bei Krokus: «Wir haben selbst nur wenig ausgelassen, aber schon bald gemerkt, dass Drogen vor allem schwächen. Erst recht in einer Musik, die so physisch ist wie unsere. Es ist wie im Fussball. Wenn du es 90 Minuten mit Verlängerung bringen willst, musst du fit sein.» Und Chris von Rohr hält dezidiert fest:

«Die Musik ist unsere Droge, das genügt. Wir brauchen keine Droge zur Droge.»

Das erste Krokus-Album mit dem Cover von Polo Hofer.

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