Verbier Festival
Wenn der Dinosaurier weint, lächeln die Mädchen

Das Verbier Festival feiert seinen 20. Geburtstag mit einem prachtvollen Programm, vielen Stars und noch mehr jungen Künstlern. Es dauert noch bis 4. August.

Christian Berzins
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Geigenlegende Ivry Gitlis inmitten seiner Meisterschüler in Verbier.

Geigenlegende Ivry Gitlis inmitten seiner Meisterschüler in Verbier.

Gleich gibts Tränen. Dabei hat der 12-jährige Joachim Camille Saint-Saëns «Rondo capriccioso» zackig gespielt. Doch die Frage des Meisterkursleiters Ivry Gitlis ist vernichtend: «Hast du gut gespielt?» Der norwegische Schüler schweigt, will im Holzstuhl versinken, murmelt schliesslich ein «Nein» und flüstert: «Ich habe zu viele Fehler gemacht.» Darauf entgegnet Gitlis mit befreiender Geste: «Fehler? Das ganze Leben ist voll davon!» Doch dann legt sich der 91-jährige Teufelsgeiger seine Stradivari an den Hals und spielt die Einleitung des Rondos zart, zögerlich mit seidenem Ton, als taste er sich auf dünnstem Eis vor. Jede Sekunde dieses Spiels ist ein Geschenk für die Ewigkeit.

Der Geigentitan Gitlis, der noch den Geist des 19. Jahrhunderts eingeatmet hat, gibt während zweier Stunden Weisheiten von sich, die sich die bunte, aus aller Welt angereiste Schar Geiger ein Leben lang erzählen werden. «Du spielst sehr sicher, Joachim, aber lass doch in deiner Interpretation Platz für ein ‹Vielleicht›. Eine Maschine, ein Computer, kann alles – ausser ‹vielleicht› sagen.» Das kostenlos dem Meisterkurs beiwohnende Publikum ist hingerissen vom Mann in den ausgebeulten Jeans.

Weiter oben am Berg unterrichtet zur selben Zeit die Opernsängerin Barbara Bonney – und dazwischen, in der Kirche, gäbe es ein «richtiges» Konzert mit Meistergeiger Ilya Gringolts. Dabei ist es noch nicht mal Mittag! Bis nach Mitternacht wird es so weitergehen, vieles ist gratis. Diese verschwenderische Üppigkeit ist typisch für das Verbier Festival. Sein Leiter Martin Engström verteilt im Skiort die Ware Musik so grosszügig, dass man andauernd das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Wandern, wenn doch Cellist Gary Hoffman um 14.30 Uhr ein Rezital gibt? Und wohin am Abend? Ins Festivalzelt, zu Legende Elisabeth Leonskaja, oder wieder in die Kirche, wo Cellistenguru Mischa Maisky mit seinen Kindern Sascha und Lily als Trio auftritt? Maisky verkörpert den Verbier-Künstler wie kein Zweiter. Mag das Gefälle zwischen ihm und seinen Kindern gross sein: alle drei erreichen in Schostakowitschs 2. und Brahms 1. Klaviertrio eine unheimliche Intensität.

19 Mal war Maisky in den vergangenen 20 Festival-Jahren hier. Zusammen mit Evgeny Kissin, Thomas Quasthoff, Martha Argerich, Yuri Bashmet, Gidon Kremer oder Maxim Vengerov prägte er das Festival. Dank einer in Verbier erhältlichen 14-CD-Box kann zurückgehört werden in die Festivalgeschichte. Hier gab es immer wieder Konstellationen, die anderswo unmöglich waren – und sind. Viele der Künstler wurden Freunde des charismatischen Festivalleiters und ehemaligen Künstleragenten und Plattenproduzenten Engström. Man mag sagen, «kein Wunder», überschnitten sich doch Jahre lang seine Aufgaben: Als Vizepräsident der Deutschen Grammophon wusste er immer, wie der Hase läuft – ja, bestimmte, wie er zu laufen hatte. Anna Netrebko kam nach Verbier, als sie noch nicht «die Netrebko» war. Sie dankt es Engström am Donnerstag mit ihrem Debüt als Desdemona. Dafür verzichtet sie auf viel Geld, denn in Verbier gibt es eine unveränderbare Spitzengage, die weit unter der marktüblichen liegt. Engström bietet den Künstlern und ihren Familien dafür grosszügig Verbier-Ferien in Chalets, den jungen Stars einen Ort zum Arbeiten und Partymachen – oder er geht für einen Auftritt von Anne-Sophie Mutter auch mal eine Zusammenarbeit mit ihrer Stiftung ein.

Schon zum ersten Festival 1994 brachte Engström die Stars nach Verbier, sein Festivalpräsident, der ehemalige Spitzenbanker Georges Gagnebin, das Geld der UBS. 40 000 Besucher zählt das Festival jeweils in den zwei Wochen, 32 000 Karten werden verkauft (65 Franken die Kammerkonzerte, 50 bis 180 die Sinfoniekonzerte im Zelt). Kein Wunder, jubelte man am Eröffnungsabend «Freude schöner Götterfunken».

Das Festivalorchester – junge Topmusiker aus der ganzen Welt, die sich um die Orchesterstellen reissen – spielte in Beethovens 9. Sinfonie unter der Leitung von Oldie Charles Dutoit bravourös auf. Eindrücklich, wie da an jedem Register gearbeitet worden war, toll, wie gut Holz- und Blechbläser solistisch agierten, wie satt der Streicherklang blühte.

Doch es wurde nicht nur klassisch gejubelt, sondern auch in ganz neuen Tönen gepriesen: Die 40-jährige Russin Lera Auerbach hat für Verbier die süsslich bombastige Kantate «In Praise of Peace» für Solisten, Chor und Orchester geschrieben.

Nebenbei: Kein einziger Gast gockelt hier im Smoking herum. Selbst Nestlé-Chef Peter Brabeck hat beim Eröffnungsabend die Krawatte abgelegt. Als 1994 die Sponsoren in schwarzen Anzügen auftauchten, sprach Engström ein Machtwort: «Dresscode sportif, wir sind in den Alpen!». Seither tragen die Männer sündhaft teure Leinensakkos mit farbigen Hosen und legeren Lederschuhen, die Damen «unauffällige» Sommerkleider – und alle trinken Cüpli aus dem Plastikkelch und geniessen das Alpenglück.

Zum Schluss des Meisterkurses tut das auch Joachim, der die Tränen gerade noch zurückhalten konnte. Als aber ein bulliger Geiger zum Abschluss der Meisterklasse Edward Elgars schwärmerisch-melancholisches «Salut d’amour» spielt, da ist der Geigendinosaurier Gitlis sprachlos, bittet den Russen zu sich, umarmt ihn, steht auf, geht zum Pianisten – und weint. Alsbald liegen ihm die russischen und japanischen Geigenmädchen lachend in den Armen.

Verbier Festival: bis 4. August.
CD: Verbier Festival, 20 ans.

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