Dornach
Sopranistin Marion Ammann: «Opernsängerin ist man nicht ewig»

Am Sonntag tritt die Opernsängerin mit internationaler Bekanntheit im Kloster Dornach auf. Sie überlegt sich aber, den Beruf zu wechseln.

Hans-Martin Jermann
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Zusatzrunde oder Schlussstrich? Opernsängerin Marion Ammann.

Zusatzrunde oder Schlussstrich? Opernsängerin Marion Ammann.

Kenneth Nars

Marion Ammann ist eine der besten Opern- und Konzertsängerinnen der Schweiz und hat internationales Renommee. Als erste Schweizerin überhaupt spielte sie die Isolde in Richard Wagners «Tristan und Isolde». Ammann hat auf den grossen Bühnen der Welt gesungen, an der Mailänder Scala, im Concertgebouw in Amsterdam oder an der Dresdner Semperoper. Seit fünf Jahren organisiert die gebürtige Zürcherin jeweils zu Advent in ihrer Wohngemeinde Dornach ein Weihnachtskonzert. Dieses Mal gibt sie mit ihrem Ensemble Pergolesis Jahrhundert-Werk «Stabat Mater».

Marion Ammann, Sie haben Gastspiele auf Opernbühnen weltweit. Weshalb organisieren Sie in Ihrer Wohngemeinde Konzerte?

Marion Ammann: Am liebsten würde ich ja ausschliesslich in der Schweiz oder im nahen Ausland singen. Aber das geht nun mal nicht. Für das Renommee einer Opernsängerin ist es wichtig, dass sie Häuser «sammelt», also international auf verschiedenen Bühnen tätig ist. Zum Konzert im Kloster: Ich möchte der Bevölkerung der Region damit etwas zurückgeben. Ich fühle mich sehr wohl in Dornach.

Ich dachte, dass das Reisen für Sie ein Privileg Ihres Berufs darstellt.

Das dachte ich am Anfang auch – und ich kam ziemlich auf die Welt: Vor allem in den ersten Jahren war es happig, wenn ich erstmals eine Rolle spielte. Damals musste ich sehr viel Zeit in Proben investieren. Schliesslich muss jeder Schritt sitzen. Ich muss wissen, in welcher Sekunde ich das Getränk aus dem Kühlschrank hole, wann genau ich ein Glas auf den Boden fallen lasse. Für den Zuschauer ist diese punktgenaue Abstimmung von Handlung und Musik faszinierend, vor allem, wenn es beiläufig und zufällig wirkt. Das ist es aber nicht. Kurzum: Um das Leben in den Städten zu geniessen blieb kaum Zeit.

Das klingt, als bereuten Sie etwas.

Nein, nein, so möchte ich es nicht verstanden wissen. Ich hatte eine tolle Zeit an vielen grossen Opernhäusern. Ich wollte unbedingt an die Mailänder Scala – und habe das geschafft. Ich hatte einen tiefen Einblick in verschiedene Kulturen, weil ich oft monatelang in einer Stadt weilte, etwa in Buenos Aires oder São Paulo. Aber mittlerweile habe ich nicht mehr so Lust, lange weg zu sein, vor allem nicht in Übersee: Die Klimaanlagen mit der trockenen Luft, die langen Flüge, die Unsicherheit, ob das Opernhaus sich an die Abmachungen hält.

Sie sind Konzert- und Opernsängerin. Was machen Sie lieber?

Schwierig zu sagen. Wer in mein Herz reinschauen möchte, der kann das vielleicht eher an einem Konzert erleben. Da kann ich ganz ich selbst sein. Bei der Oper nehme ich gerne Rollen an, die ich mag. Eine meiner grossen Rollen ist die der Salome in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss. Heute könnte ich Salome nicht mehr spielen. Salome kriegt auf ihr Verlangen den abgeschlagenen Kopf von Jochanaan auf einem Silbertablett serviert. Die Rolle ist psychisch extrem belastend. Ich habe das immer sehr persönlich genommen, was mir als Schauspielerin einigen Erfolg brachte, weil die Zuschauer merkten: Dieser Frau ist es ernst.

Sie haben mit Erfolg Isolde verkörpert in Wagners «Tristan und Isolde» oder Lady in «Lady Macbeth». Stoffe voller Leidenschaft, Erotik und Gewalt. Als Opernsängerin können Sie in Welten eintauchen, die Normalbürgern verborgen bleiben.

Es gibt aber auch in unserer modernen Gesellschaft Möglichkeiten, für eine gewisse Zeit jemand anders zu sein: Die Basler Fasnacht ist dafür ein gutes Beispiel. Ich konnte mit der Fasnacht genau deswegen lange nicht so viel anfangen: Ich habe quasi das ganze Jahr «Fasnacht», weil ich andauernd in andere Rollen schlüpfe. (lacht)

Entspricht es einem Ur-Bedürfnis des Menschen, temporär jemand anderes zu sein?

