Ach Deutschland, es ist zum Verzweifeln. Trotz all deinen Reizen, trotz all deiner Vielfalt: Deiner verdammten Geschichte wegen darf man dich nicht lieben. Das Dilemma, das die Berliner Band Rammstein in ihrem Musikvideo «Deutschland» mit harten Harmonien und noch härteren Bildern ins Bewusstsein der bereits mehr als 21 Millionen Zuschauer gezerrt hat, dieses Dilemma ist alt.

Doch die Gnadenlosigkeit, mit der sich die erfolgreichste deutschsprachige Band unserer Zeit der verhinderten deutschen Selbstliebe annimmt, die ist bislang ohne Beispiel. «Deutschland», am Freitag auf Youtube veröffentlicht, ist ein Lehrstück der musikalischen Provokation.

Knapp zehn Minuten dauert die cineastische Tour de Force, während der sich die Rocker als germanische Kämpfer, Links-Terroristen, sozialistische Funktionäre und SS-Offiziere durch die deutsche Geschichte kämpfen. Die Szene, in der die Band um Frontmann Till Lindemann als KZ-Häftlinge zum Galgen geführt wird, löste in jüdischen Kreisen und feuilletonistischen Schreibstuben heftige Empörung aus.

Ob all der Entrüstung geht schnell vergessen, was Rammstein in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Specter Berlin hier eigentlich macht: Genüsslich sezieren die Musiker die deutsche Geschichte, die kalt atmend vor ihnen auf dem Altar liegt. Rammstein wühlt – in einer Szene ganz wörtlich – in den blutigen Eingeweiden Germaniens und legt seine Pranken hemmungslos in die offenen Wunden der deutschen Erinnerungskultur. All die grausamen Kapitel, die Rammstein in «Deutschland» durchstreift, rufen in Erinnerung, wieso die Nation selbst in der freiheitlichsten aller Zeiten unliebbar bleibt.

Die grausige Frucht Germaniens

Den Blick hinunter in den blutig-braunen Schlund, der hinter der schwarz-rot-goldenen Fassade klafft, kann man als Warnung vor dem Gedöns der neuen deutschen Rechten verstehen, die – versteckt hinter alternativen Partei-Camouflagen – die alte Grösse der Nation herbeisehnt. Wie gefährlich der verblendete Blick auf das Deutsche Selbst noch immer ist, verdeutlicht die mythische Figur der Königin Germania, die im Video immer wieder auftaucht. Mal als Entführungsopfer der RAF-Terroristen, mal als Stalin-Stern-tragende Sekretärin der DDR-Führungsriegen, mal als fast nackte Rap-Queen, die ihre zähnefletschenden Schäferhunde Gassi führt.

Die schwarze Germania mahnt zur Vorsicht vor falschen Götzen.

Die schwarze Germania mahnt zur Vorsicht vor falschen Götzen.

In einer Szene gebiert Germania mehrere haarige Widerlinge und überreicht sie den stoisch dreinblickenden Geburtshelfern. Zu welch monströsen Gestalten die Tiere dereinst mutieren, bleibt unklar. Klar aber ist die Message: Passt auf, welch grausige Frucht euch das verherrlichende Aufschauen zu Germania in die Arme legt.

Rammsteins Annäherung an Germania lässt noch eine andere Lesart zu: Gespielt wird die Königin von der schwarzen Schauspielerin Ruby Commey. Fast schon kitschig verkörpert sie das gesellschaftliche Andere, das vermeintlich Fremde, das zur Projektionsfläche für politischen Hass und kulturelle Verlustängste wird. Doch das Andere ist längst angekommen in der glücklicherweise von den allermeisten Reinheits-Tiraden gereinigten deutschen Gegenwart. Und wenn Ruby Commey als schwarzer Engel ihre Flügel über die weissen Männer spreizt, die vor ihr durch das brennende Purgatorium kriechen, dann kann man das auch als Warnung an alle aufgeschreckten Deutschtums-Prediger verstehen: Passt auf, wie ihr mit dem Anderen umgeht, ihr kriechenden Würmer!

Linke Truppe mit rechtem Ruf

Zu Recht lässt sich fragen: War das nötig? Brauchen wir all die Bilder von Gewalt und Exzess, um die Erinnerung wachzuhalten? Die Antwort lautet: wahrscheinlich nicht. Doch die gelegentliche Provokation ist wichtig, um den schnell verkrustenden Diskurs über das, was war und das, was werden soll, am Leben zu halten.

Mit Provokation spielt Rammstein schon seit der Gründung der Band 1994. Dass den Rockern immer wieder Vorwürfe entgegenschwappen, sie seien rechtsradikale Rabauken, nehmen die Berliner bewusst in Kauf. Schon als Rammstein 1998 für das Video des Songs «Stripped» Filmaufnahmen der Nazi-Regisseurin Leni Riefenstahl verwendete, wurde die Band in die braune Ecke geschoben. Rammstein reagierte mit dem Song «Links 2 3 4», in dessen Refrain Till Lindemann singt: «Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / Doch seh ich nach unten weg / Da schlägt es in der linken Brust.» Lindemann betonte, damit sei ein für allemal klar, wo seine Band politisch stehe.

Das neue Werk der Band ist weniger ein politisches Statement als vielmehr ein Aufruf, radikal und mit künstlerischem Mut auf die Vergangenheit zu schauen. Das fällt gerade den Deutschen zuweilen schwer. Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf» etwa darf in Deutschland bis heute nicht unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu viel Raum für Interpretationen lassen könnte. Noch immer kursiert die Angst, die alten Geister könnten erwachen, wenn man sie nicht mit haufenweise Fussnoten und Anmerkungen in Schach hält.

Rammstein bricht mit diesem Denken und lässt unendlich Raum für Interpretationen. Das mag man gefährlich finden – oder genial. Symbolisch dafür steht die finale Szene des «Deutschland»-Videos. Königin Germania entschwebt in einem Glassarg ins All und verliert sich in der schwarzen Unendlichkeit. Von der Erde her dringt ein roter Lichtstrahl zu ihr hinauf. Wie ein Leuchtturm ragt er aus den Deutschen Landen in den Himmel empor: ein Wegweiser in der haltlosen Weite, ein Richtstrahl aus der düsteren Geschichte. Dass es falsch ist, sich verbissen an ihm festzuklammern, das hat uns Rammstein laut und deutlich in Erinnerung geschrien.