Musikfestival
Laudatio auf den Boswiler Sommer

Der Boswiler Sommer und das Künstlerhaus Boswil sind mit dem Europäischen Kulturpreis ausgezeichnet worden. In der Laudatio zur Verleihung versucht Christine Egerszegi-Obrist, das Magische des Musikfestivals, dieser Weltkunst auf dem Lande, in Worte zu fassen.

Christine Egerszegi-Obrist
Christine Egerszegi-Obrist
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Der Boswiler Sommer ist von Intendant Andreas Fleck und seinen Chaarts.

Der Boswiler Sommer ist von Intendant Andreas Fleck und seinen Chaarts.

Alex Spichale

Es ist ein Leuchtturm in der Kulturlandschaft unseres Kantons und zieht jährlich eine grosse Anzahl musikbegeisterter Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus an. Bis zu diesem Erfolg brauchte es unermüdliche Arbeit vom Gründer und Intendanten Andreas Fleck, grossen Einsatz vom ganzen Mitarbeiterteam, steten Kampf der Verantwortlichen für die notwendigen Finanzierungen zum Erhalt und zur Renovation der historischen Gebäudegruppe und viel Wohlwollen eines wertvollen Netzes von Unterstützern. Deshalb ist unsere Freude gross, dass der Initiant und Leiter, Andreas Fleck, heute für den Boswiler Sommer und das Künstlerhaus Boswil diese Ehre mit der Verleihung des Europäischen Kulturpreises erfahren darf.

Der besondere Geist des Boswiler Sommers lässt sich trefflich mit folgender Anekdote illustrieren: Martha Argerich reiste am Nachmittag für eine Matinee am folgenden Tag an. Geplant war Dvořáks Klavierquintett mit dem Casal-Quartett. Die Künstlerin schaute sich die Alte Kirche an und entschied: Hier spielen wir lieber ein Schumann-Quintett. Noten wurden organisiert, Stühle aufgestellt, Schumann eingeübt, andere Musiker sassen darum herum und verfolgten die Entstehung des neuen Programms. Gegen 3 Uhr morgens wurde die Qualität erreicht, die alle zufriedenstellte.

Christine Egerszegi-Obrist, alt Nationalratspräsidentin, Präsidentin des Beirates.

Christine Egerszegi-Obrist, alt Nationalratspräsidentin, Präsidentin des Beirates.

Iris Krebs

Das ist dieser lebendige Boswiler Geist: Es ist ein Musikfest, das Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlicher Alter und Renommees zusammenbringt. Sie finden sich am Ort der Musik auf derselben künstlerischen und menschlichen Ebene. Während des Festivals wohnen die meisten Musiker im Künstlerhaus. Sie werden dort verpflegt, üben, spielen, lachen und diskutieren miteinander. Nach den Konzerten wird der Teamgeist im Garten beim Grillieren am offenen Feuer genährt, und diejenigen, die gerade ein Konzert spielten, werden gefeiert. Es ist diese sommerlich leichte Atmosphäre, die den unentbehrlichen Rahmen gibt, um Grosses und Grossartiges entstehen zu lassen.

Das Programm wird jedes Jahr hervorragend geplant, sorgfältig gestaltet, aber es bleibt immer Platz für Spontanes. Das lebendige Musizieren ist wie das Fangen von Schmetterlingen: Inspirationen aufnehmen und sich immer wieder einlassen auf neue Ideen. Statt Dvořák eben Schumann.

Sich treu bleiben in der Ernsthaftigkeit des Musizierens, aber mit dieser Offenheit gegenüber Neuem, ist ausgeprägt spürbar im Programm des Boswiler Sommers. Neben dem klassischen Kern gibt es immer auch neue Formate, kunstübergreifende Projekte, spektakuläre Erstaufführungen oder alte Klassik neu betrachtet. Zum Beispiel: Am vergangenen Boswiler Sommer wurde die 1. Sinfonie von Beethoven mit nur zehn einzigartigen Musikern gespielt: ein faszinierend neuer Blick auf ein vertrautes Stück.

