Montagsinterview

Toni Vescoli: «Das Beste von 68 ist meine Tochter»

Im Juli wird der Schweizer Pop- und Rock-Pionier Toni Vescoli 77 Jahre alt. Seine Leidenschaft für die Musik ist ungebrochen. Eben ist ein neues Album mit 15 neuen Songs erschienen.

Er nennt sich selbst einen «Adrenalinjunkie». Der Zürcher Sänger und Musiker ist unermüdlich. Ob mit den Sauterelles, Solo, Duo oder seiner Band. Toni Vescoli ist immer noch gefragt, spielt, singt, komponiert, textet, schreibt und malt.

Seit elf Jahren wohnt er mit seiner Frau Ruthli in Wald im Zürcher Oberland. Zur Veröffentlichung seines neuen Album «Gääle Mond» empfängt er uns mit einem breiten Lachen in seinem grosszügigen Musik- und Probelokal.

Es ist ein kleines Museum, vollgepackt mit Erinnerungen und unzähligen Gitarren. Hier hat er auch acht seiner 15 neuen Songs ganz allein eingespielt. Nur mit Gitarre, Stimme und Mundharmonika. Vescoli sieht blendend aus.

«Die neue Alte, sind chuum meh z’halte», singen Sie in Ihrem neuen Song «Top-Fit». Sie selbst sind bald 77 Jahre alt und sehen topfit aus. Was ist Ihr Geheimnis?

Toni Vescoli: (lacht) Also wenn ich am Morgen aufstehe, schmerzt mich mein Rücken schon. Aber doch, ich kann nicht klagen und bin dankbar, dass es mir so gut geht. Ich habe offenbar gute Gene geerbt. Mein Vater hat noch mit 83 Schnee geschaufelt.

Und welche Rolle spielt dabei Ihre Frau Ruthli?

Natürlich eine sehr grosse. Ich hatte nie Beziehungsstress, das zermürbt nur. Ja, wir haben es wirklich gut zusammen und beide sind gesund.

«Fit trotz Shit» wie Sie im Lied singen. Der Rock’n’Roll-Lifestyle scheint also doch nicht so ungesund zu sein.

Ich habe nie exzessiv gelebt. Nun gut, eine Zeit lang rauchte ich Gras, das ich hinter meinem Haus angepflanzt hatte. Aber nur zum Einschlafen nach den Konzerten. Am anderen Tag war ich aber jeweils so müde und hässig, dass ich schliesslich damit aufgehört habe. Und überhaupt: Ich bin ja sowieso Nichtraucher.

Treiben Sie Sport?

Nein. Ich hatte als Kind einen langen Schulweg und als ich beim Fernsehen tätig war, hab ich gern geschwommen. Aber das ist lange her. Heute hab ich ja gar keine Zeit, um mich sportlich zu betätigen. Die Musik genügt, die hält mich jung. Das ist das beste Training fürs Hirn. Die Koordination von Körper mit Rhythmus, Text lernen usw. es gibt nichts besser. Dazu mache ja alles selber: Ich bin nicht nur Interpret und Komponist, ich bin auch mein eigener Produzent, Manager, Booker und Grafiker. Das hält mich geistig flexibel. Das ist mein Lebensinhalt, meine Leidenschaft und meine Freude.

Dann muss ich auch nicht fragen, ob Sie ans Aufhören denken?

Nein, ich mache es einfach. Inzwischen habe ich zu Zwei-Jahres-Plänen gewechselt. Und wenn Probleme auftauchen, würde ich einfach reduzieren.

Sind Sie vor den Konzerten nervös?

Ja, es ist schrecklich. Und wenn es in der Nähe keine Toilette hat, werde ich noch nervöser. Dazu muss ich jetzt noch neue Texte lernen. Die Angst, plötzlich den Text zu vergessen, vor Aussetzern und Blockaden hatte ich immer. Es ist also keine Frage des Alters. Immerhin bin ich stolz darauf, dass ich keinen Teleprompter oder andere Texthilfen brauche.

Sie werden immer wieder in Verbindung mit der 68er-Revolte gebracht. Was ist für Sie davon geblieben?