Ja, ich denke schon. Und ich bin auch überzeugt, dass das positiv ist, denn es erhöht das Mitgefühl gegenüber anderen. Es ist gut, wenn man sich im Leben nicht ausschliesslich mit sich selber beschäftigt. Ich habe kürzlich überlegt, ob ich mal in einen dieser Anzüge steigen soll, der das Alter simuliert. Ich könnte dann nicht mehr so gut sehen, mich nicht mehr so gut umdrehen, nicht mehr so einfach Treppen steigen. Etwas Ähnliches passiert in der Oper, wenn ich eine alte Frau spiele.

Wollten Sie bereits als Mädchen Sängerin werden?

Ich wollte nie Opernsängerin werden. Als Mädchen war mein Berufswunsch Pilotin oder Bundesrätin. Das Leben hält aber doch viele schöne Geschichten und Überraschungen bereit. Ich bin nämlich vor vielen Jahren von einer Sekretärin der Musikhochschule Basel am Telefon regelrecht überredet worden, zusätzlich zur Aufnahmeprüfung an die Schola auch jene ans Opernstudio zu absolvieren. Selber wäre ich nie auf diese Idee gekommen, da ich meinen Stimmumfang eigentlich für zu begrenzt hielt. Als ich mich Jahre später bei der Frau bedanken wollte, konnte oder wollte sie sich nicht mehr erinnern. Dabei hatte sie mich einfach angemeldet und damit meinem Leben eine entscheidende Richtung gegeben. Der Pianist an jener Prüfung war übrigens Hartwig Joerges, der mich am Sonntag begleiten wird und mit dem mich seit damals eine Musikerfreundschaft verbindet.

Glauben Sie an Gott?

Ja, sonst könnte ich nicht an einem Adventskonzert auftreten.

Was bedeutet Ihnen die Musik? Was würde Ihnen ohne Musik fehlen?

Ich frage mich das kaum, weil ich ständig Musik in den Ohren habe. Nach vielen Stunden Proben bin ich auch mal froh, wenn es ganz still ist. Zu Ihrer Frage: Es sind diese Momente während eines Konzerts, in denen man spürt, dass mit dem Künstler und dem Publikum etwas passiert, dass eine spezielle Form der Interaktion passiert. Diese Momente lassen sich während der Proben nicht simulieren, weder zu Hause in der Badewanne noch auf der Bühne im leeren Opernhaus. Da passiert meist gar nichts. Ich bin auf diese Interaktion, auf Begegnungen angewiesen, ansonsten kann ich als Künstlerin nicht lebendig sein.

Welche Ziele haben Sie noch?

Es würde mich reizen, etwas mit Immobilien zu machen, da ich es wichtig finde, dass Menschen sich wohlfühlen in ihrem Zuhause. Gerne würde ich auch wieder mehr Zeit investieren für die Bienen- und Schmetterlingszucht.

Wirklich? Möchten Sie nicht Sängerin bleiben?

Opernsängerin ist man nicht ewig. Die wichtigste Zeit ist zwischen 40 und 50. Da ist man als Sänger oder Sängerin am besten. Ich bin beruflich derzeit am Scheideweg. Ich muss mir überlegen: Mache ich noch eine Runde oder ziehe ich einen Schlussstrich und wage was Neues. Vielleicht schaffe ich es auch, ein Opernfestival in der Region auf die Beine zu stellen.

Wie gehts in naher Zukunft weiter?

Ein Gastspiel in Südamerika ist wieder im Gespräch, aber das ist noch nicht spruchreif. Das nächste geplante Engagement würde in der Region stattfinden, die Operette «Fledermaus» . In einem halben Jahr sollen die Proben beginnen, aber es ist leider immer noch unklar, ob das Geld gesprochen wird.

Nochmals zum Konzert vom Sonntag. Was erwartet Ihre Zuhörer?

Das Konzert soll unter anderem Begegnungen schaffen, deshalb bieten wir als Möglichkeit ein gemeinsames Mittagessen im Vorfeld an. Ich verstehe unser Konzert als etwas Traditionelles, wie zum Beispiel das Adventskonzert in der Frauenkirche Dresden, natürlich im viel kleineren Rahmen. Wir möchten den Zuhörern ein schönes und hoffentlich tiefes Adventserlebnis bescheren.

Adventskonzert mit dem Ensemble um Sopranistin Maron Ammann: Sonntag, 11. Dezember, 16 Uhr, vorgängig ab 13 Uhr gemeinsames Mittagessen. Vorverkauf: Sutter Eisenwaren Dornach

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