Wer Mundart-Hip-Hop hört, denkt an Basel, Bern oder Zürich. Wer Hip-Hop kennt, weiss aber, dass sich auch ein Tal im Baselbiet seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat. Das Waldenburgertal, kurz: WB-Tal.

Vor 25 Jahren überführte Emanuele de Caro alias Shape die Hip-Hop-Kultur nach Waldenburg. Der Sekschüler brachte anderen Teenies Graffiti und Rap näher. Darunter war auch einer, der Raphael Flury hiess, bald aber Poet genannt wurde. «Wir hörten kalifornischen Hip-Hop von N.W.A. und staunten über den Mundartrap von Black Tiger. Also wagten wir uns an die ersten Reimversuche - ich kritzelte Verse im Stil von Musenalp-Express-Gedichten auf Papier», erinnert sich Poet heute.

Die Jungs trafen sich jeden Abend. Um einen Proberaum zu kriegen, gaben sie sich einen seriösen Anstrich: Sie gründete einen Verein, European Noise Control, und konnten sich so in der Uhrenfabrik Oris einmieten, wo sie an ihrer Kunst feilten.

Freestyle-Rap als Wunderwaffe

Mitte der 90er-Jahre wuchs die Hip-Hop-Clique im Tal auf 15 Leute an, man traf sich nicht nur in Hölstein, sondern auch in Niederdorf. Und quetschte sich jedes Wochenende in zwei Kombis, um Hip-Hop-Partys in der Schweiz zu besuchen. So wurden Bekanntschaften mit Gimma in Chur oder der Chlyklass in Bern geknüpft. Und wo immer sie hinkamen, die Landschäftler, liessen die Städter mit ihrer spontanen Reimkunst aufhorchen. Ihre Spezialität war der Freestyle-Rap, die Improvisation. «Das war unsere Wunderwaffe, damit räumten wir ab. Wir brachten keine fertigen Songs mit, uns ging es um den Moment. Denn wir wussten: Gemeinsam waren wir stark.»

Der kollektive Gedanke, die gemeinsame Freude und Leidenschaft, stand für Poet immer im Vordergrund. Während die Stadtbasler Rapper damals mit sich selber beschäftigt schienen oder sich gegenseitig dissten, braute sich in der Provinz etwas zusammen, das er in einem Label zusammenfasste: WB-Tal.

«Wir verfolgten von Anfang an eine One-Love-Strategie», sagt Poet. «Wir halfen uns und anderen, vertrieben CDs, organisierten Konzerte, lebten die Ideologie. Hip-Hop war ein Gemeinschaftsding.»

Die familiäre Atmosphäre lockte immer öfter andere Rapper für Jams ins kleine Niederdorf – darunter auch einen gewissen Bligg aus Zürich.

«Die Anziehungskraft hatte damit zu tun, dass es bei uns keine Vorurteile gab, nur ein Miteinander. Das hat über die Region hinaus Eindruck gemacht», resümiert Poet.

Auch wenn er betont, dass der Plausch stets im Vordergrund stand: Ein bisschen Ehrgeiz schwang mit: «Mein Ziel war es, dass man das WB-Tal in der Schweiz für immer mit Rap verbinden wird», gibt er denn auch zu. Sein Nachfolger als Labelchef, Roman Stofer, veredelte die Absicht im neuen Jahrtausend.

Poets frühe Veröffentlichungen, «Exklusiv» und «Homework», ebneten 1997 und 1998 den Boden, die limitierten Exemplare waren rasch vergriffen und wurden zeitweise für 200 Franken gehandelt. Doch die Säle füllten andere: Tafs aus Liestal und Brandhärd aus Allschwil. Mit ihnen feierte das WB-Tal-Label landesweit Erfolge.

Poet zog sich zunehmend zurück, ein neues Familyfeeling stellte sich ein, als er vor 13 Jahren Vater wurde. Mit ein Grund, dass er nicht mehr jedes Wochenende um die Häuser ziehen mochte. Aber auch die Entwicklungen im Hip-Hop bereiteten ihm Mühe. «Mit der Egozentrik im Rap, den angriffigen Battles, konnte ich nichts anfangen», sagt er.

Eine neue Generation taucht auf

Was nicht heisst, dass Poet die Musik ganz aufgegeben hat. Regelmässig steigt er ins Sissacher Pumpwerk runter, um an einer Freestyle Session mitzuwirken und den Arbeitstag als Versicherungskaufmann hinter sich zu lassen.

Doch etwas anderes motivierte ihn, 2017 nochmals was Grosses anzureissen: ein Auftritt mit seinem eigenen Sohn - und die Feststellung, dass sich eine neue Generation Rapper und DJs bemerkbar machte, im Waldenburger Tal: Sie nennen sich E-Light, Fuxxx oder Gfaselbieter, und erinnern ihn an seine Anfänge. «Der Rap lebt wieder in den Kellern», freut sich Poet.

Das feiert er anlässlich seines 40. Geburtstages mit einer grossen Party im Modus - und mit einer Uraufführung: Poet präsentiert einen neuen Song, an dem 15 Rapper mitwirken, von alten Wegbegleitern wie Shape oder Tafs bis zu den Jungspunden von Hometon Records.

Der Auftritt wird gefilmt und später ins Netz gespiesen. «Ich hoffe, dass damit die Magie von WB-Tal auch der Nachwelt erhalten bleibt.»

40 Jahre Poet, 20 Jahre WB-Tal: Modus, Eichenweg 1, Liestal. Sa, 3. Juni, 22 Uhr.