Das Beste von 68 ist meine Tochter (lacht). Sie wurde im «Summer of Love», also 1967, gezeugt und ist 68 geboren. Sie war ein richtiges Hippie-Kind. Klar, wir haben alles miterlebt, aber wir waren ja nicht politisch. Wir haben an der ersten Vollversammlung in Zürich gespielt und ich war oft im Bunker. Also dort, wo 1970 in Zürich das erste autonome Jugendzentrum eröffnet wurde. In meiner ID hatte ich sogar einen Stempel der «Autonomen Republik Bunker» und ich ärgerte mich, als der Bunker schon bald wieder geschlossen wurde. Aber wir hatten gar keine Zeit, uns politisch zu engagieren. Wir waren ja immer unterwegs.

Aber Sie sind schon ein politischer Mensch? Rund die Hälfte Ihrer neuen Songs sind politischer oder gesellschaftspolitischer Art.

Ja, ich informiere mich täglich über das Weltgeschehen und meine Texte waren immer stark gesellschaftspolitisch gefärbt. Eigenartig ist nur, dass mich Viele wegen dem Erfolg von Liedern wie «Scho rot» nicht mehr ernst nahmen. Obwohl das Lied eine tragische Geschichte erzählt, fanden die Leute es lustig. Deshalb hab ich den Song 30 Jahre lang nicht mehr gespielt.

In «Wott nüme lose» nerven Sie sich aber über diese Welt und suchen eine Oase abseits von allem «Gschtürm».

Das ist eben die andere Seite von mir. Es ist meine Sehnsucht nach einer heilen Welt. In unserer Wohnung auf Teneriffa haben wir immerhin ein kleines Stück davon.

Vermissen Sie etwas aus der Zeit Ende der 60er-Jahre?

Nein. Die Sauterelles, mit denen ich immer noch unterwegs bin, sind aus jener Zeit und immer noch erfolgreich. Im August sind wir wieder an die Beatleweek in Liverpool eingeladen. Insofern haben wir einfach das Beste von damals in die heutige Zeit gerettet.

In «Turm und Meer» zeigen Sie sich skeptisch gegenüber Revolutionen.

Revolutionen können schon etwas verändern. Sie sind wichtig, aber man muss nicht meinen, dass alles besser wird. Am Ende sind es immer derselbe Art Mensch, der nach Macht strebt und zuoberst steht. Auch bei den 68er. Selbst in den Hippie-Kommunen gab es grauenhafte Machtmenschen, die sich jenseits aller Liebe autoritär und diktatorisch aufführten.

Udo Lindenberg sagte kürzlich in einem Interview, dass er immer noch an die Hippie-Ideale von «Love and Peace» glaube. Wie ist es bei Ihnen?

Ich sagte immer: Hippie sein ist schön, wenn man in den Tag hinein leben kann und niemandem zur Last fällt. Das konnten aber nur jene, die daheim einen Vater mit Kohle hatten. Wenn es aber auf Kosten anderer geht, ist das problematisch und nicht so toll. Insofern waren wir gar keine Hippies. Wir haben viel zu viel gearbeitet. Ich bin weder Hippie, noch 68er … und schon gar kein Alt-Hippie.

Ist ihr ungebrochener Tatendrang nicht schlussendlich das Geheimnis ihrer anhaltenden Fitness?

Wahrscheinlich schon. Ich kann schon auch faul sein, aber nach ein, zwei Wochen muss etwas gehen. Dann brauche ich irgendeine Aufgabe.

Vor 50 Jahren fand das berühmte Festival in Woodstock statt. Jetzt wird zum Jubiläum das Festival widerbelebt. Was halten Sie davon?

Nicht viel. Darin sehe ich in erster Linie eine kommerzielle Ausschlachtung eines damals grossen Ereignisses. Zudem wird Woodstock auf eine Weise idealisiert, wie es nie war. Man sollte manchmal die Vergangenheit auch ruhen lassen können. Wenn jemand noch mal an dieser Zeit schnuppern will, dann akzeptiere ich das. Aber ich möchte das definitiv nicht. Massenveranstaltungen waren mir schon immer ein Graus.

Wir werden immer älter. Es gibt immer mehr Seniorenlisten und Seniorenparteien. Wie stehen Sie dazu?