Das Festival wird geprägt vom eigenen Ensemble, den Chaarts (Chamber Artists), das Andreas Fleck konzipiert und realisiert hat. Es sind hervorragende Kammermusiker, jeder ist solistisch einsetzbar, und gleichzeitig leben sie das gemeinsame Musizieren mit ansteckender Begeisterung. Fällt ein Musiker aus, kann ein anderer seinen Part übernehmen. Bei den Chaarts gibt es nicht den Konzertmeister, es gibt verschiedene Spieler, die diese Rolle jederzeit übernehmen können. Seit einiger Zeit werden sie bei grösseren Formationen vom renommierten Dirigenten Gabor Takacs geleitet. Mit dieser Neuverpflichtung hat das Ensemble noch an Kultur und Strahlkraft gewonnen.

Andreas Fleck ist seit 20 Jahren erfolgreicher Intendant des Boswiler Sommers. Er stammt aus einer Augsburger Musikerfamilie, ist selbst Cellist, lebt seit 25 Jahren in der Schweiz und gründete das Casal-Quartett. Mit diesem konzertierte er viel im In- und Ausland, erhielt viele Auszeichnungen – unter anderem den deutschen Musikpreis und drei Echo-Klassik-Ehrungen. In dieser Zeit hat er sich ein Netz von wertvollen persönlichen Kontakten in der weltweiten Musikszene aufgebaut.

So gelingt es immer, auch grosse Namen nach Boswil zu holen. Es kommen Andras Schiff, Micha Maysky, Regula Mühlemann, Ian Bostridge und viele andere immer wieder gerne zurück in die Barockkirche mit der einmaligen Akustik und dem wunderbaren Blick zu den Schweizer Alpen. Der Boswiler Sommer ist aber auch eine Art Entdeckerfestival. Viele der heute grossen Namen hatten in Boswil ihre ersten Auftritte: Sol Gabetta, Maurice Steger, Patricia Kopatchinskaja oder Jonian Kadesha. Auch sie treten immer wieder auf und geben so das Feuer an neue Talente weiter.

«Weltkunst auf dem Lande» ist auch der Titel eines Buches über die Geschichte des Künstlerhauses in Boswil, das die Entwicklung der Alten Kirche aus dem 15. Jahrhundert und der dazugehörenden Gebäudegruppe zu einem wunderbaren Ort der Musik beschreibt.

In der Nachkriegszeit war es eine Stätte für mittellose Künstlerinnen und Künstler. Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Musiker konnten hier im Alter Unterkunft finden und weiterhin künstlerisch arbeiten. Mit grossem Einsatz und Hartnäckigkeit konnten die Initianten unter Willy Hans Rösch die Gelder für den Betrieb aufbringen. Das gelang mit der Unterstützung von Weltklasse-Künstlern, wie Clara Haskil, Geza Anda, Pablo Casals oder Yehudi Menuhin, die für Konzerte zu Gunsten des Künstlerheimes auf alle Honorare verzichteten. Mit den Sozialwerken ging der Bedarf für eine soziale Unterbringung von Kunstschaffenden zurück; über eine Stiftung entwickelte sich das Künstlerheim zunächst zu einem Zentrum für Musik, Theater, Literatur und bildende Kunst. Seit bald zwanzig Jahren ist das Künstlerhaus Boswil ein herausragendes Musikzentrum, mit Konzerten auf internationalem Niveau, einem breiten Förderprogramm für junge Musizierende und einem vielfältigen Kursangebot der Boswiler Akademie für Profis und Amateure.

Die leuchtende Feder im Fächer der musikalischen Schwerpunkte ist das jährliche Musikfestival: «Der Boswiler Sommer». Dieser wird heute mit dem Europäischen Kulturpreis 2021 geehrt.

Ganz herzliche Glückwünsche Dir, lieber Andreas, und Deinem grossartigen Team zu diesem Erfolg!

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