Peking
Sinfonieorchester und Waggis spielen China den Wettsteinmarsch

Zum Höhepunkt des Auftaktkonzerts des Sinfonieorchesters Basel in Chinas Hauptstadt marschieren die Musiker als Fasnachtszyygli in die «Forbidden City Concert Hall» ein.

Hans-Georg Hofmann, Peking
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Das Basler Sinfonieorchester zu Gast in Peking
10 Bilder
Yi-Bing Chu ist einstiger Solo-Cellist des Sinfonieorchesters Basel
Zhengyangmen-Pagode, Haupttor der Inneren Stadt
Das Sinfonieorchester Basel als interessierte Touristengruppe.
Fotograf
Platz des Himmlischen Friedens, Blick zum Haupteingang zur Verbotenen Stadt (Kaiserpalast) mit dem Mao-Porträt
Platz des Himmlischen Friedens mit dem Mao-Mausoleum in der Mitte
Häuserschlucht
Schnappschüsse von einem Strassenmarkt mit exotischen Speisen
Schnappschüsse von einem Strassenmarkt mit exotischen Speisen

Das Basler Sinfonieorchester zu Gast in Peking

Anja Wernicke

Es ist Frühling in Peking. Die Magnolien blühen. Die Luft ist frisch und erstaunlich sauber für eine Megacity mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens thront noch immer Maos Konterfei vor dem Eingang in die Verbotene Stadt. Im westlichen Teil der Verbotenen Stadt befindet sich der Zhongshan Park – ein Ort der Ruhe und Erholung, benannt nach einem ehemaligen Bürgermeister von Peking.

Zwischen uralten Bäumen findet der neugierige Besucher einen Teil der insgesamt knapp 900 Paläste, die einst vom Kaiser und seinen 3000 Konkubinen und Eunuchen bewohnt wurden. Der Legende nach sollen es 9999 1⁄2 Räume gewesen sein, einen halben Raum weniger als im Reich des Himmels. Zahlreiche Hochzeitspaare lassen sich heute in der Märzsonne zwischen den Palästen fotografieren. Junge Soldaten rennen unter lautem Geschrei durch die Gartenanlage. In der Mitte des Zhongshan Parks liegt die Forbidden City Concert Hall – Auftaktort für die Asientournee des Sinfonieorchesters Basel.

Instrumente kommen verspätet an

Das Team um Projektleiter Yannick Studer, das die Tournee organisiert hat und das Orchester auf seiner Reise begleitet, hatte bereits am Abend zuvor die ersten grösseren Herausforderungen zu meistern. So hatte das Fracht-Flugzeug der Lufthansa, das alle Instrumente an Bord hatte, wegen eines Streiks einige Stunden Verspätung. Auch der Solist, der Pianist Fazil Say, kam mit Verspätung in Peking an. Zudem hatte ein Orchestermusiker bei der Ankunft starkes Fieber. Auf einer Tournee, bei der jeder und jede gebraucht wird und keine Ersatzspieler eingeplant sind, kann die Erkrankung von Musikern schnell zu einem Problem werden.

Am Konzerttag sind aber zum Glück alle vor Ort – inklusive die Instrumente aus dem verspäteten Fracht-Flugzeug. Der leitende Orchestertechniker Patric Straumann ist begeistert von der Organisation vor Ort. Lastwagen dürfen zwar erst ab 23 Uhr durch die Stadt fahren, dafür sind um diese Uhrzeit die Strassen frei. Ein Kompromiss, der die Millionenstadt vor dem Verkehrsinfarkt rettet.

Über einen Seiteneingang und nach intensiver Personenkontrolle erreichen wir um die Mittagszeit die Verbotene Stadt. Anschliessend beginnt die Probe der Zugaben unter der Leitung von Chefdirigent Dennis Russell Davies. Schliesslich ist alles vorbereitet und es kann losgehen. Obwohl ein Montag in China kein idealer Konzerttag ist, strömt ein überwiegend junges Pekinger Konzertpublikum in den Saal. Auch die Botschafter aus der Schweiz und der Türkei sind anwesend.

Zugaben-Strauss begeistert

Fazil Say, der komponierende Pianist aus Istanbul, der schon in Basel begeisterte, spielt Beethovens drittes Klavierkonzert. Der Applaus ist gross, sodass er als Zugabe ein eigenes Werk spielt. In der Pause herrscht grosse Freude bei den älteren Orchestermusikern. Yi-Bing Chu, der einstige Solo-Cellist des Sinfonieorchesters Basel, heute Professor am Konservatorium von Peking, ist gekommen, um seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen.

Im zweiten Teil steht ein Werk der chinesischen Komponistin Chen Yi auf dem Programm, danach beschliesst Igor Strawinskys «Feuervogel» den offiziellen Konzertteil. Das Publikum ist sichtlich begeistert und erklatscht sich drei Zugaben. Das Orchester spielt zuerst den «Pekingmarsch» und im Anschluss den «Wettsteinmarsch» von Hermann Suter. Dafür wechseln die beiden Flötistinnen Julia Haberschuss und Rahel Leuenberger zum Piccolo. Der Orchestertechniker Peter Büttler schnallt sich seine Fasnachtstrommel um und Geschäftsleiter Franziskus Theurillat nimmt das Ladäärnli in die Hand. So marschiert das vierköpfige Fasnachtszyygli mit bunten Larven unter lautstarkem Beifall in die Forbidden City Concert Hall ein. Das Publikum jubelt, applaudiert und winkt auch noch nach der letzten Zugabe – einem Orchesterarrangement des populären chinesischen Volkslieds «Jasminblume» – obwohl das Orchester schon von der Bühne gegangen ist. Nach der Arbeit kommt das Vergnügen und es stellt sich die Frage, wo man kurz vor Mitternacht in der Megastadt noch etwas zu essen bekommt.

Hans-Georg Hofmann ist Leiter der künstlerischen Planung des Sinfonieorchesters Basel.

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