Klar, auch Senioren sollen ihre Interessen vertreten können. Aber es hat doch eher zu viele Grauhaarige in der Politik. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass es den Alten in der Schweiz gut geht. Sie provozieren sogar einen gewissen Sozialneid, weil sie sich so vieles leisten können.

Die Jungen sind politisch erwacht. Wie halten Sie davon?

Das freut mich sehr. Da und dort schiessen Sie vielleicht etwas übers Ziel hinaus. Aber das dürfen die Jungen, das war bei unserer Generation ja nicht anders.

Dann werden wir Sie nie auf einer Seniorenliste einer Partei finden?

Oh nein. Das ist nichts für mich. Ich kann meine Meinung mit Liedern ausdrücken. Das reicht mir. Schon bei den Sauterelles habe ich Texte für Umweltschutz geschrieben und schon 1971 in meinem englischen Solo-Album Littering angeprangert.

Wurden Sie von den Grünen schon mal angefragt?

Ja, aber ich habe abgesagt. Meine Seele ist zwar grün, aber die Grünen sind mir manchmal schon zu militant. Ich trenne den Abfall fein säuberlich, esse wenig Fleisch und achte auf die Tierhaltung, dafür fliege ich immer wieder nach Teneriffa. Sowieso, bin ich kein Vereinstyp und schon gar nicht einer für eine politische Partei. Ich bin ein einsamer Wolf. Ruthli und ich sind im Baumkreiszeichen der Ulme geboren. Mein Bruder hat ein Buch darüber geschrieben. Ulmen stehen allein auf der Wiese und gehen im Wald zugrunde. Das heisst: Ruthli und ich brauchen keine enge Gemeinschaft, es geht in einer lockeren Gruppe, aber wir genügen uns selber. Wir brauchen auch keinen engen Freundeskreis, ich habe keine Kollegen, mit denen ich in den Ausgang gehe und war noch nie an einem Stammtisch. Schon zu Zeiten der Sauterelles wollte ich immer ein Einzelzimmer.

Weitere grosse Themen in Ihren Liedern sind Globalisierung und Digitalisierung. Verweigern Sie sich?

Nein, überhaupt nicht. Ich lebe damit und mein ganzes neues Album ist digital aufgenommen. Die Errungenschaften der Digitalisierung möchte ich nicht missen. Ich finde aber, dass wir uns in eine gefährliche Abhängigkeit begeben. Wir verhalten uns wie Kleinkinder und verlassen uns blind auf die Errungenschaften der Technik.

Sie sind ein völlig anderer Typ als der verstorbene Polo Hofer. Trotzdem haben sie viel gemeinsam: Ihr beide seid Pioniere in Sachen Popmusik in der Schweiz und ihr beide seid grosse Anhänger der Musik aus dem Süden der USA. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Wir hatten einen sehr guten Draht zueinander, der auf gegenseitigem Respekt basierte. All die Jahre haben wir uns nie als Konkurrenten gesehen. Nur einmal wurde er so richtig hässig: Er hat mir einmal einen Wein empfohlen. Er war wirklich gut. Als Dank für den Tipp hab ich ihm die leere Flasche als Flaschenpost geschickt. Ich meinte das ehrlich, Polo fand das aber gar nicht lustig und meinte: «Schick mir ja nie mehr eine leere Flasche». Ich mochte Polo sehr.

Was sagen Sie zum Schweizer Mundart-Nachwuchs?

Ich kann mich nicht mit allem anfreunden. Vieles empfinde ich als sehr bieder und brav.

Ein wiederkehrendes Thema ist auch der Tod. Wenn Sie wünschen könnten: Wie würden Sie sterben wollen?

Schnell und schmerzlos. Als Udo Jürgens starb, dachte ich: Wow, was für ein Abgang. Er trat auf dem Höhepunkt seines Erfolges von der Bühne des Lebens ab. Besser geht›s nicht.
Ich selber möchte einfach niemandem zur Last fallen. Also bitte nicht auf der Bühne sterben. Diesen Stress möchte ich meinem Publikum nicht antun. Stirbt jemand, dann ist das für das nahe Umfeld tragisch. Für den Sterbenden ist der Tod in meinem Verständnis eine Befreiung und Erlösung.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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