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Taylor Swift: So erfindet sich die US-Sängerin neu

Mit «Reputation» entreisst Popstar Taylor Swift ihre Geschichte der Öffentlichkeit.

Fiona Turner-Hehlen
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Auf «Reputation» zeigt Sängerin Taylor Swift ihre kälteste Seite, ohne die warme je ganz zu vergessen.Universal Music

Auf «Reputation» zeigt Sängerin Taylor Swift ihre kälteste Seite, ohne die warme je ganz zu vergessen.Universal Music

Universal Music

Im Begleitbüchlein zu «Reputation» prophezeit Taylor Swift bereits die Reaktionen, die ihr neues Album auslösen wird: «Klatsch-Blogs werden die Lyrics nach den Männern durchsuchen, die sie jedem Lied zuschreiben können, als ob die Inspiration für Musik so einfach wäre wie ein Vaterschaftstest.» Über die heimlichen Liebschaften und öffentlichen Streitereien des 27-jährigen US-Popstars wird immer wieder spekuliert. Doch das wird ihrer Musik nicht gerecht.

War das jetzt ernst gemeint?

Promi-Wissen ist 2017 sowieso nicht mehr nötig, um die Schmerzen einer jungen Frau, deren Ruf befleckt und beschädigt wurde, zu verstehen: Eine ganze Generation wächst mit dem Internet auf, wo Worte nie zurückgenommen, Fehler nie vergessen und Unwahrheit und Wahrheit nicht mehr auseinandergehalten werden können. Bei diesen Gedanken setzt «Reputation» an. Die Sängerin hat ihre Fans einst gewonnen, weil sie mit dem Herz auf der Zunge in die Welt hinauszog und Trennungen bis ins schmerzvollste Detail beschrieb. In Versen wie «Beschuldigt mich nicht; die Liebe hat mich in die Irre getrieben» oder «Sie sagen, ich hätte etwas Schlechtes getan; wieso fühlt es sich dann so gut an?» ist jetzt aber nicht mehr so klar, ob sie es wirklich ernst meint oder ob es ein sarkastischer Kommentar zu ihrem derzeitigen Image ist.

Mit den wuchtigen Synthbässen gehört das Album auch musikalisch ins Jahr 2017. Und wie sie singt! Klar, Swift war nie für ihre starke Stimme bekannt; seit eh und je kompensiert sie das mit ihrem lyrischen Talent. Allerdings ist in «Reputation» zweifel-los hörbar, dass das ehemalige Country-Sternchen sich nun bis an ihre stimmlichen Grenzen stösst. Auf «Don’t Blame Me» – hat Taylor Swift wirklich ein Soul-Lied geschrieben? Und dazu ein gutes? – tobt sie sich mit ihrer eher mitteltönigen Stimme in einem tieferen Register richtig aus. Mit Songs wie dem mittlerweile berüchtigten «Look What You Made Me Do» oder «I Did Something Bad» reisst Swift ihre Geschichte aus den Händen der Öffentlichkeit und zeigt, dass sie sich von Kritik Fremder nicht kleinkriegen lässt.

Die gute alte Taylor

Kritik von ihr nahestehenden Menschen besorgt sie aber weiterhin: «Mein Ruf war nie schlechter, also magst du mich wohl für mich», singt sie im fünften Song «Delicate». Hier zeigt sie endlich wieder ihre sensible, unsichere Seite, der sie den Grossteil ihres Ruhms verdankt. Ab dem achten Track gibt sie sogar ganz ihre Herzensbrecher-Rolle auf und liefert Liebeslied auf Liebeslied.

Zwar regen nicht alle Songs weltbewegende Gedanken an, dafür sind sie peppige Ohrwürmer, die immerhin Swifts Geheimwaffe, ihre bildhaften Texte, aufzeigen: «Du solltest über die Konsequenzen deines ein bisschen zu starken Magnetfelds nachdenken», singt sie im Lied «Gorgeous». Beim Highlight des Albums, «Getaway Car», das konsequent und meisterhaftpoetisch eine von Anfang an verlorene Liebe mit einer Fluchtwagen-Fahrt vergleicht, herrscht Taschentuchalarm. «Es gab Sirenen im Pochen deines Herzens», sing Swift darin.

Der letzte Song liefert aber die grösste Überraschung; «New Year’s Day» ist eine äusserst intime Pianoballade ohne jeglichen Firlefanz. «Ich will deine Mitternächte, aber ich werde mit dir am Neujahrstag Flaschen aufräumen», singt sie im Refrain. Es ist das Taylor-Swift-Lied, auf das alle gewartet haben: Swift, die mit Break-up-Songs ihre Karriere zementiert hat, singt endlich über eine zuverlässige Liebe, eine Liebe, die andauert. Das Album endet mit einem Fadeout: Eine letzte Klaviermelodie spielt, macht Pause und kehrt wieder zurück. Wie es zuverlässige, andauernde Liebe auch tut.

Taylor Swift Reputation, Big Machine/ Universal.

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